The latest news, top headlines

„Schienenbrücke“, Evakuierungen, Jobprogramm : Die Bahn wächst in der Ukraine-Krise über sich hinaus

Wirtschaftlich ist der Staatskonzern angeschlagen. Im Umgang mit dem Krieg zeigt er logistische Höchstleistungen – und ein menschliches Gesicht.

„Schienenbrücke“, Evakuierungen, Jobprogramm : Die Bahn wächst in der Ukraine-Krise über sich hinaus

Die Deutsche Bahn hat zur Unterstützung der Bevölkerung im Ukraine-Krieg eine „Schienenbrücke“ errichtet.Foto: John MacDougall/AFP

„In Not gegeben, ist doppelt gegeben“ – das besagt ein altes ukrainisches Sprichwort. Und die Not in dem Land ist groß. Knapp fünf Wochen dauert der russische Angriffskrieg bereits an. Seither beherrschen Zerstörung, Leid und Tod die Ukraine. Inmitten dieser düsteren Zeit offenbart sich die Deutsche Bahn mit einem breiten Hilfspaket durchaus überraschend als verlässliche Krisenmanagerin.

Ob „Schienenbrücke“, Evakuierungszüge oder ein Jobprogramm für Geflüchtete: Es scheint, als schöpfe die Bahn ihr volles Potenzial aus, um die breit bekundete Solidarität des Westens mit konkreten Maßnahmen zu untermauern. Und das inmitten weitreichender konzerninterner Umstrukturierungen und finanzieller Schieflage.

„Schienenbrücke“, Evakuierungen, Jobprogramm : Die Bahn wächst in der Ukraine-Krise über sich hinaus

Jetzt kostenlos testen!

[Alle aktuellen Nachrichten zum russischen Angriff auf die Ukraine bekommen Sie mit der Tagesspiegel-App live auf ihr Handy. Hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen.]

Mehr als 200.000 Menschen sind mittlerweile auf dem Schienenweg vor dem Krieg in ihrer Heimat nach Deutschland geflohen, wie ein Bahnsprecher auf Tagesspiegel-Anfrage mitteilt. Zudem sind sieben Güterzüge mit Hilfslieferungen gen Ukraine gestartet, der erste mit einer mehr als 350 Tonnen schweren Fracht hat sein Ziel bereits erreicht. Die Programme werden fortlaufend intensiviert, heißt es von Konzernseite.

So wurde erst vergangenen Mittwoch das Evakuierungsnetz um die Station Cottbus erweitert. An Deutschlands amtierenden Bahnhof des Jahres rollen täglich fünf Sonderzüge mit insgesamt rund 1000 Kriegsgeflüchteten ein. Von diesem neu geschaffenen Drehkreuz aus sollen die Ankommenden deutschlandweit verteilt werden – Cottbus dient somit als drittes Drehkreuz neben Hannover und Berlin.

Allein die Hauptstadt empfängt jeden Tag sechs Züge mit etwa 5000 Geflüchteten. „Wenn sie nicht dort nicht bleiben möchten, reisen sie vor allem in deutsche Ballungsräume weiter, wie zum Beispiel nach München, Köln oder Hamburg“, sagte ein Bahnsprecher dem Tagesspiegel. Die Flucht ist für viele Menschen aus der Ukraine ein Entkommen auf Schienen, in Flotten der Menschlichkeit.

Damit dies gelingt, bietet die Deutsche Bahn das „helpukraine“-Ticket an. Kostenlos. Dieses gilt nicht nur im Nah-, sondern auch im Fernverkehr. Somit ist auch die Weiterreise in alle deutschen Nachbarländer sowie nach Italien und die Schweiz möglich.

„Gemeinsam mit europäischen Partnerbahnen haben wir dazu unsere Angebote ausgebaut und zusätzliche Züge im Einsatz, die das reguläre Angebot ergänzen“, so der Bahnsprecher. Darüber hinaus setze die Bahn in Gestalt ihrer Tochtergesellschaften von DB Regio Bus und mit Hilfe ihrer mittelständischen Partner bis zu 300 Reisebusse ein. „Mit ihnen können die Geflüchteten je nach Situation flexibel weiterbefördert werden.“

Für diejenigen, die vorerst in Deutschland bleiben, bietet die Bahn eine Berufsberatung und Sprachkurse an. Hierzu sollen in den kommenden Wochen an drei Standorten Beratungszentren eröffnen sowie bundesweite Orientierungskurse stattfinden.

