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Spaniens Coach trifft erstmals wieder auf Italien : Als Luis Enrique sich in in Foxborough eine blutige Nase holte

Luis Enrique hat mit Italien noch eine Rechnung offen. Der spanische Trainer war bei der WM 1994 Opfer eines der hässlichsten Fouls der Fußballgeschichte.

Spaniens Coach trifft erstmals wieder auf Italien : Als Luis Enrique sich in in Foxborough eine blutige Nase holte

Ein Bild, das sich ins kollektive Gedächtnis vieler spanischer Fußballfans eingebrannt hat. Luis Enriques gebrochene Nase wird…Foto: Magic/Imago

Luis Enrique geht zu Boden, streckt den Arm nach oben und wälzt sich auf dem Rasen. Wenig später springt er auf, sucht die Konfrontation mit dem Gegenspieler, hält sich das Gesicht und fällt wieder um. Blut spritzt aus seiner Nase, seine Mimik ist eine einzige Anklage. Doch im Stadion von Foxborough gibt es an diesem 9. Juli 1994 keine Verurteilung. Schiedsrichter Sandor Puhl aus Ungarn will nicht gesehen haben, wie Enrique kurz zuvor vom Ellbogen des Italieners Mauro Tassotti niedergestreckt wurde. Im italienischen Strafraum, in der Nachspielzeit des Viertelfinals der Weltmeisterschaften in den USA, beim Stand von 1:2 aus spanischer Sicht – dem späteren Endstand.

„Er wollte den Schiedsrichter und Tassotti töten, und dann auch mich, als ich ihn packte“, sagte damals der spanische Physiotherapeut Senen Cortegoso über den wütenden Luis Enrique. „Lucho“, wie sie ihn in Spanien nannten, war seinerzeit 24 Jahre alt, ein kleines Energiebündel, temperamentvoll, stolz – und nach dem Abpfiff doppelt gebrochen. Im Herzen wegen der Ungerechtigkeit, die ihm und Spanien widerfahren war und körperlich, denn der Ellbogen von Tassotti hatte ihm das Nasenbein zertrümmert.

Das Bild des weinenden Luis Enrique, der mit blutverschmiertem Trikot auf dem Rasen sitzt, hat sich in das kollektive Gedächtnis einer ganzen Generation von spanischen Fußballfans eingebrannt. „Wir verloren, egal wie gut wir auch waren“, hat es José Mari Bakero einmal im Tagesspiegel beschrieben. Er selbst spielte 1994 gegen Italien 65 Minuten, beobachtete die Enrique-Szene später als ausgewechselter Spieler von der Bank aus. Tatsächlich hatten die Spanier in den 1980er und 1990er Jahren oft starke Teams, doch sie scheiterten zuverlässig, wenn es darauf ankam. Gern im Viertelfinale und noch lieber im Elfmeterschießen.

Auf der anderen Seite waren die Italiener, die selten schön spielten, aber oft weit kamen. 1994 bis ins WM-Finale, 2000 ins EM-Finale. 1982 und 2006 reichte es sogar für den WM-Titel. „Italien war in dieser Hinsicht unser Gegenpart. Ihre Mannschaften hatten immer dieses Selbstvertrauen und diesen Siegeswillen, der uns fehlte“, erinnerte sich Bakero an diese Zeit. Bis 2008 hatten die Spanier nie ein Pflichtspiel bei einer EM oder WM gegen Italien gewinnen können.

[Lesen Sie hier alle wichtigen Entwicklungen der EM im Tagesspiegel-Liveblog]

14 Jahre litten die Spanier unter Tassottis Ellbogen von Foxborough. Wobei der Italiener selbst schnell vom Täter zum Opfer wurde. Nach Ansicht der Fernsehbilder wurde der Abwehrspieler des AC Mailand nachträglich aus dem 94er WM-Turnier genommen: „Ich wurde für acht Spiele gesperrt und das war das Ende meines Abenteuers in der Nationalmannschaft. Ich habe einen Fehler begangen und das Schicksal hat mir die Rechnung präsentiert. Ich bereue es noch heute“, sagte der damals 34 Jahre alte Tassotti im vergangenen Jahr der spanischen Zeitung „El Pais“ nicht ohne Bitterkeit.

2021 hätte es bei der EM sogar zu einem Duell zwischen Enrique und Tassotti kommen können. Der Italiener war als Co-Trainer von Viertelfinalist Ukraine im Einsatz, Luis Enrique betreut die spanische Nationalmannschaft. Doch nun kommt es anders: Italien – natürlich – wartet im Halbfinale. Und der inzwischen 51 Jahre alte Asturier lässt sich nicht beirren und geht stur seinen Weg. In der Heimat hat ihm das viel Kritik eingebracht, sie zielte verbal fast so sehr ins Gesicht von Enrique wie 1994 der Ellbogen von Tassotti.

