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Siemens-Energy-Chef über Gas-Ausstieg : „Ich verstehe den Wunsch nach einfachen Lösungen, aber so funktioniert es nicht“

Siemens-Energy-Chef Christian Bruch spricht über die nötige Energiewende, ihre Hindernisse und eine 30-Millionen-Investition in Berlin.

Siemens-Energy-Chef über Gas-Ausstieg : „Ich verstehe den Wunsch nach einfachen Lösungen, aber so funktioniert es nicht"

Christian Bruch, 52, ist seit Mai 2020 Vorstandsvorsitzender der Siemens Energy AG.Foto: Siemens AG

Herr Bruch, ohne Erdgas wird es nicht gehen, sagen Sie mit Blick auf Energiewende und Klimaschutz. Gilt das noch trotz des Krieges und der Kriegsfolgen?
Erdgas ist nach wie vor ein Brücken-Brennstoff, der an vielen Stellen benötigt wird. Etwa zur Stabilisierung des Stromnetzes. Grundsätzlich geht jede Region ihren eigenen Weg bei der Energietransformation. Für mich aber ist der frühzeitige Ausstieg aus der Kohle und dafür der Einsatz von Gas essenziell.

Gegenwärtig gibt es Diskussionen über einen stärkeren Einsatz von Kohle als Ersatz für russisches Gas.
2021 hatten wir weltweite Rekordemissionen von über 36 Milliarden Tonnen energiebedingten CO2-Äquivalenten. Erdgas ist deutlich sauberer als Kohle. Aber selbstverständlich braucht es auch für Gas ein Enddatum. Wichtig ist mir die Vielfalt bei der Gestaltung der Energiewende, auch bei den Technologien. Vor wenigen Monaten noch haben wir im Rahmen der EU-Taxonomie über den Ausbau der Gaskapazitäten um bis zu 40 Gigawatt in Deutschland gesprochen, und jetzt heißt es plötzlich, es dürfe kein Gas mehr geben. Beide Positionen sind zu extrem und bilden nicht die Realität ab. Ich verstehe ja den Wunsch nach einfachen Lösungen. So funktioniert es aber nicht.

Also hat Gas eine Perspektive?
Ja, aus verschiedenen Gründen. Gaskraftwerke sorgen für verlässliche Stromerzeugung und für Netzstabilität. Wenn es weder Wind noch Sonne gibt, braucht man konventionelle Erzeugungs- oder Speicherkapazitäten für Strom.

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Funktioniert das ohne russisches Gas?
Wenn LNG importiert wird und zum Beispiel Gas aus Skandinavien oder den Niederlanden kommt, dann könnte das auch ohne russisches Gas funktionieren. Ein Problem ist jedoch die Verteilung innerhalb Deutschlands, in Ostdeutschland und Süddeutschland etwa fehlt es an der passenden Infrastruktur. Der Ausstieg aus dem russischen Gas ist also eine Frage der Geschwindigkeit und der Akzeptanz: Ist die Gesellschaft wirklich bereit, die Folgen zu tragen?

Also höhere Preise?
Nicht nur. Die Auswirkungen wären drastisch, weil man gewisse Gebiete nicht gut versorgen kann und weil bestimmte Industrien extrem abhängig sind vom Gas. Viele Branchen, etwa Chemie, Glasherstellung oder andere Prozessindustrien, brauchen Erdgas für die Produktion, bei Ausfall drohen immense Schäden. Ich schätze gerade sehr die Besonnenheit der Bundesregierung. Es ist ein Balanceakt zwischen Druck auf Russland ausüben und die Versorgungssicherheit nicht aus den Augen verlieren.

Sie sind also gegen einen Boykott?
Einen kurzfristigen Boykott halte ich nicht für den richtigen Weg, weil die negativen Auswirkungen für Deutschland größer sind als der Effekt auf Russland. Das Gas aus Russland ist kurzfristig nicht ersetzbar, aber über zwei, drei oder vier Jahre kann man Versorgungstrukturen ohne russisches Gas aufbauen.

In Russland hat Siemens Energy zuletzt rund 500 Millionen Euro Jahresumsatz erlöst. Was passiert dort gerade?
Neugeschäft machen wir nicht mehr. Wir erfüllen noch unsere bereits vor dem Krieg existierenden Verpflichtungen, zum Beispiel in der Wartung – natürlich unter Berücksichtigung der Sanktionen. Wir haben rund 1000 Mitarbeiter vor Ort. Für die ist das eine schwere Situation. Wir bekommen durchaus Anfragen aus dem russischen Markt, aber wir machen im Moment gar nichts.

Wie irritiert ist der Markt überhaupt, werden weniger Gasturbinen gekauft?
Unser Markt ist global, die meisten Aufträge haben wir in den vergangenen Monaten aus Südamerika und Asien bekommen. In Europa sehen wir derzeit eine eher abwartende Haltung.

Ist der Krieg ein Booster für die Energiewende und den Ausbau der Erneuerbaren, wie die Ampel-Koalition behauptet?
Das kann man noch nicht sagen. Klar ist: Dafür müssen sich Dinge verändern. Nicht nur die Genehmigungszeiten. Ich halte es für falsch, dass wir immer noch Energie ausschließlich am Beschaffungspreis messen. Energiesicherheit und Nachhaltigkeit sind bei der Preisgestaltung kaum berücksichtigt. Das hat sich durch den Krieg geändert, es wird wieder die Balance zwischen Bezahlbarkeit, Versorgungssicherheit und Nachhaltigkeit der Energie diskutiert.

Das bringt aber noch nicht unbedingt mehr grünen Strom.

