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Studiopublikum in TV-Shows : Die Klatsch-Blase

Seit einem Jahr verzichten viele TV-Shows auf Publikum. Die Rückkehr bahnt sich an. Nicht jeden Moderator freut das.

Studiopublikum in TV-Shows : Die Klatsch-Blase

ZDF-Talker Markus LanzFoto: dpa

Wie gefährlich ist die Delta-Variante, auch im Zusammenhang mit der nachlassenden Impfdisziplin in Deutschland? Sehr gefährlich, sagte Karl Lauterbach am vergangenen Donnerstag bei „Markus Lanz“ und holte sich gleich die süffisante Retourkutsche vom Journalisten Stefan Aust: „Na, wollen wir hoffen, dass Sie mal Unrecht haben.“ Und überhaupt, immer diese Alarmstimmung.

Und, dann? Da fehlte doch was? Richtig: der Applaus, mindestens ein Raunen. Fast hat man sich in Talkshows schon dran gewöhnt: Die Stille nach dem scharfen Satz, nach der Pointe, weil es wegen der Pandemie kein Studiopublikum gibt.

Kein billiger Applaus, stattdessen Konzentration und unmittelbare Reaktionen von Moderator und Gästen auf das, was eben gesagt wurde, ohne Gesprächsfäden zu verlieren. Wenn es nach Markus Heidemanns, Produzent und Chefredakteur der erfolgreichen ZDF-Talkshow, ginge, könnte das trotz niedriger Inzidenzwerte so bleiben („Markus Lanz“, Dienstag, ZDF, 23 Uhr 45).

„Wir haben nur Vorteile ohne Publikum“, sagt Heidemanns dem Tagesspiegel. Viel mehr Rede-Sendezeit ohne ständiges Klatschen, ein höheres Tempo, dass dann wohl auch den Qualitäten des – früher häufiger geschmähten – Moderators entgegen kommt. Der Lanz-Talk erfreut sich überwiegend guter Quoten und Kritiken. Seine Show ist das Gesprächs-Hochamt in Sachen Corona in diesen Monaten. Vielleicht wird dieser Anspruch, diese Wucht mit ständig klatschendem Studiopublikum schon wieder unterhöhlt und ausgedünnt.

Mit dem Wunsch, die Leute draußen zu lassen, steht Lanz allerdings alleine da. Kollege Frank Plasberg, derzeit mit „hart aber fair“ in der Sommerpause, kann es kaum erwarten, bis es wieder vor Studiopublikum losgeht.

Auch „Anne Will“ ist in Wartestellung

„Eine gute Talkshow ist immer auch eine Arena. Der Meinungsstreit unserer Gäste wird am besten vor Publikum ausgetragen“, sagte Plasberg dem Branchenmagazin Übermedien. „Dieses kann applaudieren, lachen, murren. Schon der Applaus zu Beginn der Sendung hat etwas Verheißungsvolles. Als wir plötzlich ohne Publikum senden mussten, wirkte unser großes Studio auf einmal sehr leer. Das war und ist immer noch kein gutes Gefühl .“

Das klingt nach Wiederkehr. Eine WDR-Sprecherin sagte dem Tagesspiegel am Montag, dass der ARD-Talk plane, nach der Sommerpause ab 23. August wieder vor Publikum zu senden, unter der Voraussetzung, dass die Corona-Situation stabil bleibt.

Wie viele im Studio das sein werden, so Plasberg, wisse man noch nicht. Auch noch nicht, ob sie getestet, geimpft oder was auch immer sein müssen. Das Gleiche gelte für „maischberger. die woche“. Auch „Anne Will“ ist in Wartestellung, wenn auch mit leichter Tendenz zur Haltung von Markus Lanz.

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„Natürlich ist die Atmosphäre ohne die unmittelbare Reaktion aus dem Studiopublikum eine andere. Doch im Gegensatz zu den Unterhaltungsshow-Formaten, zu denen die spontanen Lacher und Klatscher unbedingt dazugehören, leidet unser Format vergleichsweise wenig unter der Stille im Raum“, bestätigt eine Sprecherin der (wie Plasberg urlaubenden) Anne-Will-Redaktion dem Tagesspiegel die Aussagen in Übermedien.

