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Spekulationen über Anne Frank : Hat wirklich ein Notar Anne Frank verraten?

Ein Forscher-Team glaubt, dass ein jüdischer Notar die Familie von Anne Frank bei den Nazis denunzierte. Historiker halten das für Unsinn.

Spekulationen über Anne Frank : Hat wirklich ein Notar Anne Frank verraten?

Anne Frank 1942 als 13-jähriges Mädchen.Foto: imago images/Cinema Publishers C

Das Rechercheteam, das am Montag mit neuen Erkenntnissen zur Deportation und Ermordung von Anne Frank an die Öffentlichkeit trat, hat in Fachkreisen Kritik auf sich gezogen. Internationale Historiker melden Bedenken an, ob die Beweise ausreichend seien, um zu dem Schluss zu kommen, dass der jüdische Notar Arnold van der Bergh Anne Frank und ihre Familie an die Nationalsozialisten verraten habe. Die Beweislage sei sehr dünn, sagte der Amsterdamer Professor für Holocaust- und Genozidstudien, Johannes Houwink ten Cate, dem „NRC Handelsblad“. „Zu großen Beschuldigungen gehören große Beweise. Und die gibt es nicht.“
2016 hatte der niederländische Regisseur Thijs Bayens den ehemaligen FBI-Agenten Vince Pankoke kontaktiert, um mit einem Team von rund 20 Historikern, Analysten und Psychologen neue Ermittlungen am 75 Jahre alten Fall aufzunehmen. Bayens begleitete die Untersuchung filmisch, nun soll auch ein Buch erscheinen. Die Recherchen sollen ergeben haben, dass Arnold van der Bergh, ein Mitglied des Judenrats, versucht habe, durch den Verrat des Verstecks der Familie Frank seine eigene Familie vor der Deportation zu bewahren. Die Ermittler stützen sich auf die Kopie eines anonymen Briefes an Otto Frank – dem einzigen Überlebenden der Familie – von 1946, in dem der Name des Notars genannt wird.

Der angebliche Verräter war untergetaucht

„Man muss sehr aufpassen, bevor man jemanden in der Geschichte als Verräter von Anne Frank festschreibt“, sagte Ronald Leopolder, der Direktor der Anne-Frank-Stiftung, dem Radiosender NPO1. Bart van der Boom von der Universität Leiden sprach im „Spiegel“-Interview sogar von „verleumderischem Unsinn“. Laut dem Holocaust-Experten Houwink ten Cate gibt es keinerlei Beweise, dass der Jüdische Rat im Zweiten Weltkrieg Listen mit Adressen von Verstecken von Juden aufgestellt hat. Auch van der Berghs Motiv scheint unklar. Er selbst war bereits im Sommer 1944 mit seiner Familie untergetaucht. Mit einer Anzeige beim Sicherheitsdienst hätte er – so der Historiker – nur die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt.

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Zu fragen wäre auch, ob solche Spekulationen überhaupt die richtige Art der Erinnerung an die Shoah sein können. Eike Stegen hat am Jüdischen Historischen Museum in Amsterdam gearbeitet und ist heute Pressereferent des Hauses der Wanseekonferenz. Dem Tagesspiegel sagte er: „Das Arbeiten an der Biografie und die Benennung von Verantwortlichkeiten kann uns weiterhelfen, dieses unfassbare Verbrechen gewissermaßen dingfest zu machen.“

Ablenkung von den wahren Tätern

Trotzdem sieht er vieles kritisch: „Ich habe erst mal tausend weitere Fragen an Täter, die nicht jüdisch sind.“ Nach seinem Eindruck gibt es enormes Interesse an den Judenräten, um von eigenem Fehlverhalten abzulenken. Vor allem sei die Grundvoraussetzung für alle Fälle von Verrat nicht zu vergessen: „Das ist ja alles deutsche Politik gewesen!“ Die Familie Frank seit 1942 in einem Hinterhaus-Versteck in Amsterdam, das im August 1944 entdeckt wurde. Anne Frank und ihre Schwester Margot starben kurz vor Kriegsende 1945 im KZ Bergen-Belsen.
Anschuldigungen wie die des Cold- Case-Teams sollten auf unumstößlichen Beweisen basieren. FBI-Veteran Vince Pankoke reklamiert eine Wahrscheinlichkeit von 85 Prozent für seine Theorie. Reicht das? „Das gaukelt eine mathematische Berechenbarkeit von dem vor, wie man historische Quellen interpretieren kann, die mir nicht valide erscheint“, sagt Eike Stegen.

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