Schon vor dem Krieg hat es hierzulande nicht an Ambitionen gemangelt: Offshore-Wind sollte sich bis 2030 vervierfachen, Onshore-Wind und Solar verdreifachen. Bei der Umsetzung gibt es Hürden. Wenn ich jetzt das Tempo beschleunige, wird es nicht unbedingt besser, denn die Hindernisse sind ja immer noch da.

Wie löst man die auf?
Randbedingungen müssen sich ändern, vor allem bei den Genehmigungen. Wenn aber Genehmigungsverfahren massiv verkürzt werden, wird nicht mehr Jeder mitreden können und Menschen müssen in Kauf nehmen, dass Windräder vor der eigenen Haustür stehen. Und wir benötigen belastbare Geschäftsmodelle, damit sich Investitionen auch rechnen. Alle Unternehmen, die in Windkraft unterwegs sind, verdienen derzeit kein Geld. Wenn sich das nicht ändert, wird es keine weiteren Investitionen geben. Wir brauchen also Geschäftsmodelle, bei denen Energieversorger und Anlagenhersteller auch dann Geld verdienen, wenn die Materialpreise durch die Decke gehen.

Ist das der Hauptgrund für die Schwierigkeiten?
Ja. Für die Produktion von erneuerbarer Energie wird ungefähr zehnmal so viel Material für eine Kilowattstunde benötigt wie bei konventioneller Energie. Zum Beispiel benötigt ein Offshore-Windturm circa 4000 Tonnen Stahl. Wenn sich der Stahlpreis verdreifacht, schlägt das voll durch. Diese Volatilitäten können Anlagenbauer nicht allein abfangen, sondern müssen sie kompensieren können. Windstrom muss also teurer werden, wenn die Materialpreise steigen.

Die Windtochter Gamesa drückt Siemens Energy tief in die roten Zahlen. Ist noch keine Besserung in Sicht?
Niemand verdient derzeit Geld. Auch dieses Jahr ist für die gesamte Windindustrie außerordentlich anspruchsvoll. Dabei ist der Markt unverändert vielversprechend: Wir brauchen ein Vielfaches an Windstrom, die Nachfrage wird kommen. Aber Wind wird nicht mehr die allergünstigste Stromquelle sein können.

Wann wird Wasserstoff wirtschaftlich?
Einen wirklich kommerziellen Markt sehe ich erst gegen Ende des Jahrzehnts, auch deshalb, weil wir riesige Mengen Erneuerbarer Energie für grünen Wasserstoff benötigen. Bis dahin befinden wir uns in einer Zwischenphase, bei der größere vorkommerzielle Projekte im Bereich mehrerer hundert Megawatt Elektrolyseleistung angeschoben werden. Das ist das, was wir jetzt selbst anpacken.

Siemens Energy investiert 30 Millionen Euro für eine Elektrolysefertigung im Berliner Werk. Ist das ein großer Schritt in die Zukunft?
Absolut. Wir reden von einer Kapazität von einem Gigawatt in der Anlaufphase. Für uns ist das ein ganz wichtiges Projekt, um die Technologie wirtschaftlich aufzustellen. Es geht dabei auch darum, den Weg zu bereiten: Wie fertigt man den Elektrolyseur am effizientesten, wie steuert man die Robotik und wie macht man die Qualitätssicherung? Das sind entscheidende Themen für eine industrielle Herstellung von Elektrolyseanlagen, die bislang quasi noch in Manufaktur gefertigt werden. Mit unserem Investment gehen wir einen wichtigen Schritt und sind bei dieser zukunftsweisenden Technik vorne mit dabei.

Was passiert genau?
In Berlin bauen wir die Elektrolyse-Module, das Herzstück der Anlage. Zusammengebaut wird der Elektrolyseur dann in Mülheim. Wichtig ist auch der Aufbau einer entsprechenden Zulieferkette, die es bislang nicht gibt. In Berlin schaffen wir für dieses neue Ökosystem den Nukleus.

Der traditionsreiche Gasturbinenstandort in Berlin-Moabit hat in den vergangenen Jahren Wertschöpfung und Arbeitsplätze verloren. Ersetzt die neue Technologie die alte?
Wir werden nicht alle Arbeitsplätze in der Elektrolysefertigung auffangen können, die wir in der Turbinenfertigung verlieren. Aber wir investieren in Zukunftstechniken, wollen Aktivitäten für weitere fortschrittliche Technologien wie zum Beispiel den 3-D-Druck stärken. Wir investieren auch in Forschung und Ausbildung und wollen in Berlin zeigen, was für die Energiewende alles gebraucht wird. Und es wird sicherlich nicht die letzte Investition sein. Im Übrigen modernisieren wir für über 60 Millionen Euro unser Schaltwerk in der Siemensstadt, um die Stromübertragung umweltfreundlicher zu machen. Es gibt nicht viele Unternehmen, die in Berlin fast 100 Millionen Euro in die industrielle Fertigung stecken. Darauf sind wir auch stolz.

Dann hat sich die Aufregung um den Stellenabbau in der Belegschaft gelegt?
Arbeitsplatzabbau ist immer schmerzhaft. Siemens Energy befindet sich in einem ständigen Umbruch, weil sich auch der Markt in einem ständigen Umbruch befindet. Ich glaube, die Mitarbeiter verstehen, dass wir wirklich versuchen, das Unternehmen zu transformieren und eine Balance zu schaffen zwischen alten und neuen Technologien. Wir dürfen nicht vergessen: Wir verdienen immer noch kein Geld. Und trotzdem gestalten wir die Transformation so sozialverträglich wie möglich. Es sind keine leichten Zeiten, aber wir sind zuversichtlich und voller Elan.

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