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Uraufführung beim Musikfest Berlin : Ruft ein Lied nach allen Dingen

Stimmen, die Gesellschaft suchen: „A House of Call“ von Heiner Goebbels mit dem Ensemble Modern Orchestra in der Philharmonie.

Uraufführung beim Musikfest Berlin : Ruft ein Lied nach allen Dingen

Dirigent und Komponist. Vimbayi Kaziboni (links) und Heiner Goebbels bei den Proben zu „A House of Call“.Foto: Astrid Ackermann/Musikfest Berlin[

Ein Anfang, der keiner ist. Ein Dirigent, rechts außen neben dem seitwärts aufgebauten Orchester, der schon zu dirigieren beginnt, während die Musikerinnen und Musiker noch im Saallicht auf die Bühne schleichen. Wachsende Unruhe in Begleitungs eines Orgel-Loops. Atomistisches und Aktionistisches, das die Instrumentengruppen quert. Und dann, nach einigen Minuten, ein krachend niederfahrender Blitzschlag. Das Licht erlischt. Und in der Nacht öffnet sich der eigentliche Raum dieser Komposition, zeitlich auf knapp zwei Stunden begrenzt, in seinen Bezügen aber ins Unendliche ausfasernd.

„A House of Call“, wie Heiner Goebbels das Ganze mit Verweis auf „Finnegan’s Wake“ nennt, den Roman von James Joyce, in dem John Cage auch das Wort „Roaratorio“ fand, mit der er sein gleichnamiges Lautpoem überschrieb, ist bereit, Besuch zu empfangen. Zugespielte Stimmen aus der Vergangenheit, die nach einem Echo in der Gegenwart rufen und es im Orchester finden. Call and Response über die Zeiten und Kulturen hinweg. Erhörtes und Unerhörtes: ein Geistergespräch, in dem die Toten die Lebenden mahnen und die Lebenden den Toten zumindest im Eingedenken ein Stück Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Was hier von Gesängen georgischer Kriegsgefangener aus dem Ersten Weltkrieg bis zu Bachs in der Sprache der Nama unter kolonialem Diktat von Schulkindern gesungenen Choralkantate „Nun danket alle Gott“ zusammenfindet, ist ein großes Sammelsurium.

Bedeutsamkeit des Zufälligen

Aus der Zufälligkeit der Fundstücke macht Goebbels aber auch kein Hehl: Es sind Stimmen, die sich ihm im Lauf eines bald 70-jährigen Lebens eingeprägt haben: Dokumente aus seinem akustischen Notizbuch, die keine Summe ergeben, in der Addition aber jenes offene Netz von Bedeutungen bilden, in dem sich jeder mit der Kontingenz der eigenen Erfahrungen einzurichten hat.

Vom durchmikrofonierten Orchester des mit Schlagwerk reich besetzten Ensemble Modern unter der federnd-präzisen Leitung von Vimbayi Kaziboni ohne Atempause durchgespielt, bilden die vier Sätze des Abends einen trügerischen Block, den man am besten mit dem reich illustrierten Materialienbuch aufschlüsselt (Neofelis Verlag, 140 Seiten, 9 €).

Man wüsste sonst nicht, dass der eingangs erwähnte Orgel-Loop aus einer Aufnahme von Cassiber stammt, jener legendären Noisejazzband, die Goebbels in den achtziger Jahren mit Alfred Harth und dem englischen Drummer Chris Cutler gründete. Und selbst als Spezialist für Neue Musik käme man kaum auf die Idee, im „Introitus“ die „Répons“ von Pierre Boulez herauszuhören – ganz zu schweigen vom Blitzschlag, der 1981 die Uraufführung bei den Donaueschinger Musiktagen unterbrach.

Das spricht alles nicht gegen die gestische Sinnlichkeit der Musik, die das Vorgefundene kommentiert, umschmeichelt und konterkariert. Momente nervöser Zerrissenheit, in denen sich die Sologeige mit dem Akkordeon duelliert, wechseln mit flächigen Passagen. Eine Bigband, die sich aus den Klangmassen erhebt, wird vom Orchester überwältigt. Auch Ruhepunkte mit der Harfe, der persischen Kastenzither Santur oder einem Klavier, dessen präparierte Saiten im Terzen- und Sextenglück klirren, sind möglich.

