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Pflegeheimbetreiter in der Kritik : Orpeas schmutziges Geheimnis

Einer der größten Pflegekonzerne Europas soll Teil eines geheimen Netzwerks in Luxemburg sein. Es kommt zu dubiosen Deals und Missbrauch von Firmengeldern.

Pflegeheimbetreiter in der Kritik : Orpeas schmutziges Geheimnis

Orpea ist eine der größten Pflegekonzerne in Europa.Foto: Federica Bonetti für Investigate Europe

In diesen Tagen dürfte die Celenus-Klinik Kinzigtal am Rand des Schwarzwalds gut besucht sein. In der Reha-Klinik können Menschen ihre Depressionen behandeln lassen und sich von Covid-Langzeitfolgen erholen. Doch kaum einer von ihnen dürfte ahnen, dass die Klinik Teil einer geheimen Parallelstruktur ist.

In drei Jahrzehnten wurde aus dem französischen Unternehmen Orpea einer der größten Pflegekonzerne Europas. Von Portugal bis Polen betreibt Orpea heute mehr als 1.000 Pflegeheime und Kliniken, alleine in Deutschland sind es knapp 200 mit mehr als 17.000 Betten, darunter auch die Klinik im Kinzigtal. Sein Geschäftsmodell in der Altenpflege lässt sich Orpea auch mit öffentlichen Geldern finanzieren.

Doch während dieses rasanten Wachstums schufen mehrere Orpea-Manager eine geheime Parallelstruktur in Luxemburg, in deren Zusammenhang es zu dubiosen Deals und steuerlichen Unregelmäßigkeiten kam. Das zeigt eine neue Recherche von Investigate Europe, die in Deutschland exklusiv im Tagesspiegel erscheint.

Es ist ein verworrenes Netzwerk mit mehr als 40 Firmen, das von Panama über Luxemburg bis in die französische Normandie, nach Mailand und in einen Luftkurort im Schwarzwald führt. Dazwischen Manager, die offenbar nach eigenem Gutdünken über Firmenwerte verfügen konnten. Dabei stellen sich Fragen, die nun französische Ermittler beantworten werden müssen. Parallel zu den Recherchen Investigate Europes stellte Orpea inzwischen Anzeige wegen „Missbrauchs von Unternehmensgeldern“ und erwähnt darin mindestens einen der beteiligten Manager.

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Die ersten Spuren des Netzwerks finden sich 2007 in Panama und auf den Britischen Jungferninseln. Denn dort haben die Gesellschaften Beston Enterprises und Bynex International ihren Sitz registriert. Beide werden viele Jahre später im Rahmen der Panama Papers als Handlanger der Kanzlei Mossack Fonseca einem größeren Publikum bekannt und schließlich liquidiert. Doch lange bevor es soweit ist, registrieren Beston und Bynex in Luxemburg im Jahr 2007 eine zunächst unscheinbare Gesellschaft, benannt nach einer ostslowakischen Kleinstadt: Lipany.

Heute, 15 Jahre, später befindet sich Lipany im Zentrum eines Geflechts aus Gesellschaften und Tochtergesellschaften in Frankreich, Italien, Belgien, Luxemburg und Deutschland. Wie Orpea wuchs auch Lipany in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter. Den Geschäften des Pflegekonzerns folgte die obskure Luxemburger Holding wie ein Schatten. Immer wieder finden sich Lipany-Gesellschaften in unmittelbarer Nähe der Aktivitäten von Orpea.

Orpea bestreitet Anteile an Lipany

Auf Nachfrage teilt Orpea lediglich mit, man habe nie „direkt oder indirekt Anteile an Lipany gehalten“. Aber auch als Geschäftspartner hielt Orpea die Luxemburger Holding geheim. Seit 2007 reichte Orpea bei der Börsenaufsicht mehr als 4.000 Seiten ein, in denen der Konzern seine Partnerschaften und Strategien detailliert darlegte. Der Name des geheimen Partners blieb dabei stets unerwähnt. Offenbar sollten die gemeinsamen Geschäfte keine Aufmerksamkeit erregen. Dafür gibt es gute Gründe, wie die Recherchen von Investigate Europe zeigen.

