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Oben ohne als Zeichen gegen Sexismus? : Die diverse Gesellschaft erschwert absolute Ansprüche

Eine Frau liegt ohne Oberteil auf einem Spielplatz. Darf sie das? Wie am weiblichen Körper Vormachtfragen ausgetragen werden. Ein Kommentar.

Oben ohne als Zeichen gegen Sexismus? : Die diverse Gesellschaft erschwert absolute Ansprüche

Luftig, aber nicht umstritten: Frauen im Bikini.Foto: Jörg Carstensen dpa/lbn, picture alliance

Der weibliche Körper und wie viel davon zu sehen sein sollte, ist mal wieder Thema für Debatten. Diesmal geht es nicht um Haare und Kopftuch, sondern um Brüste und BHs oder Bikinioberteile. In den Strukturen ähnelt sich manches.

Die Oben-ohne-Debatte startete in vergangenen Sommern meist in Freibädern und der Frage, ob Frauen, die sich dort in der Regel oben ohne sonnen (können) auch oben ohne baden dürfen, was oft gegen die Badeordnung war. 2021 startete sie auf einem Spielplatz im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick, wo die Parkaufsicht einschritt, als eine Frau, dort zu Besuch mit Freund und Kind, sich oben ohne sonnen wollte.

Das sei untersagt, hörte sie, wehrte sich und protestiert seither – und nicht allein – gegen Sexismus. Denn an ihrem Freund, der ebenfalls mit nacktem Oberkörper herumlag, habe niemand etwas beanstandet. Sie fordert Gleichheit für alle Brüste.

[Lesen Sie hier bei T-Plus: Wie nackte Brüste auf einem Berliner Spielplatz einen Polizeieinsatz auslösten]

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Vergleichbar mit der Kopftuchdebatte sind die überdeutlichen Positionen, die in den Diskussionen aufeinanderprallen. Kopftuch ist muslimische Frauenunterdrückung und oben ohne ein Muss auf dem Weg zur antisexistischen Gleichberechtigung. Das sind grobe Kategorien, die sehr hochwertig verschlagwortet sind, und wenig Raum lassen für Abstufungen.

Zwar ist einerseits eine gewisse Radikalität ja auch immer erfrischend und nötig, um etwas in Gang zu bringen; aber dass die Frauenbrust dasselbe sei wie die männliche, ist vielleicht – auch unter Feministinnen – nicht ganz ausgemacht.

Die Brust ist anders als ein Bein ein sekundäres Geschlechtsmerkmal

In der Regel gilt sie immer noch als „sekundäres Geschlechtsmerkmal“. Damit ist sie etwas anderes als beispielsweise das Bein, das nicht biologisch sondern kulturell als geschlechterrollenrelevant definiert ist. Und darum werden längst nicht alle, die der These beipflichten, dass die Frau über ihre Rocklänge selbst bestimmen soll, auch für die öffentliche Präsentation der nackten Brust sein.

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Es geht um Abstufungen, und die werden immer wichtiger, denn die westlichen Gesellschaften werden vielfältiger. Je mehr Meinungen, Befindlichkeiten, Empfindungen und Perspektiven miteinander auskommen müssen, desto mehr werden absolute Ansprüche ob von der einen oder der anderen Seite Durchsetzungsschwierigkeiten haben.

Und je mehr Meinungen und Perspektiven, desto langwieriger dürften sich auch die Debatten darüber gestalten, wie man das Zusammenleben regelt. Und Regeln wird es brauchen, um ein gewisses Maß an Verbindlichkeit herzustellen.

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Wenn man beispielsweise an die konservativ empfindenden Menschen denkt, seien sie katholisch oder muslimisch gebunden oder einfach nur eher prüde: Sollten deren Positionen beim punktweisen Ausgestalten des Miteinanders nicht berücksichtigt werden? Oder sollte man ihnen zur Aufgabe machen, ertragen zu lernen, was ihnen als sittlich schwierig vorkommt? Aber wer wäre „man“? Wer stellte diese Aufgabe und auf welcher Basis?

Auf den Spielplatz bezogen: Wäre es den Zugewinn an Freiheit für die Frauen, die sich auf dem Plansche-Rasen oben ohne sonnen wollen, wert, wenn im Gegenzug muslimische oder katholische Familien oder überhaupt alle zuhause bleiben, denen das zu viel Freizügigkeit ist?

Wenn die Frage nach der Präsenz der nackten weiblichen Brust nicht grundsätzlich mit einer einzigen radikalen Antwort (Gleichberechtigung mit der männlichen!) beantwortet wird, verschafft das Luft. Luft beispielsweise dafür, die Fragen nach oben ohne für einen Spielplatz anders zu beantworten als für irgendeinen Baggersee. Es verschafft auch insofern Luft, als nicht jeder gesellschaftskulturelle Konflikt gleich zur letzten Schlacht um das eine Richtig oder Falsch würde.

Diese Abstufungen sollten umgekehrt nicht die elementare Bedeutung der Auseinandersetzung darüber schmälern, warum es immer wieder der weibliche Körper ist, an dem Vormachtfragen ausgetragen werden. Das Aufdecken von strukturellen Ungleichheiten ist ein elementares Mittel für gesellschaftlichen Fortschritt. Da der aber eine gesellschaftliche Beweglichkeit voraussetzt, sollte er auf Stretching nicht verzichten und auch Dehnungsschmerzen einkalkulieren.

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