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Tag 166 : Die dritte Phase des Krieges hat begonnen

Lageeinschätzung eines Ex-US-Generals, kritische Lage in Europas größtem AKW, Selenskyjs Berater im Interview. Der Überblick am Abend.

Tag 166 : Die dritte Phase des Krieges hat begonnen

Ukrainische Militärs beladen mit Raketen ein Mehrfachraketensystem Burewij.Foto: REUTERS/Sofiia Gatilova

Experten sehen aktuell den Beginn der dritten Phase des Krieges in der Ukraine. Kiew bestimmt nun wieder, wie und wo gekämpft wird. Im Donbass – in der zweiten Phase – diktierte Russland den Fortgang und den Ort der Schlacht. Die erste Phase war vor allem vom Kampf um Kiew geprägt. 

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Was in dieser dritten Phase militärisch wichtig wird, hat der ehemalige US-General Mark Hertling jetzt in einem lesenswerten Beitrag auf Twitter beschrieben.

Vier Punkte sind dabei zentral: 

1. Kiew muss die Freiwilligen- und Partisanenverbände – viele zehntausend Männer und Frauen – in die professionelle Armee integrieren. Für komplexe militärische Operationen wie eine Offensive ist ein hoher Ausbildungs- und Trainingsgrad der Einheiten erforderlich. 
2. Kiew muss für die Offensive das Gefecht der verbundenen Waffen einsetzen; heißt Infanterie, Panzer, Artillerie, die Luftwaffe und vieles mehr eng aufeinander abgestimmt vorrücken lassen. Etwas, das in diesem Krieg bisher nicht zur Anwendung kam. 
3. Kiew muss noch mehr Partisanenaktivitäten in den besetzten Gebieten forcieren. 
4. Kiew muss seine Logistik von der Verteidigung auf eine Offensive umstellen. 

Kann die Ukraine all das umsetzen? Einfach wird es nicht, schreibt Hertling. Aber er hält es für möglich, wenn auch nicht sofort. Angesichts dieser Einschätzung ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass die Ukraine ihre Offensive immer noch nicht gestartet hat. 

DIE WICHTIGSTEN NACHRICHTEN DES TAGES IM ÜBERBLICK

  • Gerhard Schröder darf Mitglied der SPD bleiben. Der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder hat mit seinem Engagement für russische Staatskonzerne nicht gegen die Parteiordnung verstoßen, urteilte ein Schiedsgericht heute. Gegen die Entscheidung kann Berufung eingelegt werden. Mehr hier. 
  • Erster Getreidefrachter aus der Ukraine erreicht seinen Zielhafen: 12.000 Tonnen ukrainisches Getreide haben ihren Bestimmungshafen nahe Istanbul erreicht. Es ist das erste der zehn Schiffe, die aus der Ukraine gestartet sind. Mehr hier.
  • Erdogan lässt Putins Rubel rollen: Die Präsidenten Russlands und der Türkei wollen bei Energie und Finanzen enger zusammenarbeiten. Nutzt Putin damit Erdogan, um die Sanktionen zu umgehen? Mehr hier. 
  • Ein Unfall im ukrainischen Kernkraftwerk Saporischschja im Zuge von Kampfhandlungen könnte laut einen ukrainischen Diplomaten zu einem beispiellosen Atomunfall führen. Nicht nur die Ukraine, sondern ganz Europa werde schwere Konsequenzen zu tragen haben, sagte Kiews Botschafter bei der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Jewhenij Zymbaljuk, am Montag in Wien. Saporischschja ist das größte AKW Europas. Mehr in unserem Newsblog.
  • Die von Siemens-Energy gewartete Turbine für die Gasleitung Nord Stream 1 ist nach Angaben des Konzerns noch nicht an Russland ausgeliefert worden. „Die Diskussionen mit dem russischen Kunden laufen weiter“, sagte Energy-Chef Christian Bruch am Montag bei der Vorlage der Quartalszahlen seines Unternehmens. „Die Turbine ist noch in Deutschland. Es gibt noch Diskussionen, ob sie verschifft werden kann.“ 
  • In der ostukrainischen Provinz Donezk toben weiter schwere Kämpfe bei den Städten Bachmut und Awdijiwka. Östlich und südlich der Nachbarstädte Soledar und Bachmut seien russische Angriffe abgewehrt worden, teilte der ukrainische Generalstab auf Facebook mit. Ebenso seien russische Vorstöße östlich von Siwersk und südwestlich der Stadt Awdijiwka gescheitert. Unabhängig überprüfen ließen sich diese Angaben zunächst nicht.
  • Nach Einschätzung britischer Geheimdienste setzt Russland in der Ukraine höchstwahrscheinlich hochgefährliche Antipersonenminen ein. Moskau wolle damit wohl seine Frontlinien in der ukrainischen Donbass-Region verteidigen, heißt es in einem Tweet des britischen Verteidigungsministeriums. Die Minen des Typs PFM-1 – auch Schmetterlingsminen genannt – seien sowohl für Truppen als auch die lokale Zivilbevölkerung extrem gefährlich und „zutiefst umstritten“. 
  • Ukrainische Truppen haben laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Interfax erneut eine strategisch wichtige Brücke in der russisch-kontrollierten Stadt Cherson beschossen. Baumaschinen seien beschädigt worden, was die Wiedereröffnung der Brücke verzögere, meldet die Agentur unter Berufung auf einen Behördenvertreter. 
  • Die deutschen Gasspeicher sind am vergangenen Freitag trotz der deutlich reduzierten Liefermengen aus Russland so stark befüllt worden wie seit knapp zwei Monaten nicht mehr. Wie am Montag aus Daten der europäischen Gasspeicherbetreiber im Internet hervorging, lag der Füllstand am Samstagmorgen zu Beginn des sogenannten Gastages im Durchschnitt bei 71,99 Prozent und damit 0,66 Prozentpunkte über dem Vortageswert.

Die belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja rechnet mit starkem Widerstand gegen eine mögliche volle Teilnahme ihres Landes an Russlands Krieg gegen die Ukraine. „Unsere Partisanenbewegung wird das sabotieren. Es werden Befehle verweigert werden. Oder die belarussischen Soldaten ergeben sich dort gleich“, sagte die Politikerin der Deutschen Presse-Agentur.

HINTERGRUND UND ANALYSE

1. Interview mit Selenskyjs Berater: „Natürlich wollen wir auch die Krim zurückerobern“

2. Eine Stadt der Kontraste: Kiew versucht, den Krieg in diesem Sommer zu vergessen

3. Frauen in der ukrainischen Armee: „Im Veteranenverein gibt es keinen Wickeltisch“

4. Mieterbund-Chef zur Energiekrise: Wohngeld für Haushalte mit weniger als 5000 Euro netto gefordert

5. Hühnerfutter statt Brot für die Welt: Die Fahrt des ersten Getreidefrachters aus der Ukraine wird zum Debakel

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