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Opernregisseur Hans Neuenfels gestorben : Der zarte Wilde

Psychoanalyse, Sinnlichkeit und surreale Poesie: Er war eine prägende Figur der Theaterwelt. Zum Tod des Bühnenzauberers Hans Neuenfels.

Opernregisseur Hans Neuenfels gestorben : Der zarte Wilde

Hans Neuenfels sah man selten ohne Zigarette, wie hier 2014 in Wien.Foto: dpa/Herbert Neubauer

Einen wie ihn wird es lange nicht mehr geben. Hans Neuenfels, der am vergangenen Sonntag mit 80 Jahren in Berlin gestorben ist, hat in sechs Jahrzehnten als einer der Letzten tatsächlich noch ein Gesamtkunstwerk geschaffen. Als Lyriker und Erzähler, als furioser Regisseur für Schauspiel, Oper und Film, als Theaterintendant, Dramatiker und Essayist. Als ein universell begabter Feuerkopf.

Im niederrheinischen Krefeld 1941 geboren, ist der Sohn eines Oberregierungsrats früh ausgebrochen aus der bildungsbürgerlichen Provinz. Ein lockenköpfiger Wildling, der mit neunzehn seinen ersten Lyrikband „Ovar und Opium“ veröffentlichte, inspiriert von Baudelaire und den amerikanischen Beat-Poeten.

In Essen und dann am Max Reinhardt Seminar in Wien begann er zu Beginn der 1960er Jahre sein Theaterstudium, zusammen mit dem künftigen Dramatiker Franz Xaver Kroetz, mit seinem späteren Lieblingsakteur Ulrich Wildgruber und bald auch mit der Liebe und Partnerin seines Lebens, der Schauspielerin Elisabeth Trissenaar. Doch zwischenzeitlich war er noch ein jugendliches Faktotum und Freund von Max Ernst in Paris.

In den biografischen Infos zu Neuenfels und Ernst ist da immer von einem Jahr als „Privatsekretär“ die Rede. Doch einen Sekretär vermag man sich hier nicht recht vorzustellen. Jedenfalls haben Paris und Wien Hans Neuenfels früh und tief geprägt. Der Surrealismus und die Psychoanalyse, beide sind die Pole, zwischen denen sich die Kunst von Neuenfels gespannt hat. Aus denen sie ihre Spannung bezog. Plus: die Musik.

So ist der Opernregisseur zuletzt immer mehr im Vordergrund gestanden. Doch das Verbindende zwischen Schauspiel, Musiktheater und sogar Film schien den Schlagzeilen nach zumeist der Skandal. Obwohl der schlanke, hochgewachsene Hans Neuenfels früher auf Proben öfter mal getobt und geschrien hatte, mit seiner von vielen Zigaretten rauchigen Stimme, war er ein feinsinniger, humorbegabter, in persönlichen Begegnungen oft leiser, nachdenklicher Mann.

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Eine seiner schönsten Inszenierungen war 2005 seine selbst verfasste musikalische Winterreise „Schumann, Schubert und der Schnee“, die bei der Ruhrtriennale und auch in Berlin gezeigt wurde. Der tröstlich untröstliche Franz Schubert war ihm neben Verdi und Mozart der liebste Komponist.

Skandal als Markenzeichen

Hans Neuenfels pflegte auch Umgangsformen, zu denen das ihm nachgesagt berserkerhaft Skandalöse überhaupt nicht passte. Aber der Aufruhr steckte zugleich in ihm, musste raus und wurde von außen erst widerwillig, später geradezu erwartungsvoll dankbar aufgenommen. Was oft überdeckt hat, wie viel tieferer Sinn in Neuenfels’ Neudeutungen von Dramen der Literatur und Musik teils untergründig wirkte, teils offen explodierte.

Seine legendäre Frankfurter „Aida“ mit dem Dirigenten Michael Gielen und dem klugen Dramaturgen und späteren Stuttgarter Opernintendanten Klaus Zehelein, hat 1981 Verdis oft unter Pomp und Exotismus begrabenen Klassiker völlig neu entdeckt: als wirkliches Kolonialdrama, als Projektion einer europäischen Herrschaft, unter der die Titelheldin im Schatten der Pyramiden zum Opfer wird.

Opernregisseur Hans Neuenfels gestorben : Der zarte Wilde

Hans Neuenfels‘ Inszenierung von „Idomeneo“ wurde aus Angst vor islamistischem Terror an der Deutschen Oper abgesetzt.Foto: drama-berlin.de

Das war freilich schnell ein Triumph. Anders als im benachbarten Schauspiel Frankfurt zunächst die Neudeutung von Euripides’ „Medea“. Da gab es fünf Jahre zuvor Plastikpimmel, Erektionen und Penetrationen, Medeas Rache am treulosen Gatten und die Gewalt an ihren eigenen Kindern wütete in einem Reich der spielerisch entfesselten sexuellen Gewalt. Was Teile des Premierenpublikums zu lautstarker Empörung und die meisten Premierenkritiker zu angewiderten Verrissen trieb. Die Aufführung wurde daraufhin aus dem Abonnement genommen. Die Schlangen an der Abendkasse wuchsen.

Der „Sommernachtstraum“ wurde beu Neuenfels zum Endzeitstück

Wie auch das Nach-Denken. Denn Neuenfels und Elisabeth Trissenaar als erschütternd leidenschaftliche Medea hatten die inneren Energien des gewaltigen, gewalttätigen Antikenstücks ausgelotet. So radikal, dass während der Proben darüber auch die Ehe von Trissenaar und Neuenfels mit auf die Probe gestellt wurde. Im folgenden Jahr, beim Berliner Theatertreffen 1977, wurde die „Medea“ dann ein Triumph.

