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Omikron-Welle in Europa : Wieso andere Länder lockern und Deutschland nicht

In Dänemark und Schweden fallen die Corona-Beschränkungen, auch Italien lockert vorsichtig. Die Bundesregierung will dagegen noch abwarten. Ein Überblick.

Omikron-Welle in Europa : Wieso andere Länder lockern und Deutschland nicht

Ein Hinweisschild für die 2G plus Regel steht vor einem Restaurant in der Innenstadt von Stuttgart.Foto: dpa/ Bernd Weißbrod

Wer in Dänemark in ein Café gehen will, muss keine Maske mehr aufsetzen. Auch den Impfnachweis können die Dänen seit Dienstag zuhause lassen. Was in Deutschland schwer vorstellbar ist, ist dort schon Realität: Das skandinavische Land hat trotz hoher Corona-Infektionszahlen praktisch alle Beschränkungen aufgehoben.

Mitten in der Omikron-Welle lockern viele Länder in Europa ihre Corona-Beschränkungen. Auch in Tschechien, Schweden und Finnland fallen Zugangsbeschränkungen für Restaurants weg. Die italienische Regierung will bald einen Öffnungsplan vorlegen.

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In Deutschland gilt dagegen weiterhin die 2G-Regel für Gastronomie und Handel, die nur Zutritt für Geimpfte und Genesene gewährt. Bund und Länder hatten beschlossen, an den geltenden Corona-Maßnahmen festzuhalten.

Die Bundesregierung hat auch noch keine konkreten Lockerungen in Aussicht gestellt. Vor allem SPD und Grüne wollen damit warten. „Wir haben aktuell die höchste Infektionsrate jemals. Es ist daher zu früh, konkrete Schritte oder einen konkreten Zeitpunkt zu nennen“, sagte Heike Baehrens, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD, dem Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND). „Ich plädiere sehr dafür sich Zeit zu lassen, weil wir sonst Erwartungen wecken, die wir nicht halten können.“

Andere Länder halten Rekord-Infektionszahlen dagegen nicht davon ab, Beschränkungen aufzuheben. In Dänemark liegt die Sieben-Tage-Inzidenz bei über 5000, also viel höher als in Deutschland, wo der Wert am Freitag auf fast 1350 stieg. Sind andere Länder unvorsichtiger oder haben sie gute Gründe für die Lockerungen?

Dänemark: Der Impfstoff als „Superwaffe“

Dänemark hatte am Dienstag als eines der ersten Länder Europas bis auf vereinzelte Einreiseregeln alle Einschränkungen aufgehoben. Maskenpflicht und Nachweispflichten sind abgeschafft. Großveranstaltungen wie Konzerte und Fußballspiele finden ohne Teilnehmerbegrenzungen statt. Discos und Clubs dürfen wieder öffnen. Zeitliche Beschränkungen für den Verkauf von Alkohol etwa in Kneipen gibt es nun nicht mehr.

Grundlage für all das ist die Entscheidung, Covid-19 in Dänemark nicht mehr als „gesellschaftskritische Krankheit“ einzustufen. Die umfassende Aufhebung von Beschränkungen inmitten hoher Neuinfektionszahlen – wie passt das zusammen? Tatsächlich könne dies merkwürdig oder paradox wirken, hatte Ministerpräsidentin Mette Frederiksen bei der Bekanntgabe der Entscheidung vergangene Woche gesagt. Die Zahl, auf die man schaue, sei jedoch die, wie viele nach einer Infektion ernsthaft erkrankten. Diese Kurve sei nun gebrochen. Trotz der vielen Neuinfektionen ist die befürchtet schwierige Lage in den Krankenhäusern und vor allem auf den Intensivstationen ausgeblieben.

Omikron-Welle in Europa : Wieso andere Länder lockern und Deutschland nicht

In dieser Bar in Kopenhagen gilt keine Maskenpflicht mehr.Foto: imago images/Dean Pictures

Die Dänen haben zwei Erklärungen dafür: mildere Krankheitsverläufe bei Omikron-Infektionen und die im Land sehr hohen Impfzahlen. Mehr als vier Fünftel der Gesamtbevölkerung von knapp sechs Millionen Menschen verfügen über den Impf-Grundschutz gegen Covid-19. Über 60 Prozent haben auch schon ihre Auffrischdosis erhalten.