Seit spätestens 2009 befindet sich an der Spitze des Luxemburger Holdingkonstrukts einer der damaligen Top-Manager des Pflegekonzerns , zwischenzeitlich sogar Chef von Orpea in Italien, Roberto Tribuno. Neben Tribuno übten weitere Orpea-Manager wichtige Positionen in der Holding aus. Darunter Sébastien Mesnard, bis vor wenigen Monaten noch mächtiger Finanzchef Orpeas, der heutige Italien-Chef des Orpea-Konzerns, Thibault Sartini, sowie der frühere Leiter des operativen Geschäfts, Jean-Claude Brdenk.

Investigate Europe konnte Hunderte Dokumente auswerten, die zeigen, dass die Orpea-Manager Lipany sowie dessen Tochtergesellschaft unter anderem dazu nutzen, Immobilien von Orpea zu kaufen und diese anschließend wieder an Orpea zu verkaufen. Zwischen 2011 und 2017 fanden in Italien mehrere dieser Ping-Pong-Käufe statt. Dabei handelten die Orpea-Manager Tribuno und Mesnard in wechselnden Rollen mal für Lipany, mal für Orpea als Käufer und Verkäufer.

Ein Beispiel von vielen: Im Jahr 2014 verkaufte Orpea die Gesellschaft Casamia Asti, der ein Pflegeheim in der norditalienischen Stadt Asti gehört, für fünf Millionen Euro an eine Lipany-Tochtergesellschaft. Zwei Jahre später kaufte der Orpea-Konzern die Gesellschaft zurück für 5,2 Millionen Euro. Wieder zwei Jahre später, im Jahr 2018, kaufte Lipany Casamia Asti zurück zum gleichen Preis. Auf Nachfrage wollten weder Orpea noch Roberto Tribuno oder Sébastien Mesnard die Logik hinter diesen Transaktionen erklären.

Was könnte also hinter dem obskuren Lipany-Konstrukt und dessen Geschäften stecken? Lipany machte keinen Gewinn und zahlte seinen Anteilseigner keine Dividenden. Nahezu 100 Prozent der Aktivitäten wurden mittels Schulden finanziert. Diese machte Lipany zunächst bei Banken. Seit 2015 macht die Holding Schulden bei unbekannten „verbundene Gesellschaften“ und „andere“ Unternehmen, das geht aus offiziellen Unterlagen hervor, die der Konzern den Luxemburger Behörden vorlegte.

Pflegeheimbetreiter in der Kritik : Orpeas schmutziges Geheimnis

Eine Grafik zeigt, wie viele Betten Orpea in Europa bereitstellt.Investigate Europe

Im Jahr 2019 teilte Lipany den Behörden Schulden in Höhe von 94,4 Millionen Euro mit. Davon waren nur 10 Millionen Euro „Darlehen von Finanzunternehmen“. Die übrigen 84,4 Millionen Euro wurden als „andere Schulden“ deklariert. Aus den Unterlagen geht auch hervor, wer die Hauptprofiteure des Lipany-Systems sein könnten: die mysteriösen Kreditgeber. Denn die erhielten allein zwischen 2015 und 2019 „Finanzgebühren“ in Höhe von 4,8 Millionen Euro. Geld das möglicherweise aus dem Geschäft Orpeas über Lipany auf fremde Konten gelangt ist.

An vielen der Geschäfte Lipanys waren Orpea-Manager beteiligt. Doch davon wussten im Pflegekonzern angeblich nur wenige Eingeweihte. In Italien führte zwischen 2011 und 2017 José Parella die Geschäfte unter Roberto Tribuno. Investigate Europe sagte er: „Ich hatte nichts mit den Büros in Luxemburg zu tun.“ Die Finanztransaktionen habe stets sein Boss, Tribuno, persönlich abgewickelt.

