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Wie der Krieg unsere Kultur verändert : Erst Pandemie, dann Putin

Putins Krieg gegen die Ukraine beeinflusst unsere Wahrnehmung. Was ist angemessen, was will man noch anschauen?

Wie der Krieg unsere Kultur verändert : Erst Pandemie, dann Putin

Warten auf den russischen Angriff. Das Opernhaus der alten Kulturstadt Odessa im März 2022, hinter Sandsäcken.Foto: REUTERS/Alexandros Avramidis

Auch in einer friedlichen Gegend wie dem Gendarmenmarkt wirft der barbarische russische Angriff auf die Ukraine seine Schatten. Hier zeigt sich das Dilemma dieser Tage und Wochen, die die Welt erschüttern. Was tun, was lassen? Das Konzerthaus Berlin widmet Dmitri Schostakowitsch eine Hommage. Ein Gastspiel aus St. Petersburg fällt aus, für ukrainische Kinder wird ein Solidaritätskonzert organisiert, und es gibt einen signifikanten Wechsel im Programm.

Der Dirigent Krzysztof Urbansky, ein Pole, erklärt sich: „Als Mensch bin ich solidarisch gegen die schreckliche Gewalt in der Ukraine. Als Künstler denke ich, dass es heute notwendig ist, sensibel zu handeln. Unter den gegenwärtigen Umständen mag es unangemessen erscheinen, Schostakowitschs Sinfonie Nr. 7 ‚Leningrad‘ aufzuführen.“

Was ist angemessen, jetzt? Die 7. Sinfonie hatte der russische Komponist (1906 –1975) seiner Heimatstadt gewidmet. Die deutsche Wehrmacht belagerte Leningrad von September 1941 bis Januar 1944. Bei der Blockade starben eine Million Zivilisten. In seinen Memoiren sprach Schostakowitsch vom „unstillbaren Schmerz“ um die Opfer des Nationalsozialismus. Nicht weniger Schmerz habe ihm der Gedanke an „die auf Stalins Geheiß Ermordeten“ bereitet.

Schostakowitschs Siebte wurde mitten im Krieg in der zerschossenen Stadt uraufgeführt. Im Konzerthaus wird, aus Respekt, aus übertriebener Vorsicht, stattdessen die Sinfonie Nr. 5 gespielt. Man kann verstehen, dass Musiker sich nicht frei fühlen, Schostakowitschs Kriegswerk zu spielen angesichts der Schreckensbilder aus den belagerten ukrainischen Städten.

Long Covid steckt im System

Aber wohin führt die Beklemmung, die sich mischt mit ohnmächtiger Wut auf all diesen Ersatzschauplätzen? Wird man am Ende russische Künstler komplett suspendieren? Die Verhältnisse sind verworren, verwoben. Denn was heißt „russisch“? Nur ein Beispiel: Der sowjetische Schriftsteller Isaak Babel wurde 1894 in Odessa geboren. Als Jude konnte er dort nicht studieren und ging nach Kiew und St. Petersburg. Sein Buch „Die Reiterarmee“ über den polnisch-russischen Krieg von 1920 machte ihn berühmt. Nach einem stalinistischen Tribunal wurde Isaak Babel 1940 erschossen. Seine „Geschichten aus Odessa“ lesen sich jetzt schon wieder wie ein Requiem. Die ukrainische Hafenstadt, der Sergej Eisenstein mit dem propagandistischen Stummfilm „Panzerkreuzer Potemkin“ (1925) ein revolutionäres Denkmal setzte, bereitet sich ein Jahrhundert später auf den russischen Sturm vor. Der Krieg beeinflusst die Wahrnehmung auch rückwirkend.

Die Veränderung der Parameter hat in der Pandemie begonnen. Long Covid nagt im System. Die Kultur wird in Mitleidenschaft gezogen. Auch wenn es eine Erholung gibt und die Corona-Zwangspause vorüber ist, bei dramatisch steigenden Infektionszahlen: Es hat sich etwas gedreht, Gewissheiten schwinden. Es scheint, als habe manches Kulturangebot an Wertigkeit verloren. Die Grundsatzdiskussionen, verstummt. Humboldt Forum, Volksbühne, es gibt jetzt Wichtigeres.

Die Gewissheiten sind weg

Es geht aber auch in die umgekehrte Richtung – die Menschen strömen ins Konzert, ins Kino, sind wie ausgehungert, suchen Halt und Austausch, verspüren das Bedürfnis, sich zu versammeln, zu reden. Kaum aus der Covid-Umklammerung heraus, wird man mit einer vor Kurzem noch ebenso unvorstellbaren Bedrohung konfrontiert: Krieg. Bombeneinschläge wenige Kilometer von der polnisch-ukrainischen Grenze entfernt.

Krieg in Europa. In Russland ist das Wort im Zusammenhang mit der Ukraine verboten, darauf steht Gefängnis. Im Westen fällt der inflationäre Gebrauch von Tabuworten auf. Atomkrieg. Dritter Weltkrieg. Spekulationen über „rote Linien“, die der Kreml in der Ukraine überschreiten könnte, wie bei den Giftgasangriffen in Syrien. Was kann Theater da noch ausrichten? „Das Wichtigste ist die humanitäre Hilfe“, sagt Thomas Ostermeier, der Künstlerische Leiter der Schaubühne.

Das kulturelle Leben erfährt eine beispiellose Relativierung. Erst die Seuche, nun die russische Aggression. Auf den Schock der Pandemie, der sich vor zwei Jahren nur langsam ausbreitete, folgt blitzartig der Putin-Horror, in einer historischen Umkehr: Die so genannte Spanische Grippe wütete nach dem Ersten Weltkrieg, mit bis zu 50 Millionen Toten.