Vor dem Halbfinal-Duell hat sich nun aber fast ganz Spanien hinter Luis Enrique versammelt, 27 Jahre nach seinem letzten Spiel gegen die Italiener bekommt der nun die Gelegenheit zu seiner ganz persönlichen Rache. Wobei die Vorzeichen inzwischen andere sind: Spanien hat den Italienern zwischenzeitlich den Rang abgelaufen. 2008 und 2012 wurde das Team Europameister, 2010 auch Weltmeister.

2008 besiegten die Spanier bei der EM endlich ihren Italien-Fluch

Ursächlich für die große Titelära war dabei das EM-Viertelfinale im Wiener Ernst-Happel-Stadion 2008. 120 Minuten lang tat sich seinerzeit fast nichts, es kam zum Elfmeterschießen, in dem die Spanier ihren Fluch endlich besiegen konnten. „Wir wussten: Wenn wir Italien schlagen, können wir auch alle anderen schlagen. Dann gewinnen wir das Turnier“, erinnerte sich der dritte Torwart Andres Palop einst in dieser Zeitung. Unvergessen für ihn und viele andere in Spanien sind auch die Worte von Trainer Luis Aragones vor dem Spiel: „Bereitet euch darauf vor, zu gewinnen.“

Vielleicht stimmte dieser Sieg und der anschließende EM-Titel auch Luis Enrique milder. 2011 kam es zur Versöhnung mit Tassotti. Enrique war damals Trainer beim AS Rom, sein einstiger Widersacher Assistent beim AC Mailand. Vor einem Spiel der beiden Klubs schüttelten sie sich die Hände: „Es sind jetzt 17 Jahre vergangen und das heißt auch, dass wir 17 Jahre älter geworden sind. Ich habe kein Problem mit ihm“, sagte Enrique damals.

Spaniens Coach trifft erstmals wieder auf Italien : Als Luis Enrique sich in in Foxborough eine blutige Nase holte

Versöhnung. Luis Enrique (l.) und Mauro Tassotti reichen sich 2011 die Hände. „Es sind jetzt 17 Jahre vergangen und das heißt…Foto: Solaro/AFP

2012 trafen Italien und Spanien bei der EM-Endrunde sogar zweimal aufeinander. Einem 1:1 in der Vorrunde folgte mit dem 4:0-Sieg der Iberer im Finale eine Machtdemonstration. Spanien war auf der Höhe seiner fußballerischen Schaffenskraft, der Lieblingsfeind wurde nach allen Regeln der Kurzpasskunst zerlegt.

Inzwischen haben sich die Machtverhältnisse wieder leicht zugunsten der Italiener verschoben. Bei der EM 2016 schalteten sie Spanien im Achtelfinale mit 2:0 aus und bei der aktuellen Endrunde, ist es Italien, das mit tollem Fußball begeistert. Spanien hingegen hat sich fast italienisch durchs Turnier gerumpelt, in fünf Spielen gab es nur einen Sieg nach 90 Minuten. Doch vor dem Halbfinale am Dienstag im Londoner Wembleystadion (21 Uhr/ARD und MagentaTV) herrscht vorsichtiger Optimismus. „Es wäre natürlich lächerlich, nicht daran zu denken, ins Finale zu kommen, wenn man im Halbfinale steht“, sagte Enrique, dem sie in der Heimat plötzlich zutrauen, genau das zu schaffen.

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Vor dem Turnier sah das noch ganz anders aus. Besonders aus Madrid gab es Störfeuer, weil Sergio Ramos von Enrique ausgebootet worden war und überdies kein einziger Spieler von Real dem Kader angehört. Enrique hatte einmal mehr seinen asturischen Dickkopf durchgesetzt, so wie er das in seiner Karriere oft getan hatte. In Rom legte er sich mit Legende Francesco Totti an, beim FC Barcelona musste erst Xavi vermitteln, um den Streit zwischen Enrique und Lionel Messi zu schlichten.

Die blutige Nase von Foxborough war lange Zeit das Bild, mit dem Luis Enrique in Spanien fast schon einer Ikone gleichkam. Inzwischen hat sich seine Wahrnehmung in der Heimat gewandelt. Enrique ist immer wieder aufgestanden, auch nach dem Krebstod seiner neun Jahre alten Tochter, der seine Karriere als Nationaltrainer 2019 für einige Monate unterbrochen hatte.

Dass er inzwischen verneint, noch eine offene Rechnung mit Italien zu haben, erscheint vor diesem Hintergrund glaubhaft. Dennoch wäre ein Sieg über den ewigen Rivalen einer seiner sportlich größten – die historischen Bezüge stellen andere für Luis Enrique her.

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