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Turmbau am Alexanderplatz : Signa feiert Abriss des Kaufhofs für Neubau

Mit einem Abrissevent startet der Neubau von Büros und Läden auf 110.000 Quadratmetern: Hochhaus-Pläne für den Angstraum Alexanderplatz kommen voran.

Turmbau am Alexanderplatz : Signa feiert Abriss des Kaufhofs für Neubau

Ganz nach oben. Das Hochhausprojekt MYND des Investors Signa am derzeitigen Galeria-Kaufhof-Gebäude entstehen.Illustration: Reinhardt & Sommer/Signa

Am Montag gegen 10 Uhr ist der Alex schon gut besucht: Eine Dame mit Gehstock kreuzt einen Radfahrer, der eng an dem Bauzaun der BVG vorbeifährt. Der Verkehrsbetrieb erneuert das Stellwerk im U-Bahn-Tunnel. Um die Ecke, hinter dem Saturn-Kaufhaus erobert Unkraut das verlorene Terrain an einem weiteren Bauzaun zurück – hier ist ein Hochhaus geplant.

Klopfen und Hämmern dringt ein Steinwurf entfernt aus der Baugrube für den „Urban Campus“ über die verkehrsumtoste Insel aus Beton – das ist Berlin, Alexanderplatz im Herbst 2021.

Seit Alfred Döblins Zeiten hat sich das hier nicht verändert: Hier ist das ewig unvollendete Berlin zu besichtigen. Erst recht, seit der Konzern eines österreichischen Multimillionärs den Anfang vom Ende des alten Centrum-Kaufhofs als „Abbruch-Event“ feiern lässt. Der wahrscheinlich scheidende Stadtentwicklungssenator Sebastian Scheel (Linke), Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel, der Architekt Jan Kleihues und der Deutschland-Chef von Signa, Timo Herzberg, sind Zeugen.

Das Finger-Food bieten in schwarzen Kapuzenpullis gekleidete Kräfte an, ein DJ, auch in Schwarz, legt den Soundteppich aus und auf schwarzem Hintergrund steht in fetten weißen Kapitalen „MYND“: So heißt das Projekt, denn jedes Bauvorhaben braucht ein Label, neudeutsch für Etikett, damit es sich besser verkaufen lässt.

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Und was da aus den Trümmern der Galeria Kaufhof – genauer: aus deren erweitertem Kern – entstehen soll, sind 110 000 Quadratmeter Fläche verteilt auf den Galeria-Kaufhof-Kern, dem „Sockelgebäude“, sowie einem 33 Stockwerke und 134 hoch in den Himmel über Berlin ragenden Hochhaus. Büros für Ärzte, Rechtsanwälte, Start-ups oder andere Dienstleister wird der Neubau bieten.

Aber auch eine Fressmeile mit Kneipen und einer Terrasse – vornehm im Branchenjargon ausgedrückt: „Community Flächen“, die als „Vertical Village“ angeordnet ein „Foodcourt“ mit Bars und „Sonnendeck“ bietet.

Der Bürgermeister wünscht sich was

Die Pläne entstanden offenbar bevor der Senat per Hochhausleitlinie öffentliche Nutzungen erzwang. Jedenfalls sagte Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) während des Events, Mitte wünschtes sich, dass im Neubau auch „Öffentliche Nutzungen reingebracht“ werden könnten.

In der Nachbarschaft, beim Turm von Covivio, geschieht das: Der Konzern hat eine als Garten angelegte öffentliche Terrasse im neunten Geschoss, auf 36 Metern geplant, einen Kindergarten als Teil der „Gemeinschaftsfläche von 1280 Quadratmetern“. Zurzeit wird die Baugrube ausgehoben, ab kommenden Jahr wächst das Covivio-Haus in die Höhe. Fertig wird es im Jahr 2025 – genau so wie der Neubau von Signa.