Der Impfstoff habe sich als „Superwaffe“ erwiesen, sagte Frederiksen. Die Zahlen der Neuinfektionen und der Krankenhauseinlieferungen haben sich voneinander entkoppelt.

Der Virologe Christian Drosten hatte im NDR-Podcast gemahnt, dass die Situation in Dänemark nicht mit Deutschland vergleichbar sei, weil hierzulande zu viele, vor allem ältere Menschen, nicht geimpft sind. „Eine Sache, die sich nicht geändert hat, ist die Impflücke. Die Impfrate in Deutschland ist sogar vor Kurzem wieder gesunken“, sagte Drosten.

[Mehr zum Thema: Was über BA.2 bekannt ist: Der Omikron-Subtyp könnte eine weitere Welle auslösen (T+)]

Tschechien: Gericht kippte 2G-Regel

Auch das Nachbarland Tschechien lockert trotz hoher Infektionszahlen die Corona-Regeln in mehreren Bereichen. Ab dem 9. Februar müssen in Restaurants und bei Veranstaltungen keine Nachweise über den Impf- oder Genesenenstatus mehr vorgezeigt werden. Ungeimpfte bekommen somit dort wieder Zugang. Ab dem 18. Februar entfällt zudem die Testpflicht in Unternehmen und Schulen.

Dieser Entscheidung war ein Gerichtsurteil vorausgegangen. Das Oberste Verwaltungsgericht in Tschechien hatte die 2G-Regel in Gaststätten und Hotels gekippt. Es fehle die rechtliche Grundlage für die Einschränkungen. „Es darf nicht Ziel der Maßnahme sein, die Bürger indirekt zum Impfen zu nötigen“, bemängelten die Richter. Menschen sollten nicht pauschal einer Infektion verdächtigt werden, solange sie keine Symptome haben.

Andere Corona-Schutzmaßnahmen wie die Maskenpflicht in Innenräumen und Personenbeschränkungen bei öffentlichen Veranstaltungen sollen jedoch bestehen bleiben. Auch ein Corona-Gesetz wurde in Tschechien verabschiedet, dass es weiterhin ermöglicht, Geschäfte zu schließen, Testpflichten festzulegen und den Schulbetrieb einzuschränken.

Anders als in Deutschland steigen die Infektionszahlen in Tschechien nicht mehr so extrem wie zum Jahresbeginn. Trotz Rekord-Infektionszahlen rechnen die zuständigen Behörden im Februar mit einem Rückgang der Fallzahlen. Die Hospitalisierungen liegen unter dem Niveau früherer Pandemiewellen. In Deutschland wird der Höhepunkt der Omikron-Welle dagegen erst zwischen Ende Februar und Anfang März erwartet.

Italien: Erleichterungen für Tourismus

Auch in Italien flachte sich die Omikron-Welle zuletzt etwas ab. Die italienische Regierung will bald einen Zeitplan für eine Aufhebung der Beschränkungen vorlegen. Die Lockerung der Maßnahmen werde in den kommenden Wochen vorangetrieben, erklärte Ministerpräsident Mario Draghi. Italien koppelt jedoch alle Öffnungsschritte an die Impfungen: Nur mit einem 2G-Nachweis darf man in Hotels, Restaurants, ins Kino, in Busse und Züge, auf öffentliche Veranstaltungen.

Erleichterungen gelten bereits für die Tourismus-Branche. Ausländer dürfen künftig wieder in Hotels oder Restaurants, auch wenn sie nicht geimpft oder genesen sind. Sie müssen aber einen negativen Test vorzeigen. Für Italiener gilt dagegen in der Gastronomie die 2G-Regel.

Zugleich wurde beschlossen, dass Schulklassen künftig erst bei fünf positiven Covid-Fällen in den Distanzunterricht geschickt werden – zuletzt war das bei zwei infizierten Kindern der Fall. Geimpfte Kinder sind davon sogar ausgenommen; sie dürfen immer in die Schule. Rund 81 Prozent der Italiener haben einen vollen Impfzyklus absolviert.

