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Roman „Iglhaut“ von Katharina Adler : Sensationen des Alltags

Wesen mit Widerborsten: Katharina Adler erzählt in ihrem Mietshaus-Roman „Iglhaut“ von einer sympathischen Grantlerin.

Roman "Iglhaut" von Katharina Adler : Sensationen des Alltags

Katharina AdlerFoto: Christoph Adler/Rowohlt Verlag

Was für ein klingender Name: Iglhaut. In Bayern ist er gebräuchlich. Und da lebt sie auch, die Titelfigur von Katharinas Adlers Roman. Eine Schreinerin und Restauratorin, die die vierzig überschritten hat. Die zupacken kann und jedem Schnickschnack abhold ist. Auch auf so etwas Überflüssiges wie einen Vornamen kann sie verzichten. In dem Münchner Mietshaus aus den fünfziger Jahren, wo sie im Hinterhof ihre Holzwerkstatt betreibt, nennen sie alle „die Iglhaut“ und reden sie nur als „Iglhaut“ an.

Sogleich entsteht das pittoresk-komische Bild einer Frau mit stacheligem oder zumindest widerborstigem Wesen. Das ist seit Shakespeares Klassiker „Der Widerspenstigen Zähmung“ ein beliebtes, latent misogynes Weiblichkeitsklischee, das in unzähligen Komödien durchgenudelt wurde.

Großmutters Emanzipationsgeschichte

Klar, dass eine Autorin wie Katharina Adler diesen unseligen Topos nicht fortschreibt. In ihrem Romandebüt „Ida“ zeichnete sie 2018 immerhin die Emanzipationsgeschichte ihrer Urgroßmutter nach. Die entzog sich als vermeintliche Hysterikerin nach diversen Sitzungen Sigmund Freuds Analyse und ging als aufmüpfige Patientin im „Fall Dora“ in die Medizingeschichte ein.

Auch Katharina Adlers jetzige Heldin kann renitent werden. Doch in erster Linie stattet die Autorin ihre Figur mit der friedlichen Rechthaberei, dem Trotz und der Melancholie bajuwarischer Grantler aus. Grantlerinnen, genauer gesagt.

„Die Iglhaut kam aus dem Untergrund. Die Rolltreppe trug sie hinauf. Die Nacht, wie blank poliert. Niemand nahm das zur Kenntnis, nicht einmal die Iglhaut selbst. Sie war müde vom Flug, von der Ferne. Die Narbe an ihrer Seite juckte.“ So geht die ein Jahr Erzählzeit umfassende Geschichte los. In dichtem Stakkato, das sich mit einer Naturmetapher schmückt, und sowohl die Welt wie die Hauptfigur gekonnt charakterisiert.

Zwei Wochen Hurghada liegen hinter der Iglhaut. Erster Urlaub seit ewig. Nachbar Uli hat ihn im Kreuzworträtsel gewonnen. Aber weil Uli ein noch größerer Reisepaniker ist als die Iglhaut, hat sie sich statt seiner in Ägypten am Pool gequält und teure „Old Fashioned“-Cocktails getrunken. Als sie ihre Werkstatt in einer alten Garage wieder aussperren kann, atmet die Iglhaut auf.

Prekäre Existenzen

Lebe global, kaufe lokal? Totaler Quatsch. Die Iglhaut und die prekären Existenzen, die sie als Zentralgestirn umkreisen, sind Anti-Globalisierer. Gegen Menschen und Speisen aus anderen Ländern aber haben sie nichts.

Pfleger Ronny, der Imbiss-Grieche Herakles, Jasmina aus der betreuten Wohngemeinschaft, das zerrüttete Ehepaar Zenker, die Handleserin Nurja, Iglhauts Freundin Valeria und die klapprige Alt-Genossin Tildi, die immer gegen den Post-Kapitalismus zetert – sie alle sind Zuhausebleiber, sind Eckkneipenhocker. Nur, dass die Kneipe in diesem urbanen Biotop, das in seiner liebevollen Skurrilität fast an Berlin-Romane wie Sven Regeners „Herr Lehmann“ erinnert, die Werkstatt der Iglhaut ist.

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Dort rettet sie im Auftrag von Ordensschwestern Jesus und andere Heilige vor den Würmern, die im morschen Holz der Skulpturen wühlen. Oder richtet den verzogenen Nussbaumschrank der Schriftstellerin, die im Dachgeschoss des Hauses an ihrer Schreibblockade verzweifelt und von den Mietern beargwöhnt wird, weil das Gerücht geht, dass sie über sie alle schreibt. „Parasitäre Person“ wird sie am Tag des Sommerfestes gar von Tildi gescholten.

Es sind die kleinen Sensationen des täglichen Lebens, die Katharina Adler beschreibt. Die vergeblichen Distanzierungsbemühungen der Iglhaut gegenüber den nett-nervigen Eltern. Den Liebeswirrwarr mit einem Anwalt, ihrem längst anderweitig verheirateten Ex, und dem Juniorzahnarzt, der ihr marodes Gebiss richtet.

[Katharina Adler: Iglhaut. Roman. Rowohlt Verlag, Hamburg 2022, 288 S., 23 €]

Was das kostet! Doch dass das Geld knapp ist, ist für die Iglhaut noch lange kein Grund, sich dem gesellschaftlichen Nützlichkeitsdruck zu beugen. Dann lieber vor dem Hoffest noch ein paar „Old Fashioned“ extra trinken.

Ja, „Iglhaut“ inszeniert ein dörfliches Nachbarschaftsidyll und erzählt ein Lob des Alltags und des Lebens, dessen Gewohnheitstiermodus und Lebenszeitverschleuderung oft wenig lobenswert sind.

Doch dank der lakonischen Heldin fällt es amüsant und kitschfrei aus. Und reflektiert ein gesellschaftliches Thema. Darum geht es doch in den Krisen der Gegenwart: Die kleinen Dinge als große zu erkennen. Nicht immer nur weg zu wollen, sondern auch dableiben zu können. Nicht dem materiellen Überschwang zu frönen, sondern mit wenig auszukommen. Sich bescheiden, genügsam sein. Und trotzdem ziemlich dreist. So wie die Iglhaut.

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