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Vor laufender Kamera : Russischer Militärexperte äußert sich pessimistisch zur Kriegslage

Der Experte Chodarenok ist besorgt über die Mobilisierung von Soldaten in der Ukraine. Er lässt sich auch von Kreml-Propaganda der Moderatorin nicht beirren.

Vor laufender Kamera : Russischer Militärexperte äußert sich pessimistisch zur Kriegslage

Ukrainische Soldaten patrouillieren in einem kürzlich zurückeroberten Dorf nördlich von Charkiw.Foto: dpa/Mstyslav Chernov

Die Moderatorin des russischen Staatssenders Rossiya versucht händeringend, die Aussagen des Militärexperten Michail Chodarenok zu hinterfragen. Sie will im Einklang mit Russlands Kriegspropaganda ein zuversichtliches Bild über den Krieg in der Ukraine abgeben.

Doch der Ex-Oberst lässt sich während der 60-minütigen Talkshow von provokanten Zwischenfragen nicht beirren: „Die Situation für uns wird immer schlechter“, sagt er überraschend. Auch über die geopolitische Isolation seines Landes äußert er sich besorgt. Sechs Minuten lang analysiert er die Kriegslage mehr oder weniger ungehindert, wie in einem Videoclip zu sehen ist, das der BBC-Journlist Steve Rosenberg übersetzt und auf Twitter geteilt hat.

Dabei geht Militärexperte Chodarenok sogar so weit, die russische Berichterstattung als falsch zu bezeichnen. Es werde über psychologische Zusammenbrüche und Krisenstimmung in der ukrainischen Armee berichtet, sagt er. „Um es vorsichtig auszudrücken: Das ist nicht wahr.“ Zwar gebe es Einzelfälle, aber im Großen und Ganzen sei die ukrainische Bevölkerung bereit zur Verteidigung ihres Landes „Blut zu vergießen“.

Über die Kampfbereitschaft der Ukraine lasse sich laut des Militärexperten nicht diskutieren. Entscheidender sei die Frage, ob die Soldaten auch mit modernen Waffen ausgerüstet werden können. Damit sei durch die Unterstützung aus den USA und Europa zu rechnen.

„Wir müssen in unseren strategischen Überlegungen berücksichtigen, dass die Situation für uns offensichtlich schlechter wird“, heißt es. Solche Aussagen sind besonders vor dem Hintergrund beachtlich, dass Kritik an der Kreml-Politik und der russischen Kriegsführung zu Gefängnisstrafen führen kann.

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An der strategisch schlechten Stellung Russlands könne auch die Tatsache nichts ändern, dass die ukrainischen Soldaten nicht professionell rekrutiert wurden, sagt der Experte nach einem Einwurf der Moderatorin. Nicht der Militärs-Vertrag entscheide über die Professionalität der Streitkräfte, sondern die Ausbildung und der Verteidigungswille. „Der Wunsch, das Mutterland zu verteidigen, existiert in der Ukraine sehr stark“, sagt Chodarenok, ohne sich beirren zu lassen.

Moderatorin verbreitet russische Propaganda

„Das Wichtigste ist, von einem politischen und militärischen Standpunkt aus realistisch zu bleiben“, erklärt der Militärexperte. Wer das nicht tue, werde früher oder später von der Realität getroffen werden. „Das größte Problem ist, dass wir uns in einer kompletten geopolitischen Isolation befinden“, sagt Chodarenok. „Die ganze Welt ist gegen uns, auch wenn wir das nicht zugeben wollen.“ Auch die Unterstützung aus China und Indien sei nicht bedingungslos.

Die Moderatorin fragt daraufhin provokant: „Kann es irgendeinen Wunsch nach einer Freundschaft mit London geben? Nach allem, was gesagt und getan wurde?“ Chodarenok scheint bewusst keine direkte Kritik am Kreml zu äußern, bleibt aber auch nach diesen Einwänden bei seiner Position: „Wenn eine Koalition aus 42 Ländern gegen uns ist und unsere militärischen Ressourcen begrenzt sind, dann ist die Situation nicht normal. Auf irgendeinem Weg müssen wir da rauskommen.“

Die Moderatorin versucht zum Schluss noch, eine Gegenposition im Einklang mit der russischen Propaganda stark zu machen: „Russlands Existenz steht auf dem Spiel. Aufgeben ist keine Option. Wir müssen bis ans äußerste Ende gehen und wir werden gewinnen.“

Militärexperte äußerte sich schon zuvor kritisch zur Kriegsführung

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Chodarenok kritisch über den Krieg in der Ukraine äußert. Bereits im Februar hatte er eine ungewöhnlich kritische Kolumne in einer russischen Wochenzeitung veröffentlicht, in der er vor einem Einmarsch in die Ukraine warnte. „In der Ukraine wird es keinen Blitzkrieg geben“, schrieb der mit Blick auf deren Krampfbereitschaft.

Vor einer Woche zeigte er sich bei einem Fernsehauftritt skeptisch, als er zur Wirksamkeit einer Mobilmachung gefragt wurde. Russland werde vor Ende des Jahres keine neuen Panzer, Flugzeuge oder Schiffe haben, sagte er. Auf seine Telegramm Kanal wiederum lobt Chodarenok die Effizienz der russischen Armee, wie die „New York Times“ berichtet. In einer Nachricht schließt er sich der Propaganda-Aussage an, Russland wolle die Ukraine von Nazis befreien.

Aber warum darf der Experte nach wiederholter Kritik überhaupt noch im Staatsfernsehen auftreten? Die US-amerikanische Journalistin Julia Davis vermutet auf Twitter, dass Chodarenoks Aussagen der russischen Regierung überhaupt nicht schaden. „Im Gegenteil, sie helfen um die Erwartungshaltung zu senken während andere Experten schnelle und einfache Siege versprechen“, schreibt sie.

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