Darüber gesprochen habe Tribuno mit keinem außer mit Orpea-Finanzvorstand Sébastien Mesnard. „Wenn Mesnard nach Italien kam, ging Tribuno mit ihm die Bilanzen durch“, erinnert sich Parella. Tribuno und Mesnard waren auch privat Geschäftspartner. Unterlagen, die Investigate Europe vorliegen, zeigen, dass sie gemeinsam drei Gesellschaften gründete, um in Paris und Versailles um Immobilien in Paris und Versailles zu erwerben.

In Frankreich kauften die Männer hinter der Lipany-Struktur nicht nur Häuser. Im Jahr 2018 verschafften sie der Luxemburger Holding eine neue Tochtergesellschaft, RSS Seniors+, die wiederum aus mehreren Firmen bestand. Geschäftsmodell dieser insgesamt 14 Unternehmen war der Bau von Pflegeheimen vom südfranzösischen Cogolin bis nach Rouen in der Normandie. Ab 2018 hält Lipany an den Firmen 51 Prozent der Anteile, Orpea hält die restlichen 49 Prozent.

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In seinen Jahresabschlüssen geben RSS Seniors+ sowie die 14 damit verbunden Firmen an, dass sie steuerlich Teil der Orpea-Gruppe seien. Dies ist ein Sonderstatus, der Unternehmen entscheidende Steuervorteile verschaffen kann, wenn sie bestimmte Bedingungen erfüllen. Dazu gehört nach französischem Recht, dass ein Konzern eine Tochtergesellschaft nur steuerlich integriert werden darf, wenn er an dieser mehr als 95 Prozent der Anteile hält. Doch das tut der Orpea-Konzern nicht.

Auf Nachfrage erklärt der Pflegekonzern, die Angaben in den Jahresabschlüssen seien „fehlerhaft“. Das würde bedeuten, dass Orpea-Manager Sébastien Mesnard, der zeitgleich Vorstandsvorsitzender von RSS Seniors+ ist, den Behörden Falschinformationen mitgeteilt hätte. Darauf stehen laut französischem Recht eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren sowie eine Geldstrafe in Höhe von bis zu 500.000 Euro. Roberto Tribuno, der RSS Seniors+ über seine Lipany-Holding besitzt, nennt Orpea einen „historischen Partner“.

Weiter wollte Orpea sich nicht zu diesem Fall äußern. „Die Gruppe behält sich Erklärungen gegenüber den Ermittlern vor, die sich mit ihrer Beschwerde befassen werden“, teilte Orpea in einer Stellungnahme Investigate Europe mit. Mesnard hat auf die zahlreichen Fragen von Investigate Europe nicht geantwortet.

Orpea nutzte Lipany, um Provisionen geheim zu halten

In einem schriftlichen Statement bestreitet Roberto Tribuno alle Vorwürfe. Seine Unternehmen hätten stets „ordnungsgemäß gehandelt“ und dabei „die geltenden zivilrechtlichen, buchhalterischen und steuerlichen Vorschriften“ berücksichtigt. Alle Geschäfte zwischen dem Orpea-Konzern und der Luxemburger Lipany-Struktur „wurden stets mit allen entsprechenden Genehmigungen der jeweils zuständigen Gremien beider Konzerne durchgeführt, die stets in voller Kenntnis der Sachlage gehandelt haben“.
Weitere Dokumente, die Investigate Europe vorliegen, belegen, dass der Orpea-Konzern mindestens in einem Fall Lipany nutzte, um eine geheime Provisionszahlung zu verdecken. Der Konzern hatte im Jahr 2011 einem französischen Mittelsmann 700.000 Euro gezahlt, um Betriebsgenehmigung für ein Pflegeheim für Orpea zu erhalten. Das Geld war in Form eines Anteilskaufs an einer Luxemburger Gesellschaft geflossen, die der Mittelsmann kurz zuvor gegründet hatte.

Doch die Gesellschaft war wertlos. Damit Orpea nicht in Erklärungsnot kam, kaufte Lipany dem Pflegekonzern die Anteile ab – für knapp 700.000 Euro. Das Finanzloch, entstanden durch die irreguläre Provisionszahlung, war gestopft.

