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Wahlkampf von Sören Pellmann in Leipzig : Wie die Linke das einzige Direktmandat außerhalb Berlins verteidigen will

In den Umfragen liegt die Linke nur knapp über der Fünf-Prozent-Hürde. Deswegen werden die Direktmandate wichtig. Ein Besuch bei Sören Pellmann in Leipzig.

Wahlkampf von Sören Pellmann in Leipzig : Wie die Linke das einzige Direktmandat außerhalb Berlins verteidigen will

Der Linken-Bundestagsabgeordnete Sören Pellmann an seinem Infostand in Leipzig-Lößnig.Foto: Claudia von Salzen

Vor dem Einkaufszentrum in Leipzig-Lößnig warten drei Stände auf Passanten. Aus einem Wagen werden Grillhähnchen verkauft, ein anderer bietet geräucherte Wurst an. Schräg gegenüber wirbt die Leipziger Linkspartei für ihren Direktkandidaten bei der Bundestagswahl, Sören Pellmann.

Es sind vor allem ältere Leute, die an diesem spätsommerlichen Vormittag kurz am Stand stehenbleiben. „Sieht schlecht aus, oder?“, sagt einer von ihnen fast mitfühlend. Nein, widerspricht Pellmann. In Leipzig sähe es sogar sehr gut aus für die Linke, und auch bundesweit sei die Lage gut. Der besorgte Fragesteller bekommt noch eine kleine Tüte mit Informationsmaterial („Zehn gute Gründe, uns zu wählen“), einem Kugelschreiber und einem Bonbon („Mundpropaganda“).

Dann geht der ältere Herr weiter in Richtung der elfstöckigen Hochhäuser, die gegenüber vom Einkaufszentrum Moritzhof liegen, und Pellmann packt neue Tüten. Die ersten sind schon fast alle verteilt.

Der Abgeordnete verteilt selbst gekochte Marmelade

Am Stand gibt es außerdem Seife, Blumensamen, Sonnenbrillen und Teelichter mit Linken-Werbung. Stifte stehen in gehäkelten roten Körben mit Pellmanns Wahlkampfmotto: „Bärenstark sozial. Nah dran!“ Einem Ehepaar gibt der Abgeordnete noch ein Gläschen Marmelade mit, Johannisbeeren aus dem eigenen Garten, selbst eingekocht.

Zwischendurch bespricht er am Telefon organisatorische Details für den Infostand am Abend. Allein an diesem Tag ist er mit seinem Stand an drei verschiedenen Orten in seinem Wahlkreis präsent.

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Der Wahlkreis Leipzig II ist der einzige außerhalb Berlins, in dem die Linke bei der Bundestagswahl 2017 ein Direktmandat geholt hat. Damals hatte Pellmann mit einem hauchdünnen Vorsprung gegen den Kandidaten der CDU gewonnen. Auch Anhängerinnen und Anhänger von SPD und Grünen hatten für den Linken gestimmt, um den CDU-Mann zu verhindern. Pellmann ist optimistisch, dass er ein weiteres Mal das Direktmandat holen kann. In den Projektionen der Wahlforscher liegt der 44-Jährige vorn.

Bei dieser Wahl geht es für die Linkspartei um viel mehr als einen demonstrativen Sieg gegen die CDU. In den Umfragen liegt die Partei bundesweit bei sechs Prozent. Sollte die Linke bei der Wahl am 26. September unter die Fünf-Prozent-Hürde rutschen, bräuchte sie mindestens drei Direktmandate, um auch Abgeordnete von den Landeslisten gemäß ihres Stimmenanteils in den Bundestag schicken zu können. Gewinnt die Linke dagegen nur zwei Wahlkreise, würden nur diese beiden Abgeordneten ins Parlament einziehen.

Direktmandate als „Lebensversicherung“ der Linken

Direktmandate seien die „Lebensversicherung“ der Linken, hat die Berliner Landesvorsitzende Katina Schubert einmal gesagt. Vor vier Jahren holte die Linkspartei fünf Direktmandate – in den Berliner Wahlkreisen Treptow-Köpenick, Marzahn-Hellersdorf, Lichtenberg und Pankow sowie in Leipzig II.

„Ich glaube und hoffe, dass wir diese Lebensversicherung nicht brauchen“, sagt Pellmann. In drei der vier Berliner Wahlkreise, in denen die Linke 2017 das Direktmandat holte, sehen die Wahlforscher gute Chancen für die Linke, schwieriger könnte es für die Partei in Pankow werden. Aber auch ohne Pankow blieben der Linken noch vier Direktmandate, falls Pellmann gewinnt.

