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Yuriy Gurzhys Kriegstagebuch, Teil 8 : Boris singt mit seiner Schulklasse einen Hit für den Frieden

Der ukrainische Autor und Musiker Yuriy Gurzhy lebt seit 1995 in Berlin. Wie er von hier aus den Krieg in der Ukraine verfolgt, schreibt er in diesem Tagebuch. 

Yuriy Gurzhys Kriegstagebuch, Teil 8 : Boris singt mit seiner Schulklasse einen Hit für den Frieden

Andrii Sun Zaporozhets (l) und Serhii Babkin von 5’Nizza bei einem Konzert in Kharkiv Anfang 2020.

13. März 2022
Habe ich schon erwähnt, dass ich Russischsprachler bin? Also ich spreche auch Ukrainisch, und in den letzten Jahren eigentlich immer mehr, aber mit meinen Eltern und Großeltern in Charkiw habe ich immer Russisch gesprochen.

Auch mein in Berlin geborener 17-jähriger Sohn Boris kann Russisch. Die Sprache hat er zu Hause sowie in einem Prenzlauerberger Verein gelernt, der ungefähr so alt ist wie er. Gegründet wurde er von russischsprachigen Müttern, die fest entschlossen waren, ihre Muttersprache an ihre Kinder weiterzugeben. Den Verein gibt’s bis heute, die Mütter im Vorstand kenne ich seit vielen Jahren. Manche von ihnen kommen aus Russland, manche aus der Ukraine.

Politische Differenzen waren dort nie ein Thema. Am ersten Kriegstag hat der Vorstand alle Mitglieder zu einer Anti-Putin-Demo am Brandenburger Tor eingeladen. Es wurde entschieden, den neu ankommenden ukrainischen Kindern einen deutschen Sprachkurs anzubieten. Inzwischen findet der Deutschunterricht im Verein täglich statt.

In den ersten Kriegstagen kam Phine, die Freundin meines Sohnes, auf die Idee, in der Schule Spenden für die Ukraine zu sammeln. Mit ihren Schulkameraden*innen bastelte sie Armbändchen, Ringe und Ketten mit ukrainischer Symbolik, mitgemacht haben viele, darunter auch Kinder russischsprachiger Eltern. Ich habe für zehn Euro eingekauft. Auch der Schuldirektor unterstützte die Spendenaktion in seinem Newsletter.

Im Musikunterricht hatte Boris letzte Woche die Aufgabe, seiner Klasse einen Antikriegssong beizubringen. Angesichts der Situation hat er sich für „Soldat“ entschieden. Diese akustische Bob Marley-ähnliche Pazifismus-Hymne hat das Duo 5’Nizza aus Charkiw 2003 herausgebracht, sie wurde zum Hit, den man oft und gern nicht nur in der Ukraine im Chor sang.

In den Monaten nach der Songveröffentlichung sind die Jungs von 5’Nizza von Underground-Helden zu Superstars aufgestiegen, zu ukrainischen Simon & Garfunkel des neuen Jahrhunderts. Sie haben auf der ganzen Welt gespielt, große Clubs in Kiew, Moskau, Berlin und London waren ausverkauft.

Ein paar Jahre später gingen sie getrennte Wege. Wenige Tage nach Kriegsbeginn sah ich im Netz das Tourplakat von SunSay, der Band eines der beiden 5’Nizza-Sänger – mit der Ankündigung von drei Konzerten in Russland. Serhij Babkin, die andere Hälfte des Duos, veröffentlichte gestern auf YouTube eine neue Version vom „Soldat“ – musikalisch hat sich nichts verändert, schon bei den ersten Akkorden erkennt man den Song, aber der Text ist komplett umgeschrieben.

Die aktualisierte Fassung ist viel konkreter als das Original: „Ich bin ein Soldat/ Aber ich wollte diesen Krieg nicht/ Ich bin ein Soldat/ Ein Held der freien neuen Welt/ Ich bin sehr sauer und sehr stark/ Und von solchen wie mir/ Haben wir eine Million hier/ Russisches Kriegsschiff, fick dich!“

Eine ukrainische Webseite mit Musiknews berichtet von der Entscheidung der legendären britischen Band Pink Floyd, alle ihre nach 1987 aufgenommenen Alben von allen russischen sowie belarussischen Streaming-Plattformen zurückzuziehen – als Zeichen gegen der Aggression in der Ukraine. In ihren Kommentaren unter dieser Meldung sind die ukrainischen Fans ein wenig enttäuscht.

[Alle aktuellen Entwicklungen im Ukraine-Krieg können Sie hier in unserem Newsblog verfolgen.]

„Tja,“ schreibt einer aus Kiew, „Ist zwar gut gemeint, aber wen interessiert schon Pink Floyd nach 1987? Was ist mit ,Dark Side Of The Moon?’ ,The Wall’?“ „Aber da gab’s doch dieses Livealbum von 1988, war ganz ok!“, schreibt ein anderer, der gerade in Lwiw ist. Dort in unmittelbarer Nähe schlugen heute zum ersten Mal die Raketen ein. Ansonsten ein ganz normaler Dialog von zwei Musik-Nerds.

Lesen Sie hier die anderen Teile von Yuriy Gurzhys Kriegstagebuch:

  • Mein alter Kiez in Charkiw, menschenleer (Teil 7)
  • Erzählt uns nichts von Kapitulation (Teil 6)
  • Haus zerbombt, Kind aus Keller gerettet (Teil 5)
  • Gitarre packen, sammeln, Kisten einladen (Teil 4)
  • Georgiy geht in den Keller (Teil 3)
  • Und dann rollen Panzer durch meine Straße (Teil 1)

Wenn die russischen Pink-Floyd-Fans sich darüber irgendwo austauschen, dann weder auf Facebook noch auf Instagram, die ab jetzt in Russland nämlich gesperrt sind. Die Empörung darüber ist groß, viele Influencer*innen verdienten ihren Lebensunterhalt über ihre Social- Media-Accounts.

Irgendwo stoße ich auf ein Video, bei dem ich nicht sofort verstehe, worum es eigentlich geht.  “Ich bin am Boden zerstört. Mein Haus brennt! – sagt eine traurige gut angezogene Blondine in die Kamera, aber ein brennendes Haus ist nicht im Bild zu sehen.

Ich denke zuerst, es sei eine Ukrainerin aus Irpen oder Butscha, aber schnell kapiere ich, dass ich mich irre, das ist eine russische Modebloggerin – Ich habe jahrelang in die Inhalte investiert, ich hatte so viele Follower, jetzt ist alles, woran ich so hart gearbeitet habe, weg, einfach weg!” Sie weint.   

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