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„Polizeiruf 110“ : Verhör in fiebriger Nacht

Es lebe der Polizeifilm! Dominik Grafs fulminanter neuer Münchner ARD-Krimi belebt das Genre aufs Neue.

„Polizeiruf 110“ : Verhör in fiebriger Nacht

Spiel auf Zeit. Kriminaloberkommissarin Elisabeth „Bessie“ Eyckhoff (Verena Altenberger) und der Tatverdächtige Jonas Borutta…Foto: BR

Elisabeth „Bessie“ Eyckhoff (Verena Altenberger) ist nach verschiedenen Stationen bei der Münchener Polizei in der Mordkommission angekommen. Aber in der neuen „Polizeiruf“-Folge arbeitet die Zeit gegen die Oberkommissarin. In zwei Stunden muss sie den mutmaßlichen Frauenmörder Jonas Borutta (Thomas Schubert) überführen – oder ihn laufen lassen. Vorläufig Festgenommene müssen nach Ablauf des darauffolgenden Tages entweder dem Ermittlungsrichter vorgeführt oder auf freien Fuß gesetzt werden.

Kein Wunder, dass ein Beamter der Mordkommission einen Tobsuchtsanfall bekommt, als sein Polizeikollege die Uhrzeit der Festnahme Boruttas penibel korrekt notiert: 23 Uhr 55. Fünf Minuten später, und die Ermittler hätten einen Tag mehr Zeit zum Sammeln von Beweisen gehabt. Weil die Indizien gegen Borutta nicht für einen Haftbefehl reichen, muss Oberkommissarin Eyckhoff ihn bis Mitternacht zu einem Geständnis bewegen („Polizeiruf 110 – Bis Mitternacht“, Sonntag, ARD, 20 Uhr 15).

Dieser Zeitdruck, dem die Polizei auch in der Realität unterworfen ist, hat Drehbuchautor Tobias Kniebe in dem vierten „Polizeiruf 110“ mit Verena Altenberger zu einem spannenden Verhördrama in Beinahe-Echtzeit genutzt. Grundlage ist eine Episode aus dem Buch „Abgründe: Wenn aus Menschen Mörder werden“ von Josef Wilfling, langjähriger Leiter der Münchener Mordkommission. Knieben besteht nicht darauf, wie im Fiktionalen sonst gerne behauptet wird, eine „wahre Geschichte“ zu erzählen. Entscheidende Aspekte des Falles habe er verändert und unkenntlich gemacht.

Zudem hat Dominik Graf zum zweiten Mal einen Münchener „Polizeiruf“ mit Verena Altenberger inszeniert. Damit hat der 68-jährige Münchener und elffache Grimme-Preisträger seinem ohnehin stattlichen Werk herausragender Polizeifilme einen weiteren hinzugefügt.

„Ich knack den schon.“

Die Episode ist mehr als ein Psychoduell im Kammerspiel-Modus, nämlich eine dieser einzigartigen Graf’schen Kompositionen, die das Publikum sogartig in die düsteren Räume des Kommissariats, in die fiebrige Arbeitsatmosphäre des Teams und in die seelischen Abgründe des mutmaßlichen Täters hineinziehen.

Dazu, gekonnt eingestreut, Rückblenden und auch Bilder, die die Melancholie des nächtlichen München einfangen. Den passenden Sound dazu liefert die Musik von Florian van Volxem und Sven Rossenbach, die mit dem Regisseur schon bei der Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ zusammenarbeiteten.

Verena Altenberger spielt die Bessie Eyckhoff wie unter Strom, eilig, alles gebend. Als neue Kollegin und einzige Frau steht sie unter besonderer Beobachtung. Aber als selbstbewusste, ehrgeizige Polizistin setzt sie sich auch selbst unter Druck. Sie traut es sich zu, sagt: „Ich knack den schon.“ Dann wird sie zu ihrer großen Enttäuschung abserviert.

Ihr Chef Martin Schaub (Christian Baumann) holt in Absprache mit Staatsanwältin Sarah Ehrmann (Birge Schade) Vorgänger Josef Murnauer (Michael Roll) zurück. Murnauer, der wegen der Krebserkrankung seiner Frau eine Auszeit genommen hatte, hockt in der Bar des Hotels, in dem seine Tochter arbeitet.

Während er da auf den Anruf wartet, der ihn ins Spiel zurückholt, blickt er auf Fernsehbilder eines Vulkanausbruchs. Parallel sieht man in einer Rückblende das erste Opfer, sterbend in den schneebedeckten Isar-Auen.

Die Feuer-und-Eis-Metapher passt zur wütenden Eyckhoff, die sich die Staatsanwältin wegen mangelnder Frauensolidarität zur Brust nimmt. Dann kehrt sie zurück, den Schreibblock gezückt, aufmerksam, professionell. Murnauer ist souverän genug, die Fähigkeiten der Kollegin zu nutzen. Schön, dass hier kein plumper Gender-Konflikt ausgetragen wird – und dass Michael Roll in dieser Nebenrolle an Altenbergers Seite glänzen kann.

Der Alte und die Junge werden ein Team, weil beide einen besonderen Zugang zum hochintelligenten Verdächtigen gefunden haben. Schon einmal war Jonas Borutta im Visier der Polizei, als die tote Frau in den Isar-Auen gefunden wurde. Murnauer fand keine Beweise. Nun wurde die Studentin Susanne Michl (Emma Jane) im Wohnheim überfallen und ebenfalls mit Messerstichen schwer verletzt. Beide Frauen wurden nicht vergewaltigt, Eyckhoff vermutet, dass der seltsame Einzelgänger Borutta sexuelle Motive hat. Die Zeit drängt, Borutta scheint genau zu wissen, dass er nur bis Mitternacht durchhalten muss.

„Es lebe der Polizeifilm“, schreibt Dominik Graf trotzig im Presse-Statement, in dem er, François Truffaut zitierend, das Genre gegen das „Ach-schon-wieder-ein-Krimi-Gejaule“ der Kritiker verteidigt. Zumindest an diesem Sonntag hat Graf recht: Da gibt es keinen Grund zum Jaulen und Maulen.

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