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Verschwundene Tennisspielerin Peng Shuai : IOC-Chef Thomas Bach lässt sich für Chinas Propaganda einspannen

Warum der Olympia-Verantwortliche bei Pekings Inszenierung mitspielt, ist unverständlich. Es ist naiv – oder böswillig. Ein Kommentar.

Verschwundene Tennisspielerin Peng Shuai : IOC-Chef Thomas Bach lässt sich für Chinas Propaganda einspannen

IOC-Präsident Thomas Bach 2016 mit Chinas damaligem Vizepremier Zhang Gaoli, dem die Tennisspielerin Peng Shuai sexuelle Nötigung…Foto: IMAGO / Xinhua

Thomas Bach hat mit Peng Shuai telefoniert, eine halbe Stunde, per Video. Das genügte dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) am Sonntag, um zu ermitteln: Hier gibt es nichts zu sehen. Der MeToo-Fall um die Tennisspielerin hat damit einen Tiefpunkt erreicht. Mit freundlicher Hilfe des deutschen IOC-Chefs hat die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) den Propagandasieg errungen, den sie in diesem Moment brauchte.

Peng Shuai hatte dem KPCh-Politiker Zhang Gaoli vorgeworfen, sie zum Sex genötigt zu haben. Nach der Veröffentlichung verschwand die Athletin wochenlang von der Bildfläche, ihr Name wurde im chinesischen Internet zensiert. Erst als die internationale Aufmerksamkeit zu groß wurde, lancierten Chinas Staatsmedien zweifelhafte Belege für Pengs Wohlbefinden: eine angeblich von der 35-Jährigen verfasste E-Mail, Fotos mit unklarem Aufnahmezeitpunkt, Videos, die Peng in einem Restaurant und bei einem Jugendtennisturnier zeigen.

Als gehe es einzig darum, dass Peng lebt, Umstände egal

Mit dem IOC hat sich nun aber auch eine mächtige nicht-staatliche Institution in die KPCh-Propaganda einspannen lassen. Jeder, der sich nur ein wenig mit China beschäftigt hat, weiß, dass die Partei mit Vorliebe unter Zwang entstandene Videos und Anrufe als vermeintliche Beweise für das Wohlergehen gefangener oder überwachter Personen einsetzt.

Verschwundene Tennisspielerin Peng Shuai : IOC-Chef Thomas Bach lässt sich für Chinas Propaganda einspannen

Die chinesische Tennisspielerin Peng Shuai bei den US Open 2014 in New York.Foto: IMAGO / UPI Photo

Human Rights Watch spricht daher nach dem IOC-Telefonat zurecht von einer „völlig neuen Form der Kollaboration“ mit Chinas Regierung. Der Frauentennisverband WTA hat derweil bewiesen, dass man trotz beträchtlicher Geschäftsinteressen in China standfest bleiben kann. WTA-Chef Steve Simon sagte, Videos seien gut, aber nicht genügend. Er droht, die WTA-Tour aus China zurückzuziehen.

Das IOC erklärte sich nach dem Anruf „erleichtert“ – als gehe es einzig darum, dass Peng lebt, Umstände egal. Nicht der Anruf selbst war falsch, sondern Bachs alibihafte Haltung. Ein Hohn, dass er Peng dann auch noch onkelhaft zum Essen einlud, wenn er im Januar nach Peking reist, wo im Februar die Winterspiele stattfinden.

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Wie leichtgläubig muss man sein, um zu glauben, alles gehe mit rechten Dingen zu, wenn eine berühmte Sportlerin, die einem KPCh-Politiker geschadet hat, erst verschwindet und dann strahlend erklärt, alles sei gut, man solle sie ihrer Privatsphäre zuliebe in Ruhe lassen? Bachs Leichtsinn erinnert an Franz Beckenbauers zynische Aussage, er habe beim Besuch des WM-Gastgeberlandes Katar „nicht einen einzigen Sklaven“ gesehen.

Nicht nur Peking weiß, dass auch Thomas Bach bereit ist, politische Nichtangriffspakte einzugehen. Qua Amt hat er sich gründlich mit China befasst. Er ist also entweder naiv – oder es ist ihm egal. Beides ist eines IOC-Chefs unwürdig.

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