Schweden: Laxere Maßnahmen seit Pandemie-Beginn

Schweden hat die Aufhebung fast aller Corona-Maßnahmen ab dem 9. Februar angekündigt. Nach Inkrafttreten der Lockerungen am Mittwoch kommender Woche fällt die Sperrstunde für Bars und Restaurants, die bisher ab 23 Uhr gilt. Die Begrenzung von Besucherzahlen bei Veranstaltungen wird aufgehoben, ebenso die Pflicht zum Vorzeigen eines Impfnachweises bei Veranstaltungen in Innenräumen. Auch die Empfehlung zum Tragen einer Maske im öffentlichen Verkehr zu Stoßzeiten will die Regierung aufheben.

Schrittweise Lockerungen soll es nach Regierungsangaben bei der Rückkehr von Angestellten aus dem Homeoffice ins Büro sowie beim Übergang von der digitalen Lehre zum Präsenzunterricht an Hochschulen geben. Für Ungeimpfte soll auch nach Inkrafttreten der Lockerungen die Empfehlung gelten, große Menschenansammlungen zu vermeiden.

In Schweden haben bereits mehr als 83 Prozent der Menschen über zwölf Jahren zwei Corona-Impfstoffdosen erhalten. Fast die Hälfte der Bevölkerung ist dreifach gegen das Virus geimpft.

Schweden hatte insbesondere zu Beginn der Corona-Pandemie auf deutlich laxere Maßnahmen gesetzt als viele andere europäische Länder. So verzichtete das Land damals komplett auf Lockdowns. Landesweit starben in Schweden seit Pandemiebeginn mehr als 16.000 Menschen im Zusammenhang mit dem Coronavirus.

Großbritannien: Welle ist abgeflacht

Seit Ende Januar sind in England die wenigen noch geltenden Maßnahmen ausgelaufen. Ob im Büro, im Stadion, im Fitnessstudio oder eben im Pub dürfen sich die Briten ohne Beschränkungen tummeln. Auch die anderen Landesteile genießen wieder größere Freiheiten. Eine Überlastung der Intensivstationen scheint abgewendet. Zuletzt wurden jedoch noch immer mehrere Hunderte Tote pro Tag gezählt.

Vor den Theken in englischen Pubs herrscht Gedränge, Masken sind nur vereinzelt zu sehen. Großbritannien zählt Tag für Tag 80.000 bis 100.000 neue Corona-Fälle, auch wenn die Omikron-Welle deutlich abgeflacht ist. Positive Fälle im engeren Umfeld sind zum Alltag geworden – vor allem für Familien mit Schulkindern.

Spanien: Hohe Impfquote und sinkende Fallzahlen

„Spanien ist über den Berg“, freute sich Gesundheitsministerin Carolina Darias. Nach einem Höchststand der Sieben-Tage-Inzidenz von mehr als 1600 Mitte Januar ist sie inzwischen auf 872 gefallen. Viele Beschränkungen werden nach und nach aufgehoben, kommende Woche soll die Maskenpflicht im Freien fallen.

Dass es weniger schwere Erkrankungen gibt, liegt auch an der hohen Impfrate in Spanien. Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung haben eine Grundimmunisierung und gut 46 Prozent einen Booster.

Finnland will Lage in Dänemark beobachten

Finnland will sich im Laufe des Februars von allen geltenden Corona-Beschränkungen verabschieden. Die Regierung in Helsinki einigte sich bei Verhandlungen am Mittwoch darauf, die Einschränkungen schrittweise zurückzufahren. Ab dem 14. Februar werden Begrenzungen für Restaurants und Kneipen gelockert und alle Beschränkungen für die Kultur, den Sport und für Veranstaltungen aufgehoben, wie Ministerpräsidentin Sanna Marin sagte. Nachtclubs bleiben vorerst dicht.

