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Yuriy Gurzhys Kriegstagebuch (35) : Gehen oder bleiben?

Der ukrainische Autor, DJ und Musiker Yuriy Gurzhy lebt seit 1995 in Berlin. Hier schreibt er, wie er den Krieg in der Ukraine verfolgt.

Yuriy Gurzhys Kriegstagebuch (35) : Gehen oder bleiben?

Die Fahnen auf dem Maidan erinnern an die Opfer des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine.Foto: dpa/Ulf Mauder

25.5.2022

Als ich mit neun die Schule wechselte, waren alle Jungs in meiner neuen Klasse in Olena verliebt. Sie nahm uns aber nicht ernst und lachte die Klassenkameraden nur aus. Als aus unserer Schule Anfang der Neunziger ein Lyzeum wurde, sind sie und ich wieder in derselben Klasse gelandet. Nach dem Schulabschluss ging ich an die Uni und sah Olena dann nicht mehr. Ich habe von jemandem gehört, sie hatte geheiratet und zog nach Moskau. Ich bekam meinen ersten Job als Radiomoderator und bin oft auf dem Weg zur Arbeit an dem Haus vorbeigelaufen, in dem sie mit ihren Eltern lebte. Jedes Mal musste ich dabei an sie denken. Ich hätte gern gewusst, wie es ihr in Moskau geht.

Erst vor fünf Jahren trafen wir uns wieder. Olena wohnt nach wie vor in Moskau und ist Fotografin geworden. Sie reist mit ihrer Kamera um die Welt und fotografiert oft für westliche Medien. Wir gingen im Mauerpark spazieren und redeten über alles, was uns in den letzten 25 Jahren passiert ist.

„Es sind Brüdervölker“, beharrt Olena

Sie erwähnte das Projekt, an dem sie seit Monaten arbeitete, es ging, wenn ich mich heute richtig erinnere, um die Menschen, die in einem Gebiet nahe der Grenze zwischen Russland und Ukraine leben. Ihr Ziel wäre, zu zeigen, dass diese Leute dieselben Sorgen haben, sagte Olena, ihr Leben ist sehr ähnlich, und sie sind einander eigentlich auch sehr ähnlich. Es war 2017, die Krim wurde bereits von Russland okkupiert, der Krieg im Donbass lief seit drei Jahren. Mir war unklar, warum man gerade in dieser Zeit über die Ähnlichkeiten zwischen den Russen und den Ukrainern nachdenken sollte. „Aber es sind Brüdervölker, sie können einfach nicht streiten!“, regte sich Olena ein wenig auf.

In Moskau leben sie und ihr Mann in ihrer Bubble mit vielen tollen, kreativen Freunden. Eine Freundin war 2014 die erste russische Journalistin auf dem Maidan in Kiew und hat darüber ein Buch geschrieben. Seltsam, ich habe nie davon gehört, dachte ich, habe es später gegoogelt und mir runtergeladen. Ich habe es bis zur Seite 3 geschafft, wo die Autorin ins Gespräch mit den ukrainischen Nazis kommt.

Denis hat sich nicht entscheiden können

Olena ist eine von den zwei Menschen aus Moskau, mit denen ich bis heute in Kontakt bin. Der andere ist Denis, wir haben uns 1993 kennengelernt, als er in Charkiw seine Verwandten besuchte. Er sah damals so aus, als ob er aus Seattle kommen könnte, ein wahres Grunge Kid. Soviel ich weiß, arbeitete Denis als Grafikdesigner und spielte Bass in einer Punkband. Anfang März hat er mir geschrieben, mit der Frage, was ich vom Verbot für die russen in der ukrainischen Armee gegen russland zu kämpfen, halte. Er fand es nicht gut. Vor ein paar Tagen schrieb er mir wieder. Er hat noch nicht den Weg gefunden, der Ukraine zu helfen und seine Chance verpasst, russland zu verlassen. Er hat die russischen Social Media gelöscht, weil dort nur Propaganda verbreitet wird und hat fast alle seine Freunde verloren, weil sie pro Putin sind.

Neulich entdeckte ich an einem der Orte, wo ich aufgetreten bin, eine kleine Ausstellung mit den Bildern von Olena. Es war eine Auswahl der Fotos, die zur Serie gehörten, von der sie mir 2017 erzählt hatte. Die Erlöse aus dem Verkauf würden an eine Organisation gehen, die humanitäre Hilfe in Charkiw leistet. Und dann erfuhr ich, dass Olena gerade in Deutschland ist. Wir treffen uns auf einen Kaffee und ich höre von ihren Eltern, die immer noch im gleichen Haus in unserer Heimatstadt leben. Sie sind zu alt und zu krank, um in den Keller zu gehen. Ausreisen wollen sie auch nicht. Olenas Freunde haben fast alle russland verlassen. Warum ist sie geblieben, frage ich. „Na ja, jemand muss ja bleiben, um alles zu dokumentieren… oder?“

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