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Roberto Ciulli in der Akademie der Künste : Aus Mailand um die ganze Welt

Philosoph, Theatermacher, Fabrikarbeiter: Roberto Ciulli stellt im Gespräch mit Navid Kermani ein Buch über sein Leben vor.

Roberto Ciulli in der Akademie der Künste : Aus Mailand um die ganze Welt

Roberto Ciulli, Theaterregisseur und künstlerischer Leiter des Theater an der Ruhr.Foto: Caroline Seidel/picture alliance / dpa

Eine Biografie sondergleichen. Der Regisseur und Theaterleiter Roberto Ciulli, den die Berliner Akademie der Künste an diesem Sonntag ehrt und bei einer Matinee sein zweibändiges Werk „Der fremde Blick“ im Gespräch mit Navid Kermani vorstellt, ist zugleich, neben Peter Brook, ein Doyen des europäischen Theaters.

Der heute 87-Jährige wird 1934 in Mailand geboren: In eine Familie von Genies und Losern, Groß- und Kleinbürgern, Faschisten und Widerständlern. Ein Onkel ist schon vor dem Ersten Weltkrieg ein Pionier der italienischen Fotografie und des frühen Dokumentarfilms, der leibliche Vater verschwindet in Robertos erstem Lebensjahr, die Mutter ist eine Lebedame und Glücksspielerin, die ihren Sohn oft schlägt, aber auch mit fünf schon täglich ins Kino nimmt.

Es gibt einen Verwandten, der unter dem Namen Aldo Rubens als Sänger und Komponist reüssiert, obwohl er keine Noten lesen kann. Der junge Roberto studiert dann Philosophie, er promoviert in Pavia über das Verhältnis von Individuum und Staat in Hegels frühen Schriften.

Die Liebe führt ihn nach Deutschland

Hierauf gründet Ciulli, inspiriert vom revolutionären Mailänder Piccolo Teatro von Giorgio Strehler, mit 27 Jahren ein eigenes Zelttheater, das er in Anspielung auf die Shakespeare-Bühne „Il Globo“ nennt. Es findet Anerkennung sogar vom Literaturnobelpreisträger Salvatore Quasimodo.

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Doch der Liebe wegen verschlägt es ihn via Paris nach Deutschland, wo er in Göttingen 1965 plötzlich sein Leben ändert: Der promovierte Philosoph und Theatermacher aus der Mailänder Bourgeoisie heuert in einem Werk der Firma Bosch im nahen Hildesheim als Fabrikarbeiter an. Später wird er Beleuchter im Deutschen Theater Göttingen und bleibt im zunächst fremden Deutschland.

Ein Sprung: Als Regisseur und zwischenzeitlicher Schauspieldirektor in Köln kehrt Ciulli 1980 ein stückweit zu seinen Anfängen zurück. Er gründet zusammen mit dem Dramaturgen Helmut Schäfer im kulturell engagierten Mülheim das bis heute von ihm geleitete „Theater an der Ruhr“.

Theater durch Mauern der Zensur

Es ist, sonst nur der einstigen Berliner Schaubühne vergleichbar, ein fest subventioniertes Ensembletheater, doch in der schlanken Struktur einer Freien Gruppe. Dort entwickelt Ciulli einen expressiven, nicht immer ganz leichthändigen, doch beeindruckend leidenschaftlichen Spielstil: ursprünglich mitgeprägt von seiner zu früh verstorbenen Protagonistin Gordana Kosanovic, dem Urbild auch des in Ciullis Theater häufig präsenten tragischen Clowns.

[Präsentation mit Roberto Ciulli und Navid Kermani am Sonntag um 11 Uhr in der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, info@adk.de]

Dieses Theater ist sodann in die ganze Welt aufgebrochen, die Seidenstraße entlang bis ans chinesische Meer. Durch Bagdad, Teheran, Kabul, oft auch durch die Mauern der Zensur. Von dieser Lebens- und Welttheaterreise erzählt Roberto Ciullis „Der fremde Blick“ auf 1280 Seiten, mit vielen Fotos und spannenden Dokumenten (Alexander Verlag, Berlin, 40 €).

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