Welches Buch soll man jetzt lesen?

Der Krieg übernimmt die Fantasie, das Denken. Opernpremiere in Berlin-Mitte. Draußen trifft man auch am Abend noch überall Menschen mit blau-gelben Fahnen, nach der Antikriegs-Demonstration. Am Eingang die übliche Impfkontrolle, dann ist man angekommen im Reich der Kunst. Aber schon bei den ersten Klängen eines neuen Musikstücks wird es seltsam. Ein mulmiges Crescendo, Unheil verkündend. Mit schwerem Pathos treten die Tänzer auf, Arme himmelwärts. In einer Szene sieht es so aus, als würden Menschen ins Grab gelegt. Der Krieg ist in unseren Köpfen. Da wirkt jede – auch unfreiwillige – Anspielung unangemessen. Oder heilsam und erhellend. Wer auf Ablenkung hofft, auch darauf hat das Publikum ein gutes Recht, ist am falschen Ort.

Verwirrung, Verirrung der Gefühle: Absage einer Theaterpremiere mit dem Titel „Auslöschung“. Man zuckt zusammen. Es geht aber um einen Mann, der seine Angehörigen bei einem Unfall verloren hat, in einem Buch von Thomas Bernhard. Die Absage erfolgte wegen einer Erkrankung. Man ist fast erleichtert.

Wie der Krieg unsere Kultur verändert : Erst Pandemie, dann Putin

Noch ist es ruhig. Am Hafen von Odessa.tFoto: REUTER/kachenkoS

Das verhielt sich schon in den Corona-Jahren so. Entweder steuert die Kunst direkt aufs Thema zu, ganz „aktuell“, oder sie umgeht es. Beides kann Balsam sein. Oder quälend.

Niemand entkommt den Nachrichten. Viele werden zum News-Junkie. Das ist eine Möglichkeit, mit dem Unbegreiflichen umzugehen. Darin eintauchen. Wegschauen ist ausgeschlossen. Abends gibt es zur Entspannung von den Berichten aus der Ukraine im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Brutalkrimis. Fiktionale Gewalt bekommt etwas Obszönes. Muss ich mir das antun? Wiederum ist die Spielshow auf dem anderen Kanal unerträglich in ihrer jetzt fast bösartig wirkenden, penetranten Naivität. Kein Ausweg: Sollen sie auch beim Quiz vom Krieg reden?

Das Selbstverständnis des Westens steht auf dem Spiel

Welches Buch soll ich lesen, welchen Film anschauen, wenn nichts passend erscheint oder im Gegenteil allzu treffend? Wenn der normale Kulturkonsum, wie in diesen Tagen und Wochen, ein schlechtes Gewissen macht und schal schmeckt?

Das sind keine Luxusfragen und keine Geschmacksangelegenheiten, auch wenn das Erleben von Kunst und Kultur individuell ist; darin liegt seine Stärke, seine Schönheit. Die Zweifel reichen tief in unsere Existenz hinein. Da zeigt sich, wie brüchig das Leben im Frieden ist, mit einem Mal. Es drückt sich darin vieles aus: Hilflosigkeit, Solidaritätsgefühl, Angst.

„Kunst gehört jeder Zeit und keiner Zeit“, schreibt Julian Barnes in „Der Lärm der Zeit“, seinem Roman um Dmitri Schostakowitsch: „Kunst ist das Flüstern der Geschichte, das durch den Lärm der Zeit zu hören ist“. Und was, wenn das Flüstern der Geschichte zum Kanonendonner anschwillt und den Lärm der Zeit übertönt, der sich als friedliches Alltagsgeräusch plötzlich verabschiedet? In einem solchen Moment leben wir jetzt, sterben die Menschen in der Ukraine.

In dieser neuen Zeit, die angebrochen ist mit dem Überfall auf die Ukraine, schwankt die Kunst heftig zwischen Bedeutungsverlust und Beziehungsreichtum. Darauf muss man sich einstellen. Dass es gar keine wirklich „neue“ Zeit ist, wie Politiker es gern ausdrücken, sondern eine alte, vergangen geglaubte.

Eine Lebenslüge der Deutschen?

Die Schriftstellerin Katja Petrowskaja, 1970 in Kiew geboren, hat bei „Anne Will“ den Deutschen eine Lebenslüge vorgehalten. Sie fragt: Haben wir etwas gelernt aus dem Zweiten Weltkrieg, für den Deutschland die Verantwortung trägt? Die Antwort, sagt sie, ist jetzt. „Was muss noch geschehen, Brauchen wir 100 000 Tote, um zu sagen, wir müssen jetzt den Himmel schließen, wir müssen viel mehr Waffen liefern, wir müssen sofort abschalten, was abzuschalten ist?“ Und sie sagt: „Vielleicht hat der Dritte Weltkrieg schon begonnen, als Putin ins Amt kam“.

Damit steht das komplette Selbstverständnis der Deutschen und ihres Staats zur Disposition. Aus einer erfolgreichen Nachkriegs- und Friedensordnung droht eine Kriegsordnung zu werden. „Nie wieder Krieg.“ Darauf gründet unsere Kultur, unser gesamtes gesellschaftliches Leben, der legere, lange ungefährdete way of life in Europa. Es kann sich als Irrtum erweisen. Die Ukrainer bezahlen dafür einen hohen Preis.

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