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Wie Edeka nachhaltiger werden will : Klimaschutz in 47 Schritten

Viel Unverpacktes, mehr Bio, Mehrwegdosen: In Moabit zeigt Edeka sein neues Umweltkonzept. Aber auch die Konkurrenz schläft nicht. Experten fordern mehr.

Wie Edeka nachhaltiger werden will : Klimaschutz in 47 Schritten

Der Panda weist den Weg: Der Edeka-Markt in Moabit zeigt, wie das neue Nachhaltigkeitskonzept von Edeka und WWF umgesetzt werden…Foto: Jochen Zick/promo

Es ist ein Supermarkt der Superlative. Auf 4000 Quadratmetern – das entspricht etwa der Hälfte der Fläche des Kölner Doms – verkauft Marktleiterin Sygun Palion in ihrem Edeka-Center Moabit 57.000 Produkte. Vom Kaffee über frische Salate bis hin zu Wollknäueln und Thermoskannen ist alles dabei. Die Kundschaft ist bunt gemischt. Bewohner aus dem Stephankiez shoppen in dem Supermarkt, der in das Einkaufszentrum MOA Bogen eingebettet ist, genauso wie die Gäste des nahe gelegenen Hotels.

Sich zu orientieren, ist gar nicht so einfach. Doch wenn es um Nachhaltigkeit und Klimaschutz geht, erleichtert der Moabiter Markt seinen Kundinnen und Kunden die Wahl. Bio-Produkte und Veggie-Schnitzel warten gleich am Eingang. Beim Obst und Gemüse ist das meiste unverpackt, wiederverwendbare Einkaufsnetze stehen für den Einkauf bereit.

Wie Edeka nachhaltiger werden will : Klimaschutz in 47 Schritten

Selbst abfüllen: Die Unverpackt-Station ist bei Kunden des Edeka-Centers Moabit sehr beliebt.Foto: Jochen Zick/promo

Am Salatbuffet ist es möglich, sich das Essen in eine Mehrwegbox zu packen, dasselbe gilt für die Fleisch-, Fisch- oder Käsetheke. Linsen, Müsli, aber auch Schokonüsse oder Gummibärchen kann man sich an der Unverpackt-Station selbst abfüllen. Bei der Kundschaft ist das der Renner: „Wir müssen ständig nachfüllen“, erzählt Palion. Der Markt hat zudem 2900 Bio- und 400 Waren, die mit dem WWF-Panda ausgezeichnet sind.

Der Edeka-Markt in Moabit ist der Pionier

Das E-Center Moabit ist der erste Supermarkt im Edeka-Verbund, der das neue Nachhaltigkeitskonzept „Auf ZukunftsWegen“, das Deutschlands größter Lebensmittelhändler gemeinsam mit dem WWF entwickelt hat, umgesetzt hat. Am Donnerstag wurde der Markt offiziell ausgezeichnet, bis Anfang 2022 sollen weitere 14 Testmärkte aus dem Regionalverbund Edeka Minden-Hannover, zu dem auch Berlin und Brandenburg gehören, folgen.

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Bettina Stolt, die bei Edeka Minden-Hannover das Thema Nachhaltigkeit koordiniert, ist zuversichtlich, dass viele der Edeka-Kaufleute in der größten Regionalgesellschaft im Edeka-Genossenschaftsverbund folgen werden: Von den 1000 Edeka-Märkten, die in Frage kommen, werden sicher zwei Drittel mitmachen, ist sie überzeugt. Danach soll das Konzept auch bundesweit verbreitet werden.

Viele kleine Schritte

„Das Konzept lebt davon, dass viele kleine Maßnahmen, tausendfach umgesetzt, zusammen einen großen Beitrag ergeben“, betont Stolt. „Wir haben uns gefragt, wie schaffen wir es, Kunden für nachhaltigen Konsum zu begeistern?“, erzählt Daniel Müsgens vom WWF Deutschland. Seit zwölf Jahren arbeiten Edeka und die Umweltschutzorganisation zusammen, vor über zwei Jahren begannen die Arbeiten an dem neuen Umweltkonzept, das den Lebensmittelhändlern im Edeka-Verbund eine Handreichung geben soll, wie sie Verbraucher zu einem nachhaltigeren Einkauf und Lebensstil motivieren können.

Was ein Laden mindestens tun muss

47 Maßnahmen enthält die Liste, davon sind zehn verpflichtend, damit ein Markt überhaupt teilnehmen kann. Dazu zählen ein Mindestangebot an Bio- und WWF-Produkten, Mehrwegkonzepte für Verpackungen, der Verzicht

auf Einweg-Handschuhe, ein Ansprechpartner für das Projekt vor Ort, Maßnahmen gegen Lebensmittelverschwendung und der komplette Umstieg auf Ökostrom.

