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Zum Tod der Regisseurin Lina Wertmüller : Anarchistin mit zärtlichem Blick

Komödiantisch und scharfsinnig: Lina Wertmüller ist mit 93 Jahren gestorben. Die Italienerin war als erste Frau für einen Regie-Oscar nominiert.

Zum Tod der Regisseurin Lina Wertmüller : Anarchistin mit zärtlichem Blick

Die Regisseurin Lina Wertmüller.Foto: imago

Ihr persönliches Markenzeichen war eine demonstrativ ulkige, weißrandige Brille. Durch diese Brille sah sie die Welt freilich höchst farbig, komödiantisch, scharfsinnig. Auch widersprüchlich, nie nur schwarzweiß, obwohl die 1928 in Rom geborene Regisseurin und Autorin Lina Wertmüller zu den entschieden linken und – in der durchaus machistisch geprägten Kulturszene Italiens – zu den frühen, führenden Feministinnen gehörte.

Im italienischen Filmbusiness war sie ab den 1960er Jahren buchstäblich eine Primadonna, nämlich die erste Regisseurin am Set. 1977 wurde Lina Wertmüller mit ihren „Sieben Schönheiten“ als überhaupt erste Frau für einen Regie-Oscar nominiert. Jetzt ist sie im Alter von 93 Jahren in Rom gestorben.

In „Sieben Schönheiten“ spielte ihr langjähriger Lieblingsakteur Giancarlo Giannini einen neapolitanischen Häftling in einem deutschen Lager, der sein Leben rettet, indem er seinen Körper einer scharfen Nazikommandantin darbietet. Vorher war er auch schon mal in einem Irrenhaus, hatte eine Patientin vergewaltigt, es ist ein scheinbar kruder Stoff. Doch Wertmüllers Stärke war immer ihr allen Figuren zugewandter, noch im Grotesken oder Grausamen zärtlicher Blick.

Sie schrieb alle ihre Drehbücher selbst

„Liebe und Anarchie“ von 1973, ihr wohl meistgerühmter Film, der zur Mussolini-Zeit in einem Bordell spielt, hat Politik, Erotik und Komödie schon im Titel beispielhaft vereint. Lina Wertmüller war mit dem Regisseur Federico Fellini, dem sie bei seinem Film „8 ½“ assistiert hatte, ebenso befreundet wie mit dem Theaterpaar Franca Rame und Dario Fo.

Sie blickte aber, aus einer Familie mit adligen Schweizer Wurzeln stammend, über Italien hinaus und engagierte auch gerne ausländische Schauspieler wie Harvey Keitel, Fernando Rey, den Berliner Akteur Hartmut Becker oder in „Sieben Schönheiten“ als NS-Domina die resolute Amerikanerin Shirley Stoler.

Ihre fantasiesprühenden Drehbücher schrieb sie alle selbst, machte auch Theater und inszenierte Opern. So feierte an der Freien Volksbühne in Berlin 1987 ihr Erfolgsstück „Liebe und Magie in Mamas Küche“ mit Elisabeth Trissenaar in der Hauptrolle deutsche Premiere, Regie führte damals Peter Palitzsch. Und an der Bayerischen Staatsoper in München inszenierte Lina Wertmüller 2014 noch Georges Bizets Oper „Carmen“. Vor zwei Jahren hat die liebende Anarchistin dann zwar spät, aber immerhin, einen Oscar für ihr Lebenswerk erhalten.

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