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Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin : Ballett für die Ohren

Chefdirigent Vladimir Jurowski interpretiert Prokofjews „Cinderella“-Ballettmusik mit seinem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin.

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin : Ballett für die Ohren

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin blickt auf eine fast 100-jährige Geschichte zurück.Foto: Simon Pauly

Aschenputtel geht es wie der jungen Doris aus Irmgard Keuns Weimarer-Republik-Roman „Das kunstseidene Mädchen“: Sie will „ein Glanz“ sein, etwas Besonderes, möchte auch schöne Kleider tragen wie die reichen Großstadtfrauen, im Schein der Kronleuchter tanzen – und dann ihren Prinzen finden.

Zumindest wenn es um Sergej Prokofjews Vertonung des alten Märchenstoffes geht, ist dieser Vergleich nicht am Rapunzel-Zopf herbeigezogen: Denn er hat zu Beginn der 1940er Jahre für seine „Cinderella“ eine Musik komponiert, die sehr urban wirkt, im besten Sinne zeitgenössisch, ohne die Grenzen der traditionellen Tonalität zu sprengen. In der Megametropole Moskau wurde das abendfüllende Ballett damals uraufgeführt, schnell fand es aber auch im kapitalistischen Ausland Verbreitung. Und verlockte dort die Zuschauerinnen ebenso dazu, vom sozialen Aufstieg zu träumen.

Prokofjews Musik ist von herber Schönheit

Die optische Komponente, die ja immer die Sinneswahrnehmung dominiert, fällt weg bei der konzertanten Aufführung der zweistündigen Partitur, die Vladimir Jurowski mit seinem Rundfunk-Sinfonieorchester in der Philharmonie realisiert. Da fehlt etwas, doch ohne die Verführungskraft des Tanzes eröffnet sich auch die Möglichkeit, genauer hinzuhören, sich in den Stil Prokofjews zu vertiefen.

Der russische Komponist gehört ja zu den Kaltblütern unter den Tonsatzmeistern, seine Werke sind von herber Schönheit. Silbertöne dominieren, die Musik schimmert wie Metall, matt wie Zinn, changierend wie gebürstetes Aluminium, blitzend wie Edelstahl. 50 shades of grey sind hier zu finden, doch stets in edelster Ausführung, wie die Kunsthandwerksobjekte der Stilrichtung Art Déco, die von Frankreich aus in der Zwischenkriegszeit Ästheten in aller Welt begeisterte.

Dem RSB gelingt eine ideale Interpretation

Vladimir Jurowski feiert Prokofjews kühle Eleganz, indem er sein RSB in der größtmöglichen Besetzung spielen lässt: Der Klang gewinnt so an Fülle, an Körperlichkeit, das kollektive Fortissimo erreicht gleißende Helligkeitswerte. Doch der Dirigent achtet zugleich darauf, dass die Wirkung nie wuchtig wird, dass die Architektur des Tonsatzes transparent bleibt, schnörkellos, klar strukturiert. Rhythmische Präzision, scharf konturierte melodische Linien, stilistische Souveränität – dem RSB gelingt eine ideale Interpretation der „Cinderella“.

Für Irmgard Keuns kunstseidenes Mädchen geht die Prinzensuche im Berlin des Jahres 1932 unglücklich aus, zum Schluss muss Doris, mittel- und obdachlos, bei einem Hausierer in dessen Gartenlaube unterkriechen. Die allerwenigsten Aschenputtelgeschichten enden eben als Märchen.

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