Lipany ist auch in Deutschland aktiv

Auch in Deutschland ist Lipany an den undurchsichtigen Immobiliengeschäften des Orpea-Konzerns beteiligt. Am Rand des Schwarzwalds in der kleinen Gemeinde Gengenbach befindet sich eine von mehreren Reha-Kliniken, als Teil der Celenus-Kette. Die übernahm der Orpea-Konzern im Sommer 2015. Doch wie auch bei seinen mehr als 130 Pflegeheimen in Deutschland, änderte Orpea den Namen der Einrichtungen nicht. Dass die Klinik inzwischen einem französischen Megakonzern gehört, dürften viele Patienten nicht wissen.

Die können sich in Gengenbach behandeln lassen, wegen Depressionen oder Covid-Langzeitfolgen. Neben dem Betrieb der Klinik, wechselten auch das Grundstück und das Gebäude den Besitzer. Seit Frühjahr 2017 gehören 94,8 Prozent der Anteile einer Luxemburger Orpea-Gesellschaft, 5,2 Prozent der Anteile aber hält der Lipany-Konzern. Gleiches gilt für mindestens eine weitere Celenus-Klinik. Orpea Deutschland verweigerte Antworten auf einen umfangreichen Fragenkatalog zu ihren Geschäften mit Lipany.

Pflegeheimbetreiter in der Kritik : Orpeas schmutziges Geheimnis

Orpea ist Teil der geheimen Parallelstruktur von Lipany.Investigate Europe

Roberto Tribuno, der offizielle Lipany-Besitzer, verließ seinen Chefposten im Orpea-Konzern im Jahr 2017. Kurz zuvor macht ihm sein Arbeitgeber aber noch ein Abschiedsgeschenk. Tribuno hatte in Italien eine Baufirma gegründet, Rodevita, die Orpea mit einem zinsfreien Darlehen über 20 Millionen Euro ausstattete. An dem Unternehmen hält Orpea 45 Prozent der Anteile. Doch auch bei seinen Geschäften mit Rodevita, greift Tribuno auf seine Luxemburger Holding zurück. Die Lipany-Tochtergesellschaft Health Invest baute in Italien zuletzt gemeinsam mit Rodevita vier Pflegeheime.

„Uns wurde gesagt, dass Tribuno die Bühne verlassen habe und nicht mehr mit uns zu tun habe“, sagt eine frühere Orpea-Mitarbeiterin in Italien, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, im Gespräch mit Investigate Europe. „Aber tatsächlich macht er weiter Geschäfte mit Frankreich.“ Dabei sei es „zu einigen unangenehmen Situationen“ gekommen. So soll Tribuno auch nach seinem offiziellien Ausscheiden, mit italienischen Pflegeheimen Kontakt angebahnt haben, damit Orpea diese später kaufen konnte.

[Lesen Sie auch auf Tagesspiegel Plus (T+): „Investigate Europe: Wie die Bahnen Klima und Kunden ausbremsen“]

Davon habe selbst der neue Chef von Orpea in Italien, Thibault Sartini, nichts gewusst, sagt diese Insiderin. Doch Tribunos Handeln sei abgesprochen gewesen: „Ich glaube, dass Tribuno nicht auf eigene Rechnung gehandelt hat“, sagt die frühere Orpea-Mitarbeiterin. „Er erhielt Anweisungen aus Frankreich.“

Welche Rolle Tribuno und seine Lipany-Struktur im Orpea-Konzern spielten und spielen, wird nun die Staatsanwaltschaft in Frankreich klären. Ihre Aufgabe wird es sein, dass Geflecht der Luxemburger Gesellschaften und Tochtergesellschaften mit dem französischen Pflegekonzern zu entwirren.

Unmittelbar nachdem Investigate Europe Oprea mit den Ergebnissen dieser Recherche konfrontierte, stellte der Konzern ein Ermittlungsgesuch wegen des „Missbrauchs von Firmengeldern“. Nach Informationen von Investigate Europe nennt die Anzeige explizit Roberto Tribuno und die Firma, die im Mittelpunkt des geheimen Netzwerks steht: Lipany.

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