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„Rituale“, Teil 3 : Warum ich am Heiligabend spazieren gehe

Unser Autor musste als Kind Langeweile am Heiligabend mit Spaziergängen vertreiben. Vorfreude hatte deshalb eine andere Bedeutung für ihn.

„Rituale“, Teil 3 : Warum ich am Heiligabend spazieren gehe

Ein Spaziergänger mit Hund geht bei Schnee durch den Berliner Tiergarten.Foto: dpa

Rituale gehören zum Leben, kommen alle Jahre wieder oder strukturieren unseren Alltag. In dieser Serie erzählen wir von Lust und Frust der Wiederholung.

Immer, immer gab es Schnee, leise rieselte er hinab, sammelte sich auf Straßen und in Vorgärten, legte sich über die ganze Welt, während in der Ferne Kirchenglocken läuteten und ich ging und ging und ging. Erinnerung täuscht. Wahrscheinlich hat es nicht an jedem Weihnachtsfest meiner Kindheit geschneit und auch die Kirchenglocken meldeten sich nicht unentwegt. 

Was aber stimmt: Mir war feierlich zumute und ich war unterwegs. Der Spaziergang am Heiligabend, manchmal mit dem Bruder oder einem Freund, oft allein unternommen, war ein Ritual. Ein Akt der Ablenkung, am 24. Dezember geradezu überlebensnotwendig.

Kinderjahre zählen genauso wie Hundejahre siebenfach. Langeweile ist klebrig, für Kinder dehnt sie sich Richtung Unendlichkeit. Angenommen der Tag begann mit dem Aufstehen um acht und mündete in die sogenannte Bescherung um 18 Uhr, bedeutete dies für den Jungen, der ich war, umgerechnet auf Kinderzeit: 70 Stunden Warten. 

Eine Tortur, so unerträglich, dass man sie heulend aussprechen und mit ganz viel „o“s und „u“s schreiben muss: Tooooooortuuuuuuur. So lange hielt ich es mit keinem Brettspiel und keinem Jules-Verne-Abenteuerroman und nicht einmal mit dem Fernseher aus, der damals ohnehin nur drei Programme empfing.

„Wir warten auf das Christkind“ hieß die Sendung, die zur Besänftigung gedacht war, die unreife Meute zum Stillsitzen bringen sollte, mit Hilfe der „Augsburger Puppenkiste“ und ihrer Helden: Lokomotivführer Lukas, Jim Knopf, Kater Mikesch, Lord Schmetterhemd, König Kalle Wirsch, Urmel und Professor Tibatong. Damit würde die Zeit „wie im Flug“ vergehen, versprach die Ansagerin.

Vorfreude kann quälen und böse Fragen stellen

Das war gelogen, auch mit „Wir warten auf das Christkind“ bewegte sich die Zeit in Slowmotion. Der Fernseher stand im Wohnzimmer, das irgendwann geräumt werden musste. Denn da wollte das Christkind hinein, die Geschenke abliefern. „Geh doch mal raus und guck, ob bei anderen Leuten schon die Kerzen am Baum brennen“, sagte meine Mutter.

Gehen, ging, gegangen. Der Weg führte durch eine ostwestfälische Nachkriegssiedlung, vorbei an Ein- und Mehrfamilienhäusern. Es war schon dunkel, außer mir war kaum jemand auf den Beinen. Die Ära der blinkenden Adventslichterketten war noch nicht angebrochen.

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Durch Panoramafenster fiel mein Blick auf festlich gedeckte Tische und mit Kugeln, Sternen, Lametta überladene Tannen. Hinter gerüschten Küchengardinen rührten Mütter in Töpfen. Ich sah dampfende Räuchermännchen, Keramikengel, die Kerzen hielten, und sich majestätisch drehende Weihnachtspyramiden. Hinter jeder Fassade eine andere Genreszene.

Vorfreude ist angeblich die schönste Freude. Auch das stimmt nicht. Sie kann quälen, böse Fragen stellen. Würde ich diesmal einen Kassettenrekorder bekommen oder doch wieder einen Strickpullover, der kratzt? Den „Was ist was“-Band „Dinosaurier“ statt Geschichten aus der Bibel? Wenn ich nach 20, 30 Minuten wieder vor unserer Haustür stand, drang aus dem Wohnzimmer ein anderes, helleres Licht. Das Christkind war dagewesen.

Bisher erschienen: Papa spielt den Weihnachtsmann (1) und „Drei Mal hoch“ (2).

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