Humanitäre Hauruckaktion

Mögen die Evakuierungsfahrten der derzeit wichtigste Bestandteil des Ukraine-Engagements der Bahn sein, so umfasst dieses jedoch weitaus mehr als lediglich die Mobilität von Flüchtenden. Denn ein weiterer zentraler Baustein des Hilfspakets ist die „Schienenbrücke“. Das Projekt mit der symbolstarken Bezeichnung ist offenbar das Ergebnis einer geistesgegenwärtigen Hauruckaktion.

Unmittelbar nach Beginn der russischen Invasion in die Ukraine habe sich die Bahn, insbesondere deren Gütersparte DB Cargo, neu ausgerichtet, erklärt ein Sprecher dem Tagesspiegel. So habe Sigrid Nikutta, Vorstand Güterverkehr der Deutschen Bahn AG und Chefin von DB Cargo, noch am Tag des Kriegsbeginns, den 24. Februar, ihre weitreichenden Kontakte aktiviert, um Hilfsangebote auszuloten.

Zu dem Netzwerk zähle auch die Managerin der Klitschko-Brüder, Tatjana Kiel. Der ehemalige Boxer Vitali Klitschko ist seit 2014 Bürgermeister von Kiew und damit ein Schlüsselkontakt in die ukrainische Politik. Innerhalb von zwei Tagen seien erste Pläne erarbeitet gewesen. „Im ganzen DB-Konzern wurde nie die Frage gestellt, welche Abteilung für die Hilfen verantwortlich ist. Sondern nur, wie konkret und sofort geholfen werden kann“, so der Bahnsprecher.

Konkret handelt es sich hierbei vornehmlich um Lebensmittel sowie Sanitär- oder Hygieneartikel, die von Privatpersonen sowie von Großhändlern gespendet werden. Insgesamt 1000 Container werden Konzernangaben zufolge deutschlandweit mit den Spenden befüllt. Tausende Tonnen Hilfsgüter rollen gen Osten.

„Eine Eisenbahn ist unabhängig von Straßennetzen und sehr robust“

Waren bei der Evakuierung von Kabul vor weniger als einem halben Jahr noch Flugzeuge das zentrale Transportmittel jener Krise, so schlägt nun die Stunde der Bahn. Das liegt zunächst an der immensen Abschussgefahr, da der ukrainische Luftraum vom russischen Militär bedroht wird. Dieses ist zugleich selbst kriegstaktisch für Nachschubtransporte auf die Schienenwege angewiesen.

Zudem sind Straßen und Grenzübergänge heillos überlastet, für LKW gibt es kaum ein Durchkommen. Mehr noch: Das im Sozialismus akribisch ausgebaute Bahnnetz ist immer noch intakt. Somit hat der Zugbetrieb im Ukraine-Krieg mehrere logistische Vorteile.

„Eine Eisenbahn ist unabhängig von Straßennetzen, beständig durch festgelegte Prozesse und sehr robust“, erklärte ein Sprecher der DB Cargo dem Tagesspiegel. Darüber hinaus biete die Schiene einen personellen Vorteil: „Für einen Zug mit 50 LKW-Ladungen brauchen Sie lediglich einen Fahrer, für die gleiche Menge auf der Straße dann 50 Fahrer.“

Der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, räumte jüngst im Gespräch mit Tagesspiegel Background ein, dass es in den vergangenen Wochen Angriffe auf Bahnanlagen und -Beschäftigte in seiner Heimat gegeben habe. Da sich diese Attacken allerdings primär im Zusammenhang mit Waffenlieferungen ereignet hätten, müsse „niemand befürchten, mit einer Spende für die Schienenbrücke Menschenleben zu gefährden“, erklärte der Diplomat.

Umspurung auf ukrainische Gleisbreite

Laut dem Sprecher von DB Cargo wurde für die Umsetzung der Pläne ein 30-köpfiges Logistikteam von DB Cargo und DB Schenker eingerichtet. „Der Vorteil ist ohnehin: Wir arbeiten sowieso komplett europäisch vernetzt, wir haben Gesellschaften und Terminals in Polen sowie zahlreiche russisch- und ukrainisch sprechende Kolleginnen und Kollegen“, sagte der DB-Cargo-Sprecher dem Tagesspiegel.

Auch die Infrastruktur ist demnach vorteilhaft für die Umsetzung der Pläne. „Wir mussten für die Schienenbrücke nichts neues erfinden, sondern bauen auf unserem bestehenden Netzwerk auf“, sagt der Bahnsprecher. Hierzu zählen auch die europäischen Partner wie etwa die polnische Bahn. Ausnahmen seien jene Abschnitte, die sich in der Ukraine befinden.