Eher täte die Stille der Debatte gut, lasse konzentriertere Gespräche zu, weil die Gäste bei „Anne Will“ sogar an sich selbst beobachten, dass sie weniger auf einen Effekt wie einen zustimmenden Applaus hin formulieren. „Dennoch, ob wir irgendwann wieder Publikum im Studio haben werden? Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht.“

Anders die „heute-show“

Eine fruchtbare Diskussion. Vielleicht sollte gerade im Polittalk mal grundsätzlich über Sinn und Wert des schnellen Applauses nachgedacht werden, gemäß dem Sprichwort: Klatschen und lügen sind Bruder und Schwester. Anders die „heute-show“.

Das Ausbleiben von spontanem Klatschen und Lachern spielt in Comedy-Formaten eine ganz andere Rolle als im TV-Talk. Auch die Produktionsbedingungen des beliebten ZDF-Formats haben sich in der Pandemiezeit geändert. Wurde die „heute-show“ vor Corona mit Studiopublikum am Freitagnachmittag live on tape vor Publikum aufgenommen, werden die 30 Minuten Unterhaltung nun mit den Aufzeichnungen der Auftritte einzelner Gäster zusammen gesetzt.

Studiopublikum in TV-Shows : Die Klatsch-Blase

Frank PlasbergFoto: dpa

Am Ende sieht das vor dem Bildschirm zwar recht flüssig aus. Es ist aber wenig wahrscheinlich, dass das dem Flow von Oliver Welke am Moderatorentisch vorne zugute kommt, dort in die Leere vor sich hinein scherzend. Eine Antwort dazu steht aus. Der Moderator im Urlaub kehrt voraussichtlich am 3. September 2021 aus der langen Sommerpause zurück.

Immerhin, die „heute-show“ behalf sich stimmungsmäßig mit eingespielten Applausszenen aus dem Archiv, gerne von Parteitagen der SED oder China. Fast möchte man auf diese Bilder undTöne nicht mehr verzichten. Für den ZDF-„Fernsehgarten“ wäre das nichts. Dort wird seit Wochen wieder munter zu den ewig gleichen musikalischen Takten geklatscht, natürlich unter Beachtung von Corona-Schutzregeln.

Und Stefan Aust bekommt dann wieder schnellen Applaus

Was wird nun aus „Markus Lanz“ und den Wünschen seines Produzenten? Die Rückkehr des Studiopublikums würde das erfolgreiche Konzept der Sendung wieder völlig verändern, so Heidemanns. Möglicherweise steht da ein kleiner Streit mit dem Sender an.

„Das ZDF beobachtet weiterhin die aktuelle Lage und die gesetzlichen Bestimmungen hinsichtlich der Corona-Pandemie. Vor diesem Hintergrund ist die Entscheidung, wann ,Markus Lanz’ wieder mit Studiopublikum produziert werden wird, noch nicht gefallen“, sagte ein Sprecher des Mainzer Senders. Das Gleiche gelte für die Sendungen „maybrit illner“ (letzte Sendung vor der Sommerpause am 15.7.), „Die Anstalt“ (letzte Sendung vor der Sommerpause 20.7.) und die „heute-show“ .

Studiopublikum in TV-Shows : Die Klatsch-Blase

Applaus! Oliver Welke scherzt ins Leere.Foto: dpa

„Wann“ wieder mit Studiopublikum produziert werden kann, nicht „ob…“ – so das Verdikt des ZDF. Das klingt nicht danach, als ob sich Markus Lanz und die Produktionsfirma selbst aussuchen könnten, wie und vor wem sie aufzeichnen (ganz abgesehen davon, dass mit steigenden Inzidenzwerten wegen des Delta-Virus neu nachgedacht werden muss).

Und Stefan Aust bekommt dann bei seinem nächsten Talk-Besuch in Hamburg doch wieder schnellen Applaus von den Zuschauerbänken, wenn er Karl- Lauterbach-Warnungen kontert.

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