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Toni Kroos als klassischer Sechser : Ein Weltstar erfindet sich neu

Bei der EM spielt Toni Kroos defensiv wie nie – gesetzt bleibt er trotzdem. Die Frage ist nur, wer gegen England neben ihm in der Zentrale spielt.

Toni Kroos als klassischer Sechser : Ein Weltstar erfindet sich neu

Toni Kroos mit der Grätsche gegen N’Golo Kante, der Prototyp eines bissigen Sechsers.Foto: AFP

Bisher ist nichts darüber bekannt, dass die Uefa gegen Toni Kroos ermittelt. Das wäre bemerkenswert, weil der europäische Fußballverband schließlich wegen allem und gegen jeden ermittelt. Und weil bei Kroos tatsächlich zwei Straftatbestände vorliegen. Zum einen: Entwendung von Uefa-Eigentum. Zum anderen: Verstoß gegen die guten Sitten.

Kroos, der Mittelfeldspieler der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, hat sich nach dem EM- Spiel gegen Portugal den Spielball eingesackt. Darüber wird nach den international angewandten Regeln gnädig hinweggesehen, wenn der Dieb zuvor drei Tore erzielt hat. Aber Kroos hat keine drei Tore gegen die Portugiesen erzielt. Auch nicht zwei. Nicht mal eins. Also? „Ich habe mir vorgestellt, wie das gewesen wäre, wenn ich drei Tore gemacht hätte“, hat er in seinem Podcast erzählt.

Dass Kroos als Fußballer über viele Qualitäten verfügt, ist hinreichend bekannt. Darüber hinaus scheint er offenbar überdurchschnittlich fantasiebegabt zu sein. Drei Tore in einem Spiel, das dürfte ihm zuletzt in der Jugend gelungen sein, als er noch als Zehner im offensiven Mittelfeld gespielt hat.

Seitdem hat es ihn auf dem Feld immer weiter nach hinten gezogen, was im Fußball nicht ungewöhnlich ist. Die drei Innenverteidiger der deutschen Nationalmannschaft zum Beispiel haben alle eine offensive Vergangenheit: Mats Hummels und Antonio Rüdiger haben in ihrer Jugend als Stürmer angefangen. Matthias Ginter war Spielmacher auf der Zehn.

Defensiv wie nie

Bei Toni Kroos ist es nicht ganz so weit nach hinten gegangen, aber die Richtung stimmt. Und nie hat man ihn so defensiv erlebt wie bei der aktuellen Europameisterschaft, bei der die Deutschen an diesem Dienstag im Achtelfinale auf England treffen.

Kroos, sonst als Achter ein Mann für die Halbräume, hat in der Vorrunde den klassischen Sechser gegeben – mit allem, was dazugehört. Für einige war es durchaus überraschend, dass er das kann. Seine Auftritte gegen Frankreich und Portugal haben ihm wohlwollende Kritiken eingebracht, seine Präsenz in den Zweikämpfen ist ausdrücklich gelobt worden. Vielleicht auch deshalb, weil viele gedacht haben, es gebe in den Fußballregeln der Fifa einen Passus, der Kroos das Bestreiten von Zweikämpfen explizit untersagt.

„Startete mit starken Balleroberungen, dann wurde es weniger: Schlechte Freistöße aus guten Positionen (…), schwache Eckbälle nach der Pause, dazu auch vereinzelte Nachlässigkeiten in der Defensive.“ (Einzelkritik im „Kicker“ nach dem 0:1 gegen Frankreich)

Insofern hat Europa bei dieser EM einen anderen Toni Kroos kennengelernt. Dass er nach der Vorrunde von allen eingesetzten Spielern die meisten Pässe (288) gespielt hatte, war ohnehin zu erwarten gewesen. Aber auch bei Balleroberungen (18) bewegt er sich auf einem Niveau mit ausgewiesenen Defensivspezialisten wie Matthijs de Ligt, Raphael Varane und Marco Verratti. Das hätten ihm viele wohl nicht zugetraut.

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Toni Kroos ist 31 Jahre alt inzwischen, er hat 105 Länderspiele bestritten, mehr als Franz Beckenbauer, steht seit Ewigkeiten bei Real Madrid, dem mutmaßlich größten Klub der Welt unter Vertrag, und ist einer der am höchsten dekorierten Spieler des deutschen Fußballs. Trotzdem steht er immer noch unter einem gewissen Schönspielerverdacht.

Einige halten sein Spiel für belanglos. Und diese Meinung gibt es nicht nur im gemeinen Volk, dem möglicherweise fremd ist, was das Spiel im Innersten zusammenhält; es gibt sie auch unter den sogenannten Gurus (genauso wie die gegenteilige).