Nur zu gut haben manche in der Partei allerdings die Bundestagswahl 2002 in Erinnerung. Die PDS, die fünf Jahre später in der Linkspartei aufging, kam damals auf 4,3 Prozent und holte nur zwei Direktmandate. Die Partei flog aus dem Bundestag. Ein solches Szenario soll nun unbedingt verhindert werden, zumal es nach Auffassung einflussreicher Linken-Politiker der Anfang vom Ende der Partei als ernstzunehmende politische Kraft sein könnte.

Den aussichtsreichen Wahlkreisen widmet die Linke deshalb nun besondere Aufmerksamkeit. Was das bedeutet, erklärt der Leipziger Abgeordnete beim Gespräch in seinem Wahlkreisbüro, das sich an einem historischen Ort befindet, in dem Haus, in dem vor 150 Jahren die Partei-Ikone Karl Liebknecht geboren wurde.

Vor vier Jahren habe er praktisch keine Unterstützung aus der Bundes- und Landespartei erhalten, berichtet Pellmann, der parteiintern als Unterstützer von Ex-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht gilt, aber keiner Strömung angehört. „Das läuft dieses Mal ganz anders.“ Der Bundes- und der Landesvorstand unterstützten seinen Wahlkampf finanziell und logistisch.

[Lesen Sie bei Tagesspiegel Plus ein Interview mit Sahra Wagenknecht.]

Neben den fünf Wahlkreisen, in denen es bereits jetzt direkt gewählte Linken-Abgeordnete gibt, hatte sich die Partei zunächst auch in zwei weiteren durchaus Chancen ausgerechnet. Doch in Rostock liegt nach der Prognose von election.de nicht der Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch vorn, sondern die SPD-Bewerberin. Und im Dresdner Wahlkreis der ehemaligen Parteivorsitzenden Katja Kipping könnte der AfD-Politiker Jens Maier das Direktmandat gewinnen. In Sachsen werden der AfD derzeit insgesamt für 13 der 16 Direktmandate gute Chancen prognostiziert.

Umso mehr sticht im Vergleich der Leipziger Süden heraus. Zu dem Wahlkreis gehören nicht nur der als linksalternativ geltende Stadtteil Connewitz, sondern auch die Plattenbauviertel in Grünau. Dort habe 2017 die AfD vorne gelegen, berichtet Pellmann. Doch zwei Jahre später überholte die Linke bei der Kommunalwahl in Grünau die AfD. Im Leipziger Stadrat, dem auch Pellmann angehört, wurde sie stärkste Kraft – und das gegen den Trend in einer Zeit, in der die Linke im Osten massiv an Stimmen verlor und ihren Status als Volkspartei einbüßte.

Am Tag nach der Wahl begann für ihn der nächste Wahlkampf

Pellmann berichtet von einer Plattenbau-Gegend in Grünau, in dem es keine Sparkasse und keine Postfiliale mehr gibt und der Konsum-Supermarkt leer steht. Hier müsse man sich in der Kommunalpolitik engagieren, betont er. Ein Ärztezentrum sei dort wieder angesiedelt worden. „Wichtig ist, dass die Leute merken, dass man nicht nur vor einer Wahl präsent ist.“ Sein Wahlkampf habe am 25. September 2017 begonnen, einen Tag nach der Bundestagswahl. An zehn Standorten im Wahlkreis gibt es einmal im Monat eine mobile Sprechstunde. „Anfangs fragten mich die Leute: Ist denn schon wieder Wahlkampf?“

Inzwischen ist es Nachmittag geworden, und Sören Pellmann absolviert den nächsten Termin. Dieses Mal steht sein Infostand an der Grimmaischen Straße, einer Fußgängerzone in der Leipziger Innenstadt. Gemeinsam mit der sächsischen Spitzenkandidatin Kipping und der zweiten Leipziger Direktkandidatin Nina Treu spricht er auf einer kleinen Kundgebung. Das Plakat im Hintergrund zeigt Robin Hood. „Damit Konzerne nicht Parteien bezahlen, sondern Steuern“, heißt es dazu.

Kipping versucht in ihrer Rede, diejenigen direkt anzusprechen, die mit der Linkspartei unzufrieden sind: „Sie haben vielleicht mal mit uns gehadert.“ Sie selbst habe „Verständnis, wenn Sie schon mal genervt von uns waren“. Als sie um Zustimmung für ihre Partei wirbt, sagt Kipping: „Es gab eine Zeit, da waren wir nicht im Bundestag.“ Für die Linke, so die Botschaft, steht bei dieser Bundestagswahl viel auf dem Spiel.

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