In Berlin, wo Hans Neuenfels von 1986 bis 1990 kein so erfolgreicher Intendant der damaligen Freien Volksbühne war, hatte er freilich etliche unumstrittene Erfolge. Kleists „Penthesilea“ machte er vor vierzig Jahren am Schillertheater mit Trissenaar, der jungen Katharina Thalbach, mit Nicole Heesters und Hermann Treusch zu einem Schauspielerfest, bei dem Kleists bis zum hellen Liebeswahnsinn übersteigerte Sprache eine so musikalische wie physische Sinnlichkeit gewann.

Kleist, den Neuenfels zudem verfilmt hat, war in seiner poetischen Wild- und Zartheit, ein Vorahne. Shakespeares vermeintlich harmloserer „Sommernachtstraum“ ist bei Neuenfels dann gleichfalls in Berlin zum eisigen Endzeitstück geworden. Es war 1993 die letzte große Inszenierung des alsbald abrupt geschlossenen Schiller-Theaters und wieder eine Ahnung. Als der greise Puck des großen alten Bernhard Minetti am Sommernachtsende im Schneefall die Szene nach hinten ins Dunkel verließ, wurde dieser finale Abgang tatsächlich zum Symbol eines Theaterschließungsskandals.

Neuenfels‘ version von „Idomeneo“ wurde abgesetzt

Abgesetzt hat die Deutsche Oper Berlin im Jahr 2006 Hans Neuenfels’ Version von Mozarts „Idomeneo“ (Premiere 2003). Es gab damals Warnungen des Landeskriminalamtes vor islamistischen Anschlägen, weil in einem Epilog zur Oper die abgeschlagenen Köpfe der Götter und Propheten Poseidon, Christus, Mohammed und Buddha vor der Bühnenrampe lagen.

Wieder war der Reflex ein eher blinder. Als wären die enthaupteten Heiligen, die wie immer beim Spätsurrealisten H. N. als Spiel- und Denkfiguren keine naturalistischen Abbilder bedeuteten, nicht Hinweise auf gegenwärtige Gewalttaten, auf buchstäblich kopflos gewordene Ideologien und Irrglauben gewesen. Später, nach Gegenprotesten, wurde die Aufführung dann wiederaufgenommen.

Neuenfels hat gerne mit Symbolen gespielt. Zum Geniestreich, von Anfang an bejubelt und beispielsweise von Angela Merkel sechsmal besucht, geriet seine Deutung von Wagners „Lohengrin“ ab 2010 bei den Bayreuther Festspielen. Das wankelmütige Volk von Brabant hatte Neuenfels in der von Religion, Mittelaltermythen und erotischer Psychologie durchsponnenen Musiktragödie als vergrößerte Ratten darstellen lassen. Das wirkte komisch, abgründig, merkwürdig. Ratten folgen dem musikalischen Fänger ins eigene Unglück, aber sie sind auch schlau und verlassen das sinkende Schiff. Misstrauen dir, mein lieber Schwan.

Im Alter war er in Hochform

In Berlin hat Neuenfels zuletzt an der Staatsoper gearbeitet, viel auch an der Bayerischen Staatsoper, in Wien und natürlich bei den Salzburger Festspielen. Er war wie selten ein Regisseur in seinem Alter in einer späten Hochform. Doch in jüngster Zeit musste er alle neuen Inszenierungen absagen, weil ihn ein schweres Nierenleiden zur Dialyse zwang. Stattdessen hat er nochmal ein bisher unaufgeführtes, ziemlich wildes, das eigene Metier reflektierendes Theaterstück geschrieben. Hat dabei wohl auch zurückgedacht.

Denn wie ungebärdig, mit welch enormen Energien voll Wut, Lust, Spielfreude hatte alles begonnen. Die frühe Hochzeit mit Neuenfels, Trissenaar, Ulrich Wildgruber, Gottfried John fand unter der Intendanz von Peter Stoltzenberg in den 1968er Jahren im Heidelberger Theater statt, mit den vom Drive der Popmusik angetriebenen Inszenierungen von „Dantons Tod“, dem „Marat/Sade“ oder der gleich zum Berliner Theatertreffen eingeladenen tollen britischen „Zicke-Zacke“-Revue.

Anschließend war Hans Neuenfels auch als Kodirektor mit Peter Palitzsch in den Siebzigern verantwortlich für das Frankfurter Mitbestimmungstheater. Dessen allzu politischen Orientierungen dem Künstler Hans Neuenfels bisweilen auch fremd blieben.

Es gibt immer noch Entdeckungen

Alles vorbei? Wie ernst, abgründig, tiefschürfend Hans Neuenfels dachte, und das mit seiner Mischung aus Ironie und Witz, das kann man weiterhin lesen. In seinen von Elke Heidenreich bei Bertelsmann herausgegebenen Essays „Wieviel Musik braucht der Mensch?“ und dem autobiografischen „Bastardbuch“.

Zudem gibt es immer noch Entdeckungen. So ist noch in keinem Sender der von der ARD einst aus Prüderie und Mutlosigkeit abgelehnte Neuenfels-Film über und mit dem schwulen Dichter Jean Genet („Reise in ein verborgenes Leben“) gezeigt worden. Vor knapp vierzig Jahren nur ein Mal bei den Berliner Festspielen vorgeführt.

Dieser Hans Neuenfels hätte diese Wiederentdeckung als Nachleben verdient. Er, der mir in einem Gespräch für die Münchner Oper über die Extreme von „Kunst und Leidenschaft“ gesagt hat: „Es gibt die Liebe auf den ersten Blick wie den Tod auf den letzten Blick.“

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