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Ukraine-Invasion Tag 180 : Offensive im Süden – mit der Schlangeninsel-Taktik zum Erfolg

9000 Soldaten laut ukrainischen Angaben getötet, Mehrheit der Ukrainer glaubt an Sieg, die Türkei verdoppelt Import von russischem Öl. Der Überblick am Abend.

Ukraine-Invasion Tag 180 : Offensive im Süden – mit der Schlangeninsel-Taktik zum Erfolg

Ukrainische Soldaten machen eine Pause während des Trainings mit ihrer Panzereinheit in der Region Donezk.Foto: David Goldman/AP/dpa

Bei der Frage, wie Kiew den Süden des Landes zurückerobern will, verweisen Experten zum Vergleich auf die Vorgänge rund um die Schlangeninsel im Juni. Russland hatte sich von dem strategisch bedeutsamen Eiland zurückgezogen, nachdem die Position dort unhaltbar geworden war.

George Barros, Mitarbeiter des Think-Tanks „Institute for the Study of War“, betont, dass die Ukrainer die Insel nicht im Kampf erobert hätten. Vielmehr hatte Kiew Artillerie, Mehrfachraketenwerfer und Flugabwehrsysteme so an der Küste stationiert, dass sie die Nachschubwege der Russen zur Insel bedrohten.

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Ähnlich versuchten die Ukrainer nun die Position der russischen Truppen auf der Westseite des Dnipro in der Region Cherson unhaltbar zu machen, indem Nachschubwege wie Brücken und Versorgungslager angegriffen und zerstört werden.

Erste Auswirkungen hat die ukrainische Taktik schon. So würden russische Verluste bei den Artilleriesystemen nicht mehr so schnell ersetzt, sagt ein ukrainischer Militär gegenüber dem „Wall Street Journal“; ein Zeichen für die Probleme der Russen, schweres Gerät über den Fluss Dnipro zu schaffen.

Aktuell ist das nur mit Fähren oder über improvisierte Brücken möglich. Außerdem habe sich die Intensität des russischen Artilleriebeschusses im Vergleich zum Juli in etwa halbiert.

Zu dieser Entwicklung passt die Meldung, dass die Antoniwka-Brücke, die die Stadt Cherson mit dem Ostufer des Dnipro verbindet, nach starkem Beschuss vollständig zusammengebrochen sein soll. Bestätigt ist das bisher nicht.

Auch scheinen die russischen Truppen in Cherson immer noch nicht völlig vom Nachschub abgeschnitten. Laut Aussagen der ukrainischen Militärs können die Russen ihre Artillerie in Cherson immer noch häufiger einsetzen als die Ukrainer.

Die wichtigsten Nachrichten des Tages im Überblick:

  • Nach ukrainischen Angaben wurden seit Beginn des russischen Angriffskrieges 9000 Soldaten getötet. Die Angaben zu den getöteten Soldaten fallen oft sehr unterschiedlich aus und sind schwer zu verifizieren. Mitte Juni hatte der ukrainische Präsidentenberater Olexij Arestowytsch Angaben zu den eigenen Verlusten gemacht und von 10.000 getöteten Militärs gesprochen. Auf der Höhe der Donbass-Offensive sollen bis zu 200 ukrainische Soldaten am Tag gestorben sein. Experten hielten diese Angaben allerdings für zu hoch. Auf jeden getöteten Soldaten kommen zwei bis drei verwundete Kameraden und Kameradinnen. Zum Vergleich: Bei den Kämpfen um die Ostukraine seit 2014 bis 2022 kamen etwas mehr als 4000 Soldaten ums Leben. Mehr in unserem Newsblog.
  • Die Ukraine hat zusammen mit dem Nachbarland Moldau eine stillgelegte Eisenbahnstrecke im südukrainischen Gebiet Odessa wiederbelebt. „Die Erneuerung dieser Route wurde vor dem Hintergrund der ständigen russischen Angriffe auf die Brücke über die Dnister-Mündung lebensnotwendig“, sagte Infrastrukturminister Olexander Kubrakow am Montag. Die Strecke solle vor allem der besseren Anbindung der Donauhäfen Reni und Ismajil dienen. Kiew rechne dort mit einem Warenumsatz von zehn Millionen Tonnen im Jahr.
  • Laut einer Umfrage der ukrainischen Denkfabrik „Ilko Kucheriv Democratic Initiatives Foundation“ (DIF) glauben 92 Prozent der ukrainischen Bevölkerung, dass die Ukraine den Krieg gegen Russland gewinnen wird. 31 Prozent vermuten einen Sieg vor Jahresende. 34 Prozent vermuten, es werde noch ein bis zwei Jahre bis zum Kriegsende dauern, sieben Prozent rechnen mit drei bis fünf Jahren. Nur vier Prozent der Befragten glauben nicht oder eher nicht an einen ukrainischen Sieg.
  • Angesichts des seit einem halben Jahr dauernden russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine erwägt die Europäische Union ein Programm zur Ausbildung der ukrainischen Streitkräfte. Dies kündigte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell am Montag am Rande einer Konferenz im nordspanischen Santander an. Die Verteidigungsminister der 27 EU-Mitgliedsstaaten wollen bei einem Treffen am kommenden Montag in der tschechischen Hauptstadt Prag über die Pläne beraten.
  • Weitere Seit Kriegsbeginn am 24. Februar wurden nach Angaben der Vereinten Nationen fast ein Drittel der 44 Millionen Einwohner der Ukraine aus ihrem Zuhause vertrieben. Das sei die „größte Fluchtbewegung seit Ende des Zweiten Weltkriegs“, teilt die UN-Flüchtlingshilfe weiter mit. Die Menschen stünden nun angesichts des ungewissen Fortgangs des Krieges sowie der Sorge vor dem Winter vor einer „enormen Herausforderung“.
  • Die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Bundestag, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, hat sich gegen eine generelle Einschränkung der Vergabe von EU-Visa an Russen ausgesprochen. „Das ist nicht nur Putins Krieg. Kein Diktator dieser Welt kann so einen Krieg führen, wenn nicht ein Großteil der Bevölkerung hinter ihm steht“, sagte die FDP-Politikerin den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Montag). Jeder Einreisewunsch müsse „individuell akribischst“ geprüft werden. „Nüchtern betrachtet, sollte man allerdings den Russen, die vor Putins System entkommen wollen, eine Chance geben“, sagte Strack-Zimmermann.
  • Aus Furcht vor russischen Raketengriffen haben die Behörden in der ukrainischen Hauptstadt Kiew alle Großveranstaltungen rund um den Unabhängigkeitstag am Mittwoch verboten. Das Verbot gelte von Montag bis Donnerstag und betreffe öffentliche Großveranstaltungen, Kundgebungen und andere Zusammenkünfte, erklären die Behörden.
  • Die Ukraine wirft Russland erneut Beschuss von Gebieten in der Nähe des Atomkraftwerks Saporischschja vor. Über Nacht seien durch russische Raketensalven in der Stadt Nikopol sowie in den nahe gelegenen Bezirken Kriwji Rih und Synelnykowsky mindestens vier Menschen verletzt worden, teilt der Gouverneur der Region, Walentyn Resnitschenko, auf Telegram mit.
  • Die Türkei hat ihren Import von russischem Öl in diesem Jahr mehr als verdoppelt. Die Einfuhren summierten sich bislang auf durchschnittlich mehr als 200.000 Barrel pro Tag nach 98.000 im gleichen Zeitraum des Vorjahres, wie am Montag aus Daten des Finanzdienstleisters Refinitiv hervorging. Die Türkei hat Russland trotz des Krieges gegen die Ukraine bislang nicht sanktioniert und begründet dies damit, auf russische Energielieferungen angewiesen zu sein. Präsident Wladimir Putin und sein türkischer Amtskollege Recep Tayyip Erdogan haben Anfang August darüber hinaus eine verstärkte wirtschaftliche Zusammenarbeit vereinbart.
  • Nach der Ankündigung mehrerer SPD-Gliederungen, im Fall Gerhard Schröder Berufung einzulegen, bereitet sich die Schiedskommission des SPD-Bezirks Hannover auf das Verfahren vor. Am Montagabend werde die Schiedskommission tagen, um sich mit dem aktuellen Sachstand auseinanderzusetzen, sagte der Geschäftsführer des SPD-Bezirks, Christoph Matterne. „Hier werden auch die weiteren Verfahrensschritte vorbereitet.“ Die Frist zur Einreichung der Berufungsanträge endet im Laufe dieser Woche.
  • Die Exporte der deutschen Wirtschaft nach Russland sind im Juli weiter zurückgegangen. Gegenüber dem Vorjahresmonat sank der Wert der Lieferungen um 56 Prozent auf 1,0 Milliarden Euro, wie das Statistische Bundesamt am Montag berichtete. Seit dem Angriff auf die Ukraine ist die Russische Föderation damit von Rang 5 (Februar 2022) auf Rang 12 der deutschen Exportmärkte zurückgefallen.
  • Russland kann nach britischer Einschätzung seine Hilfstruppen aus den moskautreuen Separatistengebieten immer schwerer für den andauernden Krieg gegen die Ukraine motivieren. Einige Kommandeure würden ihren Soldaten vermutlich finanzielle Anreize versprechen, teilte das Verteidigungsministerium in London am Montag unter Berufung auf Geheimdiensterkenntnisse mit. Einige Verbände würden als unzuverlässig gelten und daher nicht mit Angriffen betraut.

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