Allein die Umstellung auf Ökostrom spart in einem durchschnittlichen Edeka-Markt rund 111 Tonnen CO2 im Jahr, 111 Buchen müssten 80 Jahre lang wachsen, um dieselbe Menge CO2 zu binden. Bei Edeka-Schäfers, dem Backshop neben dem Center, gibt es zudem Fair-Trade-Kaffee und Bio-Snacks. Der mitgebrachte Becher verschafft Rabatt, auf abgepackte Kondensmilch oder Marmelade wird verzichtet.

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Den ökologischen Fußabdruck verbessern: Mit Geld für Klimaschutzprojekte in aller Welt kann man die Bilanz aufpolieren.Foto: Getty Images

Was Rewe, Lidl und Aldi tun

Nachhaltiger Konsum ist aber nicht nur bei Edeka ein immer wichtigeres Thema. Auch andere Lebensmittelhändler verfolgen dieses Ziel. So testet Lidl seit einigen Monaten in seinen Berliner Filialen ein neues, spezielles Nachhaltigkeitssiegel, den Eco-Score.

Die Rewe-Gruppe will bis 2040 auf Unternehmensebene klimaneutral werden, in seinen Supermärkten zeichnet der Lebensmittelhändler sozial und ökologisch produzierte Eigenmarkenprodukte mit dem „Pro Planet“-Nachhaltigkeitslabel aus. Im „Bio+vegan“-Sortiment zahlt Rewe als Kompensation für den Ausstoß von CO2 in ein peruanisches Waldschutzprojekt ein.

Auch Aldi Nord gleicht bei seinen klimaneutralen „Wonderful World“-Fruchtgummis und der „Fair & gut“ Alpenmilch Treibhausgas-Emissionen durch Klimaschutzprojekte aus. Bis Ende 2021 will der Discounter zudem die Emissionen, die durch die eigene Geschäftstätigkeit entstehen, gegenüber 2015 um 40 Prozent senken. Bis Ende 2024 sind die strategischen Lieferanten, die für 75 Prozent der Emissionen in der Lieferkette verantwortlich sind, gehalten, sich ebenfalls wissenschaftsbasierte Reduktionsziele zu setzen, betont ein Aldi-Sprecher.

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Kritiker: Der Agrarökonom Achim Spiller sagt, man muss bei den Produkten beginnen.Foto: Agentur Klein und Neumann

Es kommt auf die Produkte an

„Für den Einzelhandel wäre es am wichtigsten, die klimafreundlichen Lebensmittel zu fördern und klimaproblematische Produkte mit hohen Treibhausgasemissionen zu reduzieren“, meint Achim Spiller. Klimaneutralität gewinnt als Marketing-Claim immer mehr an Bedeutung, aber der Begriff sei schillernd, „häufig an der Grenze zur Verbrauchertäuschung“, sagte der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz dem Tagesspiegel. So sei etwa der Markt für Kompensationen, die Unternehmen an Dritte als Ausgleich für ihre Treibhausgas-Emissionen zahlen, „vollkommen ungeregelt“.

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Warum Flugware schädlich ist

Auch das Umweltbundesamt fordert die Händler auf, bei den Produkten anzusetzen und Klimasünder aus dem Sortiment zu werfen. Der Flugtransport eines Kilogramms Lebensmittel (Fisch, Obst, Gemüse, Fleisch) verursache verglichen mit einem Schiffstransport bis zu 170-mal mehr Treibhausgasemissionen, berichtet Hyewon Seo vom Umweltbundesamt.
Das gleiche gelte für Gemüse, das aus beheizten Treibhäusern stammt. „Es verursacht fünf bis 30 Mal mehr Treibhausgasemissionen als das Gemüse aus dem Freilandanbau“, betont sie. Da Verbraucher nicht an der Ware erkennen können, ob sie eingeflogen worden ist oder aus dem Treibhaus kommt, müsse der Handel Fakten schaffen. Einige Bio-Supermärkte, aber auch konventionelle Händler in Österreich und der Schweiz tun das. Sie haben Flugwaren aus ihrem Sortiment ausgelistet oder die durch den Flugtransport entstehenden CO2-Emissionen kompensiert. „Es ist also machbar“, stellt die Wissenschaftlerin fest.

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Keine Werbung für billiges Fleisch, fordert Hyewon Seo vom Umweltbundesamt.Foto: Stefan Weger

Tierische Lebensmittel wie Fleisch und Milch verursachen besonders hohe Emissionen. Würde man deren Konsum auf das Niveau der Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) umstellen, könnten dadurch etwa 22 Millionen CO2-Äquivalente, also 9,2 Prozent der Emissionen durch Ernährung, eingespart werden.

Nach Angaben der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft mbH (AMI) wurden im ersten Quartal 2021 die Werbeaktivitäten für Fleisch und Fleischwaren jedoch gesteigert. Beim Umweltbundesamt sieht man das kritisch: In den Wochen mit Werbeaktionen steige der Absatz der beworbenen Artikel erfahrungsgemäß um bis zu 50 Prozent an, ärgert sich Hyewon Seo.

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