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Streiks an den Flughäfen : Keine Kontrolle

Verdi will deutliche Gehaltserhöhungen für rund 25 000 Beschäftigte durchsetzen. Zehntausende Passagiere bleiben am Boden.

Streiks an den Flughäfen : Keine Kontrolle

Nichts los am BER. Rund die Hälfte der Flüge fiel am Montag in Berlin aus.Foto: IMAGO/Stefan Zeitz

Am Mittwochmorgen nimmt Wolfgang Pieper in Stuttgart eine der ersten Maschinen, um rechtzeitig in Berlin zu sein. Hier beginnen um 11 Uhr die Tarifverhandlungen zwischen Verdi und dem Bundesverband der Luftsicherheitsunternehmen. Pieper führt die Verhandlungen auf Gewerkschaftsseite – und am Mittwoch trifft ihn vermutlich nicht der Streik der eigenen Leute. Am Dienstag hat Verdi nochmal ihre Mitglieder an den Flughäfen in Frankfurt (Main), Hamburg, Karlsruhe/Baden-Baden und eben auch in Stuttgart zum Streik aufgerufen. Montag waren Köln/Bonn, Düsseldorf, Hannover, Bremen und Berlin betroffen. In München streiken die Beschäftigen in der Personal-, Waren- und Frachtkontrolle sogar von Montagmittag bis Dienstag um 24 Uhr. Zehntausende können nicht fliegen.

„Absolut unrealistische Forderungen“

„Verdi hat völlig den Boden unter den Füssen verloren“, kommentierte Rainer Friebertshäuser, Verhandlungsführer der Arbeitgeber, den Streik. Mit „absolut unrealistischen Forderungen“ treibe Pieper seine Leute in den Streik. „Scheinbar ist die Verdi-Blase dichter als man denkt“, meinte Friebertshäuser, der die andere Seite und auch Pieper gut kennt: Bis Mitte der Nullerjahre war Friebertshäuser bei Verdi für das Tarifgeschäft im öffentlichen Dienst zuständig.

Pieper wiederum arbeitete als engster Vertrauter für den Verdi-Vorsitzenden Frank Bsirske. Friebertshäuser überwarf sich mit Bsirske und und wechselte auf die Arbeitgeberseite. Gemeinsam mit Pieper darf er nun in den kommenden zwei Tagen den komplizierten Konflikt an den Flughäfen lösen. Wenn das misslingt, gibt es eine Eskalation: Verdi droht mit Streiks zu Beginn der Oster-Reisezeit in der Flughafenkontrolle, die von einem Dutzend Firmen erledigt wird, darunter Securitas, DWS, FraSec und Wisag. Mit relativ wenigen Streikenden kann die Gewerkschaft großen Schaden anrichten.

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Am Dienstag ist Frankfurt betroffen

Am Montag musste nach Angaben des Flughafenverbandes eine hohe dreistellige Zahl an Flügen gestrichen werden. Betroffen waren Zehntausende Passagiere in Berlin-Brandenburg, Düsseldorf, Köln-Bonn, Hannover und Bremen. In Berlin fiel gut die Hälfte der Flüge aus, an manchen Flughäfen bis zu zwei Drittel. In Leipzig gab es nur geringfügige Verzögerungen bei touristischen Flügen und keine Ausfälle. Am heutigen Dienstag ist auch Frankfurt betroffen, wo überhaupt keine startenden Passagiere, sondern nur Umsteigende abgefertigt werden.

Ost-Angleichung steht aus

Rund 25 000 Personen sind als Luftsicherheitskräfte an den deutschen Flughäfen tätig. Sie kontrollieren Passagiere und Fracht sowie täglich die auf den Flughäfen Beschäftigten. Verdi versucht verschiedene Forderungen durchzusetzen:<TH>Eine Lohnerhöhung von mindestens einem Euro pro Stunde bei einer Laufzeit von zwölf Monaten für alle.

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Ferner sollen die bislang nach Verantwortungsbereichen und Regionen differenzierten Verdienste angeglichen werde. Für die Aufstockung der ostdeutschen Stundenlöhne auf Westniveau wollten die Arbeitgeber bislang nur zehn Cent pro Stunde für jeweils ein Jahr zahlen, was Pieper als Provokation empfindet. Ihm zufolge würde das Westniveau dann frühestens in 22 Jahren erreicht.

Arbeitgeber bieten bis zu sieben Prozent

Arbeitgebervertreter Friebertshäuser wiederum beziffert die Forderungen von Verdi auf insgesamt bis zu 40 Prozent. Die Arbeitgeber hätten bis zu sieben Prozent angeboten. Sie seien auch bereit zu strukturellen Veränderung, doch den Ansatz von Verdi, alle Lohngruppen auf das Niveau der teuersten Gruppen anzuheben, nennt Friebertshäuser „utopisch“. Den Firmen steckten noch immer zwei Jahre Corona in den Knochen. Auch deshalb ärgert die Arbeitgeber das Erwartungsmanagement der Verdi-Strategen, die ihren Leuten glauben machten, dass große Erhöhungen machbar wären.

In der Spitze gibt es 19 Euro die Stunde

In der Spitze verdient das von der Bundespolizei kontrollierte Luftsicherheitspersonal, das die Passagiere und deren Handgepäck kontrolliert, einen Stundenlohn von 19 Euro ohne Zuschläge. Das differenziert indes stark nach Regionen, in Berlin etwa beträgt der Stundenlohn 15,43 Euro.

Verdi will in diesem Frühjahr unbedingt besser abschließen als 2019: Der damalige Tarif war intern auf viel Kritik gestoßen. Ferner hätten sich die Arbeitgeber nicht an die 2019 verabredete Gesprächsverpflichtung über strukturelle Verbesserungen gehalten, weshalb nun ein ganzer Strauß an Forderungen auf den Tariftisch gekommen sei, wie Pieper sagt. Der 68-Jährige ist zwar seit ein paar Jahren in Rente, doch für diese spezielle Tarifrunde hat er sich gerne reaktivieren lassen. Dabei weiß Pieper ebenso wie Friebertshäuser um die Risiken der Gewerkschaftsstrategie: Mit jedem Streiktag steigen die Erwartungen der Beschäftigten. Und wenn es in dieser Wochen keinen Kompromiss gibt, könnte Pieper der Konflikt vor Ostern entgleiten.

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