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Sebastian Koch als „Euer Ehren“ : Im Treibsand der Lügen

„Euer Ehren“ ist eine fesselnde Mini-Serie mit Sebastian Koch in der Hauptrolle. Als Richter will er die Fahrerflucht seines Sohnes vertuschen. Und löst damit einen Bandenkrieg aus.

Sebastian Koch als „Euer Ehren“ : Im Treibsand der Lügen

Der angesehene Richter Michael Jacobi (Sebastian Koch) muss seine Prinzipien über Bord werfen.Foto: ARD Degeto/Andreas H. Bitesnich

In der Klimaforschung bezeichnet der Kipppunkt jenen Moment, an dem ein singuläres Ereignis wie etwa das Abschmelzen des Grönlandeises zu unumkehrbaren dramatischen Änderungen führt. Die sechsteilige Mini-Serie „Euer Ehren“ macht sich dieses Modell zunutze, um eine Kettenreaktion zu beschreiben, in deren Verlauf ein halbes Dutzend Menschen sterben.

Die Handlung beginnt mit einem Geständnis: Ein junger Mann hat einen Motorradfahrer nach einem Unfall schwer verletzt auf der Straße liegen lassen. Michael Jacobi (Sebastian Koch), Vorsitzender Richter am Oberlandesgericht Innsbruck, ist schockiert, dass sein Sohn Julian (Taddeo Kufus) nicht mal einen Krankenwagen geholt hat; selbstverständlich soll er sich seiner Verantwortung stellen.

Bei der Polizei bekommt der Richter mit, wen der Junge angefahren hat: Zlatan Sailovic ist der Sohn eines serbischen Kriegsverbrechers, den Jacobi vor einiger Zeit zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt hat.

Die Familie betreibt Drogenhandel in großem Stil, Menschenleben zählen für die Clanmitglieder nichts; wenn Sailovics Bruder Jova (Ercan Durmaz) erfährt, wer seinen Neffen auf dem Gewissen hat, wäre das gleichbedeutend mit Julians Todesurteil.

Natürlich ist der Unfall der Auslöser der Ereignisse, aber richtig ins Rollen kommt die Lawine mit der ersten Lüge Jacobis: Er gibt an, das Auto sei gestohlen worden. Den Wagen will er noch in derselben Nacht mit Hilfe eines alten Freundes (Sascha Alexander Geršak), der Verbindungen zu Kleinkriminellen hat, verschwinden lassen. Der junge Mann, der die Aufgabe übernimmt, wird jedoch von der Polizei geschnappt. Nun rast die Lawine unaufhaltsam ins Tal und reißt jeden mit sich, der das Pech hat, ihr in die Quere zu kommen.

[„Euer Ehren“, ARD, Teil eins bis vier am Samstag ab 20 Uhr 15, Teil fünf und sechs am Sonntag ab 21 Uhr 45. Und komplett in der ARD-Mediathek]

Regisseur David Nawrath hat das Drehbuch gemeinsam mit David Marian geschrieben, aber die Meriten für die Idee gebühren anderen: „Euer Ehren“ basiert auf der international bereits mehrfach adaptierten israelischen Vorlage „Kvodo“ (2017). In der US-Adaption „Your Honor“ hatte „Breaking Bad“-Star Bryan Cranston den Richter gespielt.

Nawraths Umsetzung hat den Charakter einer Fallstudie: Je verzweifelter sich Jacobi bemüht, sich und seinen Sohn aus dem Schlamassel zu ziehen, desto unerbittlicher wird er vom Treibsand seiner Lügen in die Tiefe gezogen.

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Sebastian Koch ist die perfekte Besetzung für diese Rolle, zumal er die Arroganz der Macht des Richteramtes unangenehm glaubwürdig vermittelt. Er war von Anfang an in das Projekt involviert; seine dramaturgische Mitarbeit wird im Abspann eigens erwähnt.

Die Dekonstruktion Jacobis, der erst einen Unschuldigen ans Messer liefert und am Ende sogar selbst zum Mörder wird, wäre ein Geschenk für jeden Schauspieler. Aber auch Paula Beer und Tobias Moretti verkörpern ihre Figuren auf denkwürdige Weise.

Beer spielt Arija, die Tochter des Clanchefs, die eigentlich ein Leben jenseits des Verbrechens führen soll. Weil sie ihren Onkel Jova für schwach hält, übernimmt sie die Führung der Familie. Für den „Bad Banks“-Star ist die junge Frau, die sich ihrer Haut zu wehren weiß, eine höchst ungewöhnliche Rolle. Arijas eisige Kälte hätte Nora Waldstätten kaum besser spielen können; allein stimmlich stößt Beer in einer Szene an Grenzen, als Arija ihre Schergen lautstark zurechtweist.

Tobias Moretti mit einer der schillerndsten Figuren

Nicht minder sehenswert ist Moretti als Gegenspieler der Serben. Schlachthofbesitzer Lindner ist die schillerndste Figur der Serie: Hinter der Fassade des Ehrenmanns wird regelmäßig ein Ganove sichtbar, den Moretti mit einer fast schon sympathischen Semmelroggigkeit versieht; aber selbstredend geht auch Lindner über Leichen.

In dieser Ambivalenz liegt ein weiterer Reiz der Serie: Keine einzige der handelnden Personen ist nur gut oder nur böse. Das gilt auch und gerade für die zentrale Figur: Je mehr Jacobi die Kontrolle verliert, desto stärker büßt er an Mitgefühl ein.

Arijas Rachegelüste wiederum sind ebenso nachvollziehbar wie die Motive der ermittelnden Kommissarin (Ursula Strauss), die ihrerseits das Gesetz übertritt, um die Jacobis überführen zu können. Selbst Lindners Mann fürs Grobe ist dank Rainer Bock, der für Nawrath schon die Titelrolle als müder Möbelpacker in dessen Langfilmdebüt „Atlas“ gespielt hat, nicht bloß ein Killer.

Eine besondere Erwähnung gebührt neben der winterlichen Bildgestaltung (Nawraths Stammkameramann Tobias von dem Borne), die die Serie sehr hochwertig wirken lässt, der Musik, weil Enis Rotthoff mit seiner Komposition dafür sorgt, dass sich die Schlinge um den Hals der Jacobis immer fester zuzieht.

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