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Versuchte Normalität : Frankreichs Botschafterin in Berlin lädt wieder Gäste ein

Vorsichtige Schritte zurück in die Normalität beim Empfang der französischen Botschafterin Anne-Marie Descôtes. Gäste bestaunten Bilder eines blinden Fotografen.

Versuchte Normalität : Frankreichs Botschafterin in Berlin lädt wieder Gäste ein

Frankreichs Botschafterin Anne-Marie Descôtes gehört zu jenen, die sich früh trauen, wieder ein bisschen gesellschaftliches Leben…Foto: imago images/Future Image

Wie nippt man möglichst elegant am Champagner, wenn man für jeden Schluck die Maske lüften muss? Das ist eine ganz neue Frage im zart wieder aufflackernden gesellschaftlichen Leben. Zum Glück ist Sommer, und es gibt Höfe und Terrassen als Fluchtpunkte. Empfänge gehörten nicht nur im diplomatischen Leben zu den willkommenen Anlässen, anderen Menschen zu begegnen und manchmal wichtige Dinge ganz en passant zu klären.

Bis zur Normalität oder gar der alten Unbefangenheit wird es noch lange dauern. Von den Größenordnungen von vor der Pandemie gar nicht erst zu reden. Frankreichs Botschafterin Anne-Marie Descôtes gehört zu jenen, die sich früh trauen, wieder ein bisschen gesellschaftliches Leben zu organisieren.

Am Donnerstagabend hatte sie etwa 70 Gäste in die Botschaft an den Pariser Platz eingeladen, um eine Ausstellung des französisch-slowenischen Künstlers Eugen Bavcar anzuschauen. Anlass war die beginnende EU-Ratspräsidentschaft Sloweniens, der Frankreich ein halbes Jahr später folgen wird. Als Mitgastgeber fungierte der slowenische Botschafter Franc Gut. Außer der Einladung brauchten die Gäste die üblichen Nachweise, getestet, geimpft oder genesen zu sein.

Die Fotografien des im Alter von elf Jahren erblindeten Künstlers, Philosophen und Ingenieurs Bavcar kommentierte unter anderem die mit ihm befreundete Schauspielerin Hanna Schygulla, die auf die ungeheure Dimension des Raumes dessen einging, den der Künstler „durch das Fenster seiner Seele“ sehe. In den 70er Jahren studierte Eugen Bavcar Philosophie an der Sorbonne, nahm später auch die französische Staatsbürgerschaft an.

Bereits der zweite Empfang in der Botschaft

Unter anderem ist er Ritter im französischen Orden der Ehrenlegion und europäischer Ehrenbürger. Über seine Fotografien sagte er einmal: „Das sind meine inneren Bilder, meine Ikonen, durch die ich mit anderen kommunizieren möchte, mit ihren Augen. Denn meine Fotos sind für mich nur so wahr, wie sie von anderen wahrgenommen werden.“

Versuchte Normalität : Frankreichs Botschafterin in Berlin lädt wieder Gäste ein

Künstler und Philosoph: Eugen BacvarFoto: imago/Sven Simon

Es war nach den Lockerungen schon der zweite Empfang in der Botschaft. Im Juni hatte Anne-Marie Descôtes die Geschäftsführerin der Berlinale, Mariette Rissenbeek, mit dem Orden der Künste und der Literatur geehrt, einer der höchsten kulturellen Auszeichnungen, die Frankreich zu vergeben hat. Verliehen wurde ihr der Orden für ihr großes Engagement für das deutsche, französische und europäische Kino. Dabei würdigte die Botschafterin unter anderem Rissenbeeks Beitrag zur Gleichstellung der Geschlechter, der Diversität und der Integration.

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Der französische Nationalfeiertag soll ebenfalls nicht unberücksichtigt bleiben, wenngleich der 14. Juli auch diesmal nur mit kleiner Besetzung unter einem Schwerpunkt-Thema stattfinden kann. Letztes Jahr standen die Corona-Bekämpfer im Mittelpunkt, Pflegepersonal und Ärzte. Diesmal werden es Jugendliche sein, die sich für die deutsch-französische Freundschaft engagieren.

Eine Botschafterin, inspiriert von Rainer Werner Fassbinder

Persönliche Bezüge gewinnen ohnehin an Bedeutung in einer Zeit, da große Empfänge und Feste auf absehbare Zeit schwierig bleiben. Die Botschafterin erzählte – an Hanna Schygulla gewandt, die Muse des früh verstorbenen Filmemachers Rainer Werner Fassbinder –, wie dessen Filme „Effi Briest“ und „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ sie mit zum Germanistik-Studium inspiriert haben.

Beim slowenischen Wein, der im Anschluss an die Reden serviert wurde, trauten sich manche, ihre Masken minutenlang abzulegen. Die Musik spielte sowieso unter freiem Himmel im hübsch bepflanzten Hof.

Bis zum 24. Juli sind in der Mediathek des Maison de France Werke von Eugen Bavcar über den Blindenschrift-Erfinder Louis Braille zu sehen (Kurfürstendamm 211, Di, Do 14-18.30 Uhr, Mi, Fr 12-18.30 Uhr, Sa 11 -17 Uhr).

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