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We Go Apart With Art-Festival : „Freiraum gibt es genug, nur gestalten muss man ihn“

Rock am Ring, Hurricane und Melt fielen 2021 wieder aus. Wie wichtig kleine Festivals für die Region sein können, zeigt das We Go Apart With Art in Sachsen.

We Go Apart With Art-Festival : „Freiraum gibt es genug, nur gestalten muss man ihn“

Rapper Rémi auf dem We Go Apart With Art-Festival.Foto: Hannes Soltau

Als das Gepolter des Kopfsteinpflasters aufhört, wehen die ersten Bässe aus der Ferne herüber. Der Geruch von feuchtem Acker und Wald weicht am offenen Fenster des Bandbusses der vertrauten Note aus Dixi-Toiletten, Körperausdünstungen und Frittenfett. Da ist es endlich wieder, das Gefühl des Festivalbändchens auf der Haut. Rock am Ring, die Fusion oder das Melt mögen in diesem Jahr nicht stattgefunden haben. Doch im Valtental, unweit der tschechischen Grenze, schmiegt sich an diesem Wochenende das charmante Festival We Go Apart With Art in die reich bewaldete Landschaft des Oberlausitzer Berglandes.

Es ist ein Ort, an dem all die Zweifler des vergangenen Jahres eines besseren belehrt werden. Diejenigen, die die Kultur in der Pandemie bereits totgesagt hatten. Diejenigen, die die ländlichen Regionen im Osten schon längst abschreiben wollten. Und diejenigen, die die Generation Z gerne pauschal als faule und verwöhnte Wohlstandskinder abstempeln.

Es waren drei 17-Jährige aus der Gegend um Neukirch, die vergangenes Jahr mitten in der Pandemie auf die wahnwitzige Idee kamen, ein nichtkommerzielles Festival in der sächsischen Provinz zu veranstalten. „Es lebt sich gut auf dem Land, Freiraum gibt es genug, nur gestalten muss man ihn“, schreiben sie. Eigentlich als Abschied von der Region ihrer Kindheit nach dem Schulabschluss gedacht, ist die Veranstaltung heute ein kreativer Anker in der eigenen Heimat.

Mitten auf dem Acker kann man kontaktlos zahlen

Auch an der frischen Luft auf dem Land gelten weiter strenge Corona-Auflagen. Alle sind getestet oder geimpft. Mitten auf dem Acker kann man kontaktlos zahlen. Tatsächlich ist von hinterwäldlerischer Provinzialität nichts zu spüren. Es werden vegane und vegetarische Gerichte gereicht und an jeder Ecke auf ökologisch nachhaltiges Verhalten hingewiesen. Es gibt sogar ein Awareness-Zelt, wohin sich all diejenigen zurückziehen können, die sich nicht sicher fühlen. Durchaus weitsichtig in einer Gegend, in der die AfD mehr Sitze im Gemeinderat hat als das Bündnis „Neukirch braucht Zukunft“.

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Das Durchschnittsalter auf und vor der Bühne liegt bei geschätzten 20 Jahren. Acts wie die Indie-Pop-Band Power Plush oder der Rapper Rémi mögen noch am Anfang ihres Weges stehen, performen aber mit einer lässigen Selbstverständlichkeit, aus der auch der kreative Trotz vergangener Monate spricht. Da fühlt man sich mit dem melancholischen Dreampop der eigenen Band auf der Bühne etwas deplatziert. Musik aus der Vor-Corona-Ära – hört da überhaupt noch jemand zu? Lieber wieder auf die Schuhe starren, wie man das mal in den Neunzigern gelernt hat.

Mit Betterov aus Berlin hat sogar ein Künstler den Weg ins Tal gefunden, der gerade für den „Preis für Popkultur“ nominiert wurde. Während man als spießiger Mittdreißiger noch nicht mal Gedanken an die Wiedereinführung des Händeschüttelns verliert, lässt sich die Menge nicht vom Crowdsurfen abhalten. Dann übernehmen die DJs und tauchen die Wiese in satte Bässe. Als gegen 5 Uhr morgens die Polizei einschreitet und die Veranstalter auffordert, die Lautstärke zu reduzieren, fühlt sich selbst das wie ein kleiner Triumph an. Endlich wieder alles wie früher – als man selbst noch 20 war.

Hinweis: Der Autor hat selbst auf dem We Go Apart With Art-Festival gespielt.

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