Quellenkenntnisse sind ratsam

Welche Kollisionen und Kollusionen genau stattfinden, erfährt allerdings nur der, der den Quellen nachspürt. Nur von ihnen aus erschließt sich das implizit Politische dieser Musik, die legitime Formen der Aneignung gegen illegitime zu setzen versucht, und dennoch ein ästhetisches Eigenrecht beansprucht.

Insbesondere der dritte Satz „Wax and Violence“, der die Wachsmatrizen früher ethnologischer Aufnahmen für den Phonographen um die Perspektive kolonialer Gewalt ergänzt, würde sonst nicht in seiner Brisanz verständlich. Goebbels hatte im Bestand der Ethnologischen Museen Berlins zunächst nach armenischen Stimmen gesucht. Bei dieser Gelegenheit stieß er auf die Sammlung Hans Lichtenecker. Der deutsche Bildhauer war 1931 ins damalige Deutsch-Südwestafrika gereist, um ein „Archiv aussterbender Rassen“ anzulegen. Zur namibischen Version von „Nun danket alle Gott“ hört man nun auch Lichteneckers schneidige Anweisungen: „Achtung Aufnahme!“

„A House of Call“ ist durchaus nicht als Haus des Schreckens angelegt. Zu dem, was man im Nachhinein als Mundraub klassifizieren muss, tritt latent Widerspenstiges wie das Lied, das Lichtenecker seinem Farmangestellten Haneb ablauschte. Unverdächtig erworbene Zeugnisse wie „Krunk“, ein berühmtes Lied von Komitas, dem Priestervater der modernen armenischen Musik, überschreiben die erpressten – obwohl speziell in diesem Fall ein direkter Weg zu einem Genozid führt.

Vielleicht ist die Idee völliger Unschuld sogar absurd: Bei dem rhythmisch- rituellen „Diálogo“, den zwei Angehörige der indigenen Murui vom Amazonas führen, muss man wohl um eine untergehende, wenn nicht bereits untergegangene Kultur fürchten.

Im Pantheon mit Heiner Müller

Die große Montagearbeit, die Goebbels präsentiert – nach „Surrogate Cities“ (1994) ist es erst die zweite Orchesterkomposition dieser Dimension –, vollzieht sich allerdings auch in eigener Sache. „A House of Call“ ist mit Verweisen auf eigene, vornehmlich theatralische Projekte nur so gespickt. Und: Man stößt auf zahlreiche Bewohner seines Pantheons. Im ersten Teil „Stein Schere Papier“ ist das Heiner Müller, der mit einem Sisyphos-Text aus „Traktor“ zu Wort kommt.

Über „Grain de la Voix“ schwebt der Geist von Roland Barthes, der mit seinem gleichnamigen Buch von der Rauheit der Stimme eine einflussreiche Theorie entwickelte, die nur von Mladen Dolars Schrift „His Master’s Voice“ übertroffen wird. In „When Words Gone“ huldigt er schließlich dem späten Samuel Beckett, dessen Tonlosigkeit, zumal wenn ein Schauspieler wie Julian Beck sie vortrug, eine ganz eigene Musik bildete.

Bei Beckett wandern die zuvor nur aus dem Off erklungenen Stimmen mit Zeilen aus „Worstward Ho“ plötzlich auf die Bühne. Das Orchester formiert sich zu einem Chor, der monoton dem Ende zusteuert. Das Licht an den Notenpulten wird ausgeknipst, die Nacht fordert zum zweiten Mal ihr Recht.

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Musikalisch misst „A House of Call“ die gesamte Spannweite dessen aus, worauf sich Goebbels jemals eingelassen hat. Man hört seine Begeisterung für Großformationen des Jazz wie Charlie Hadens mit politischem Pathos ausgestattetes Liberation Music Orchestra oder Don Cherrys weltmusikalisch orientiertes New Eternal Rhythm Orchestra. Man hört auch seine Auseinandersetzung mit Kompositionsweisen Neuer Musik, die ihm, dem Samplingkünstler, Collageur und Monteur, bis heute nicht geheuer sind. In jedem Fall sind es zu viele Spuren, um ihnen beim einmaligen Hören zu folgen. Gut also, dass diese triumphale Uraufführung eine Zukunft in Hamburg, Köln, München und Wien haben wird.

Schläft ein Lied in allen Dingen: Diese romantische Eichendorff-Zeile, die Goebbels schon bei seinem Theaterabend „Stifters Dinge“ ausdeutete, erklingt in „A House of Call“ noch einmal aus dem Mund seiner greisen Mutter Margret. Anregender und beunruhigender ist sie lange nicht lebendig geworden.

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