Mehr zum Ukraine-Krieg bei Tagesspiegel Plus:

  • Neue Verhandlungen in Antalya: Der Ukraine droht die Zerstückelung
  • Der Angriff dauert bereits vier Wochen. Langer Zermürbungskrieg droht – wie kann der Westen helfen?
  • Putin schreckt vor wenig zurück. Wie weit kann die Nato gehen, ohne einen Weltkrieg zu riskieren

Da dort bisher keine Lieferkette existierte, sei das bestehende Netz durch ukrainische Eisenbahner erweitert worden. Diese übernehmen die Güterzüge dann im südostpolnischen Rzeszów, wo sich der zentrale Logistikpunkt für europäische Hilfsgüter befindet. Von dort aus fahren sie den Angaben zufolge nach einer Umspurung auf ukrainische Gleisbreite direkt in das Kriegsgebiet. Dort übernimmt dann der staatliche Zivilschutz die Verteilung der Hilfsgüter.

Selenskyj bedankt sich persönlich

Wie hilfreich das europäische Bahn-Engagement für die Ukraine ist, verdeutlichte Mitte März auch ein Auftritt des Staatspräsidenten Wolodymyr Selenskyj. Dieser habe unerwartet an einer Videokonferenz der EU-Verkehrsminister; des ukrainischen Ressortchefs Oleksandr Kubrakov sowie der Bahnchefs aus Deutschland, Polen, Tschechien, Österreich und Frankreich teilgenommen, wie DB-Chef Richard Lutz bei LinkedIn mitteilte.

„Plötzlich kam Präsident Selenskyj dazu, hat seinem Ministerkollegen auf die Schulter geklopft, uns alle herzlich begrüßt und sich für die große Solidarität und Unterstützung aus Europa bedankt“, schrieb Lutz über den „ausgesprochen bewegenden“ Austausch zwischen Kiew und Europa.

Russland-Verbindungen gekappt

Und was ist mit dem europäischen Bahnverkehr nach Russland? Zwar rühmt sich die DB Cargo auf ihrer Seite noch ihrer „reibungslosen Verbindungen zwischen Europa und RUS/GUS“ und erweckt so den Eindruck, sie handle anders als andere global agierende Konzerne, die ihre Russland-Geschäfte infolge des Angriffskrieges gekappt hatten. Auf Tagesspiegel-Anfrage erklärt ein Sprecher der Gütersektion jedoch: „Die Logistik folgt den Kunden. Und da momentan alles auf Eis liegt, verkehren wir derzeit nicht mehr in Russland.“

Die Bahn-Logistiktochter DB Schenker hat ihre Lieferungen nach Russland ebenfalls eingestellt – auch in der Ukraine. Die Führung habe die Beschäftigten in der Ukraine „gebeten, zu Hause zu bleiben“, hieß es in einer Mitteilung kurz nach Kriegsausbruch. Die Einstellung des Betriebs gilt demnach für den Land-, Luft- und Seetransport.

Konzern in finanzieller Schieflage

Die Bemühungen der Deutschen Bahn rund um den Ukraine-Konflikt sind fraglos ein Glanzpunkt der Eisenbahngeschichte. Zugleich stehen sie im Kontrast – obgleich nicht im Widerspruch – zum übrigen allgemeinen Bild des Bundesunternehmens. Die neuerliche Kostenexplosion bei Stuttgart 21, Personalquerelen und das Dauerthema Unpünktlichkeit zählen zu den jüngsten Negativschlagzeilen. Der Satiriker Jan Böhmermann bezeichnete das Verhältnis der Deutschen zur Bahn jüngst als Fall für die Paartherapie.

Doch damit nicht genug: Am Donnerstagmittag wird Konzernchef Richard Lutz tiefrote Zahlen präsentieren – von einem Minus von rund 910 Millionen Euro bei einem Umsatz von 47 Milliarden Euro ist die Rede. Bereits an diesem Mittwoch beschäftigte sich der Aufsichtsrat mit den Verlusten im Kerngeschäft sowie dem politischen Richtungsstreit.

In dem Kontrollgremium wird auch die Rolle der DB Cargo thematisiert worden sein. Die Gesellschaft ist seit vielen Jahren ein defizitäres Sorgenkind des Mutterkonzerns. Nun hat sich der Fokus kurzfristig verschoben. „Wir werden die notleidenden Menschen in der Ukraine nicht allein lassen“, hatte DB Cargo-Chefin Nikutta kürzlich bekräftigt.

Das Engagement des größten deutschen Staatskonzerns in der Ukraine-Krise verdient Anerkennung. Die Bahn bleibt stabil. Und sie leistet den notleidenden Menschen laut dem ukrainischen Sprichwort doppelte Hilfe.

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.