Toni Kroos als klassischer Sechser : Ein Weltstar erfindet sich neu

Nach dem deutschen EM-Sieg gegen Portugal hat sich Toni Kroos den Spielball eingesackt.Foto: imago images/Uwe Kraft

„Ich schätze Toni Kroos, und ich muss sagen: Traumhaft, wie präzise seine Bälle oft von rechts nach links fliegen“, hat Lothar Matthäus, Deutschlands Rekordnationalspieler, nach dem zähen 2:2 gegen Ungarn in einer Kolumne für die Deutsche Presse-Agentur geschrieben. „Aber das bringt keinen Raumgewinn und ist nicht zeitgemäß. Das war insgesamt nicht Deutschland-like.“

„Zeichnete sich durch gute Arbeit gegen den Ball und sicheres Passspiel aus.“ (Einzelkritik im „Kicker“ nach dem 4:2 gegen Portugal)

Solche Urteile verfolgen Kroos seit Jahren. Selbst bei der Weltmeisterschaft 2014 ist sein Beitrag zum WM-Titel eher unterschätzt worden. Auch bei der laufenden Europameisterschaft ist das nicht anders. Schon vor dem Turnier wurde spekuliert, ob es überhaupt noch einen Platz für Kroos gebe. Natürlich gibt es den, weil Kroos bei Joachim Löw gewissermaßen sakrosankt ist. „Über die Qualitäten von Toni zu sprechen ist müßig“, sagt der Bundestrainer.

Kroos weiß um seine Qualität

Kroos selbst nimmt die Kritik mit vorpommerscher Gelassenheit und einem Lächeln zur Kenntnis. „Ich kann mich jetzt nicht um jeden kümmern“, hat er gesagt, als er vor der EM darauf angesprochen wurde, dass einige Experten ihn eher nicht in der deutschen Stammelf für das Turnier sähen. „Das ist für mich völlig in Ordnung, aber entscheidend ist am Ende des Tages nur, wie der Trainer das sieht.“ Und da scheint Kroos weiterhin wenig befürchten zu müssen.

Auch an diesem Dienstag im Wembleystadion wird er wieder in der Startelf stehen. Und das aller Wahrscheinlichkeit nach erneut als Sechser, obwohl das quälende Spiel gegen Ungarn die Systemfrage und damit auch die Debatte um die Rolle von Toni Kroos noch einmal neu befeuert hat. Die Begegnung war nicht nur von der deutschen Mannschaft die schwächste der Vorrunde, sondern auch von Kroos. In diesem Spiel zeigte sich am deutlichsten, dass er eben kein gelernter Sechser ist, kein Bullterrier wie der Franzose N’golo Kanté, der jede Lücke im Mittelfeld stopft, der den Gegenspielern im Zweikampf gehörig auf die Nerven geht. Gut zu sehen war das vor dem 1:0 der Ungarn, als Kroos sich dezent zurückhielt und den Freiburger Roland Sallai aus dem Halbfeld unbehelligt auf den Torschützen Adam Szalai flanken ließ.

„Viele Querpässe, viel zu wenig Raumgewinn. (…) Fiel durch ungewohnte Fehler auf.“ (Einzelkritik im „Kicker“ nach dem 2:2 gegen Ungarn)

Zur ganzen Wahrheit gehört allerdings auch, dass Kroos in der Schlussphase des Spiels mit aller Entschlossenheit den deutschen Widerstand gegen das frühe Turnieraus anleitete. Als die Alternative „Alles oder nichts“ lautete, war er weit vorne zu finden. In dieser offensiveren Rolle kann er der Mannschaft weit mehr geben als in einer zurückgezogenen Position als Sechser. Dafür aber wäre wohl eine Systemumstellung vom bisherigen 3-4-3 auf ein 4-3-3 notwendig.

Doch anders als Ungarn verteidigt England (wie Portugal) in der Regel mit einer Viererkette. Das spricht für eine Beibehaltung der taktischen Grundordnung, in der sich vier englische Verteidiger gegen fünf deutsche Offensivspieler behaupten müssten. Und selbst wenn es gegen die Engländer nicht so locker flockig funktionieren sollte wie gegen die Portugiesen: Mit einem simplen Handgriff ließe sich das System in ein 4-3-3 ummodeln. So wie in der zweiten Halbzeit gegen Ungarn, als Löw Joshua Kimmich in die Zentrale versetzt hat und Matthias Ginter, vorher rechts in der Dreierkette, zum Außenverteidiger der Viererkette wurde.

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Hinzu kam ein entscheidender Eingriff von außen: Ilkay Gündogan wurde durch Leon Goretzka ersetzt, der die Deutschen mit seinem späten Tor zum 2:2 ins Achtelfinale beförderte. Gegen die Engländer dürfte der Münchner nun erstmals bei der EM von Anfang an spielen. Gündogan ist nach seiner Trainingspause wegen einer Schädelprellung zwar wieder fit; mit seinen bisherigen Auftritten im Turnier aber hat er die hohen Erwartungen, die er durch seine Leistungen bei Manchester City selbst geweckt hat, erneut nicht erfüllen können.

Das Zusammenspiel mit Kroos in der Zentrale hat eher leidlich funktioniert. Vielleicht weil beide sich in ihrer Anlage zu ähnlich sind, weil sie oft und gern in denselben Räumen unterwegs sind. Mit Goretzka wäre das anders. Der Münchner ist eher ein Box-to-Box-Spieler, also zwischen den Strafräumen unterwegs. Er ist dynamisch und geradlinig und kann dadurch mehr Tiefe ins deutsche Spiel bringen.

Sechser oder Achter, Dreier- oder Viererkette. Wie auch immer Löw sich entscheiden wird: Kroos wird es stoisch wie immer zur Kenntnis nehmen. Er weiß, was er kann. Und er weiß, was er nicht kann. Vieles ist möglich, aber nicht alles. „Hinten rechts seh’ ich mich nicht“, sagt Toni Kroos.

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