Bis zum 14. Februar werde man ein wenig Zeit haben, um zu beobachten, wie sich die Lage bei den nordischen Partnern in Dänemark und Norwegen entwickle, sagte Marin. Dem finnischen Rundfunksender Yle zufolge sollen am 1. März alle Beschränkungen aufgehoben worden sein.

Wann fallen die Beschränkungen in Deutschland?

Die Lockerungen in Nachbarländern wie Dänemark oder Tschechien hatten auch in Deutschland eine Debatte darüber ausgelöst, ob und welche Corona-Beschränkungen gekippt werden könnten. Virologe Christian Drosten hatte gesagt, er sehe in den Osterferien eine zeitliche Schwelle und einen „Planungshorizont“ für die Entspannung der Corona-Lage. Dann würden die Temperaturen steigen und in der Ferienzeit die Ansteckungen aus den Schulen sinken.

Gesundheitsminister Karl Lauterbach hatte eine Lockerungsperspektive für die zweite Februarhälfte oder Anfang März in Aussicht gestellt. Davor bleibe es das Ziel, die Folgen der Omikron-Welle zu minimieren und Millionen ungeimpfte ältere Menschen zu schützen.

Andere fordern schon jetzt Öffnungsperspektiven. „Wir brauchen jetzt einen Einstieg in den Ausstieg“, sagte CSU-Chef Markus Söder in der Sendung „Frühstart“ von RTL. FDP-Chef Christian Lindner sprach sich für einen Verzicht auf die 2G-Regel im Einzelhandel aus. Aus der SPD kamen hingegen Warnungen vor zu raschen Lockerungen.

Lindner sagte, es gehe nicht darum, dass jetzt alle Maßnahmen fallen, aber es brauche eine verlässliche Planung, etwa für den kulturellen Bereich oder die Veranstaltungsbranche. Entfallen sollten Maßnahmen, „die wirtschaftlichen Schaden anrichten und die Menschen in ihrer Freiheit einschränken, aber keinen wirksamen Beitrag zur Bekämpfung des Pandemiegeschehens leisten“. Deshalb sei 2G im Handel nicht erforderlich, die Maske aber schon.

„Was wird jetzt brauchen, ist ein Freedom Plan“

Auch der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, forderte einen Öffnungsplan. „Was wird jetzt brauchen, ist ein Freedom Plan – ein Plan, wie wir schrittweise und an Parametern orientiert lockern“, sagte Gassen der Düsseldorfer „Rheinischen Post“. „Diesen Freedom Plan zu formulieren, ist nun wichtigste Aufgabe der Politik.“

[Mehr zum Thema: „Müssen die Tür in der Omikron-Wand suchen“: Ist Deutschland schon längst auf Lockerungskurs?]

Deutschland müsse lernen, mit Corona zu leben, sagte Gassen weiter. „Manche meinen, die Pandemie sei erst vorbei, wenn keiner mehr an Corona stirbt. Das ist ein Irrtum: Corona wird wohl dauerhaft Teil des Krankheitsgeschehens bleiben.“

Die Bundesärztekammer forderte wiederum einen Stufenplan für Öffnungsschritte. „Wenn sich das Infektionsgeschehen so entwickelt, wie von Epidemiologen prognostiziert, werden die Fallzahlen von Ende Februar an allmählich sinken“, sagte ihr Präsident Klaus Reinhardt den RND-Zeitungen.

Einschränkungen seien aber im Moment noch unumgänglich, sagte Reinhardt. „Deutschland hat die zweitälteste Bevölkerung in Europa und eine im Vergleich zu Dänemark und England niedrige Impfquote unter Älteren.“

Der Vorstandvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß, sprach sich für den jetzigen Zeitpunkt gegen Lockerungen aus. „Die Krankenhäuser verzeichnen stark steigende Fallzahlen auf den Normalstationen und selbst auf den Intensivstationen werden wieder mehr Covid-Patienten eingeliefert“, sagte Gaß dem RND. „Aber natürlich benötigen wir für die nahe Zukunft, wenn wir die Omikron-Welle hinter uns gebracht haben, klare Perspektiven für Öffnungen.“ (mit dpa, AFP)

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