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Zorniger Melnyk bei „Anne Will“ : „Das, was Sie anbieten, ist moralisch verwahrlost“

Anne Will will über mehr Waffen für die Ukraine diskutieren. Aber dann geht es um die Kanzler-Rede – und Diplomat Melnyk und Soziologe Welzer zoffen sich.

Zorniger Melnyk bei „Anne Will“ : „Das, was Sie anbieten, ist moralisch verwahrlost“

Anne Will und ihre Gäste diskutieren über Waffenlieferungen an die Ukraine.Foto: Screenshot von https://daserste.ndr.de/annewill/index.html

Kann man, absurde Frage, Frieden schaffen mit immer mehr Waffen? Muss der Westen die Ukraine mit Panzern und anderem schweren Kriegsgerät in den Stand setzen, die russischen Invasoren zurückzuschlagen?

Oder ist es nicht zynisch, die Ukraine zur Einstellung ihres Widerstandes gegen Putins Invasoren aufzufordern, damit nicht noch mehr Menschen sterben? Lautet so die 2022-er Variante von „Lieber rot als tot?“

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Mit diesem Szenario wollte Anne Will in die Sendung am späten Sonntagabend starten. Sie schien personell gut gerüstet für diese Grundsatzdebatte: Die Grüne Fraktionsvorsitzende Britta Haßelmann, die genauso entschlossen eine westliche Appeasement-Politik gegenüber dem Aggressor Putin ablehnt wie Ruprecht Polenz, der langjährige (CDU)-Vorsitzende des Auswärtigen Bundestagsausschusses.

Kevin Kühnert, der SPD-Generalsekretär, zum Spagat verdammt zwischen divergierenden Flügeln seiner Partei. Den Gegenpart zu vertreten, war Harald Welzer, der Soziologe, eingeladen, der zu den Erstunterzeichnern des Friedensappells in der „Emma“ gehört. Zwischendrin der als Zündfunkengeber bereits eingeführte Botschafter der Ukraine, Andrij Melnyk, der für seine Heimat hier in Berlin mit dem Zorn der Verzweiflung kämpft.

150 Minuten vor Sendebeginn überraschte der Kanzler

Aber da hatte es noch, 150 Minuten vor Sendebeginn, eine überraschende Fernsehansprache des Bundeskanzlers zum 77. Jahrestag der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 gegeben.

Es war eine von Anne Will nicht vorhersehbare Wortmeldung des Regierungschefs, an der im Studio dennoch niemand vorbeigehen konnte, am wenigsten die Moderatorin. In einer eindringlichen und von großer, geradezu beklemmender Klarheit getragenen Rede hatte Olaf Scholz am Vorabend einer von Wladimir Putin für Montag erwarteten aggressiven russischen Standortbestimmung  die Position des Westens und damit auch die Deutschlands klar gemacht: Es darf keinen russischen Diktatfrieden geben. Die Angst darf uns nicht lähmen. Wir werden nicht allein handeln. Wir wollen nicht zur Kriegspartei werden, aber wir werden Recht und Freiheit an der Seite des Angegriffenen verteidigen.

„Warum diese Ansprache?“

Dass damit keine risikofreie Politik beschrieben wurde, musste allen Gästen von Anne Will klar sein. Wie gingen sie mit der Wegweisung des Kanzlers um? Harald Welzer urteilte professoral, die Rede sei hochgradig indifferent gewesen. Botschafter Melnyk war sie, das konnte kaum überraschen, zu wenig konkret.

Kevin Kühnert beantwortet die Frage nach dem „Warum diese Ansprache?“ mit der philosophischen Folgerung, die Menschen wollten einfach die Bestätigung hören, dass die Prinzipien von gestern noch gelten. Ruprecht Polenz diagnostizierte wenig Neues, aber den naheliegenden Versuch, die eigenen Leute zu sammeln, trifft sich also irgendwie in der Analyse mit Kühnert. Und Britta Haßelmann war ganz einfach „froh, dass er die Rede heute gehalten hat“.

Die Aussage zumindest scheint in der öffentlichen Debatte über die Rede mehrheitsfähig zu sein. Bei Anne Will hingegen fand sich wenig, was auf breite Übereinstimmung stieß. Das sprach nicht gegen die Moderatorin, sondern bestätigte früh, was Sozialdemokrat Kevin Kühnert erst am späten Abend diagnostizierte: Das Thema „Wie umgehen mit dem Überfall Putins auf die Ukraine?“ ist dabei, die deutsche Öffentlichkeit ähnlich zu spalten wie zwei Jahre zuvor der Diskurs über das richtige Vorgehen gegen die Corona-Pandemie.

Während dieser Streit sich inzwischen weitgehenden erledigte, weil das Virus sich gerade von einer zahmeren Seite präsentiert, ist im Ukrainekonflikt weder im Krieg selbst noch im Streit über den Umgang damit Entspannung erkennbar.

Zwischendrin ging es verbal-kriegerisch zu

Harald Welzer, er gehört zu den Erstunterzeichnern des in der „Emma“ veröffentlichten Appells an den Kanzler gegen die Lieferung schwerer Waffen, stellt fest, dass man gegen eine Atommacht keinen Krieg gewinnen könne, bestreitet aber, daraus zu folgern, es bleibe nur die Kapitulation.

CDU-Außenpolitiker Polenz listet dagegen jene Konflikte auf, in denen Atommächte geschlagen das Feld räumten (Vietnam, Afghanistan) und sieht sich mit der grünen Abgeordneten Haßelmann in der Konsequenz einig: Wenn ein Land ein anderes ohne Grund überfällt, gibt es keinen Kompromiss, sondern nur die Forderung nach Rückzug.

Zwischendrin ging es durchaus verbal-kriegerisch zu. Welzer und Melnyk gifteten sich an. „Das, was Sie anbieten, ist moralisch verwahrlost“, warf der Botschafter dem Soziologen vor. Welzer wiederum forderte Melnyk auf: „Seien Sie nicht so borniert!“

Polenz hielt Welzer ein kurzes Grundlagenseminar („Diese These ist belegbar falsch!“), aber Anne Will behielt die Übersicht. Der Kanzler hatte am Ende eben doch eine alle Gegensätze überwölbende Gemeinsamkeit formuliert: Es darf keinen russischen Diktatfrieden geben. Wahrscheinlich wäre es am Ende sogar besser gewesen, die überraschende Kanzlerrede selbst in den Mittelpunkt der Diskussionsstunde zu stellen.

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