Das „Kaufhaus des Ostens“ lockte die Ossis

„Das Centrum-Warenhaus war das Kaufhaus des Ostens, da bin ich als Kind mit den Großeltern hingereist, um die große Warenwelt zu bestaunen“, sagt Sebastian Scheel. Der Stadtentwicklungssenator verbrachte seine Kindheit in Frankfurt (Oder) und nennt den Alexanderplatz auch heute noch einen „Sehnsuchtsort“, der allerdings eine „andere Füllung“ brauche. Von Dassel nennt den Schauplatz von Döblins Roman einen „magischen Ort“. Gleichwohl gibt der Bezirksbürgermeister zu: „Die Berliner merken das nicht so, dafür aber die Touristen“.

Und die Musiker, die zum Sinti-und-Roma-Festival jüngst aufspielten. Die hätten eine Verlegung des Festivals von dem mit Bauzäunen verstellten Alex an einen anheimelnderen Platz vehement abgelehnt – am Alex „hier spüren wir etwas“, hätten die Musiker gesagt.

[Lesen Sie weiter bei Tagesspiegel Plus: Hoch hinaus, nicht nur in Mitte – Wo Berlin gläserne Türme baut]

Ein Geiger fiedelt an diesem Montag auf dem Alex einen Song von Ed Sheeran. Straßenmusiker, Hütchenspieler, Städtereisende und Pendler aus dem Umland fallen am Alex ein und zerstreuen sich dann wieder in der Stadt. „Wer nach dem Alexanderplatz sucht, findet keinen Platz, sondern eine Fläche ohne raumbildende Kante“, sagt Signa-Architekt Jan Kleihues. Deshalb habe Hans Kollhoff mit seinem Masterplan im Jahr 1993 hier eine handvoll Hochhäuser mit Sockelgebäuden vorgesehen, um „einen urbanen Platz mit menschlichen Dimensionen zu schaffen“.

Turm im Stil der 1950er Jahre

Kleihues Entwurf für Signa wirkt wie ein stilvolle Variation auf das Allianz-Hochhaus von Paul Schwebes in der Joachimsthaler Straße, das als Ikone des Turmbaus der 1950er und folgenden Jahre gilt. Signa-Deutschland-Chef Herzberg nennt den Architekten „meinen Freund“ und das Berliner Projekt „eines der größten der Signa-Gruppe“ überhaupt. Der Galeria-Kaufhof werde erweitert und saniert. Jan Kleihues übernimmt damit fast zweit Jahrzehnte später die Baustelle seines Vaters Josef, der ab Juni 2004 die wabenartige Fassade des Warenhauses „Centrum“ ersetzt hatte durch eine im Stil der Berliner Neomoderne jener Zeit.

Nun soll im Keller eine zusätzliche Geschossfläche für den Kaufhof entstehen und im fünften Obergeschoss eine „event-orientierte Gastronomie“, möglicherweise ähnlich wie diese im KaDeWe am Wittenberger Platz gefeiert wird.

„Wir brauchen ein Zentrum mit 24/7-Betrieb und nicht eines, das Abends Angstraum ist“, sagte Scheel noch. Auch dafür ist der Alexanderplatz berüchtigt: Dass es hier wiederholt zu Streit und Handgreiflichkeiten kam, teilweise mit tödlichen Folgen – im August 2018 etwa bei einer Messerstecherei. Dabei gibt es seit Ende 2017 eine eigene Polizeiwache für den Stadtraum zwischen Weltzeituhr und Brunnen der Völkerfreundschaft.

Eingriffe gegen den „Angstraum“

Bezirksbürgermeister von Dassel will gegensteuern durch mehr Licht unter der Rathausbrücke, die Sanierung des Brunnens und erhofft sich von den „teilöffentlichen“ Flächen im Signa-Neubau sowie dessen „niedrigschwellige Konsumangebote“ im Erdgeschoss eine befriedende Wirkung auf das Umfeld. Eine andere, bürgerlichere Berliner Mischung soll es richten – in einem weiteren Turm am Alex entstehen Eigentumswohnungen.

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