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Neue DIW-Studie zu Lebenserwartung : Stress frisst Rentenjahre

Wer viel schuftet und trotzdem wenig verdient, stirbt früher als Gutverdiener und Beamte. Zwischen beiden liegen Jahre.

Neue DIW-Studie zu Lebenserwartung : Stress frisst Rentenjahre

Wer rechnen muss: Geringverdiener, Arbeiter, Menschen in stressigen Berufen haben eine geringere Lebenserwartung.Foto: DPA

Man hatte es schon geahnt: Menschen, die hart schuften, aber wenig verdienen und auch ansonsten in ihrem Leben keine großen Reichtümer erworben haben, leben kürzer als Wohlhabende, die in ihrem Beruf weniger stark gefordert werden. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) kann diese Vermutung nun aber auch mit Zahlen belegen.

Im Auftrag des Sozialverbands VdK hat das Berliner Institut untersucht, welche Auswirkungen der soziale Status, das Einkommen und die Belastung durch die Arbeit auf die Lebenserwartung der Menschen und die Dauer des Rentenbezugs haben. Das Ergebnis: Die Folgen sind beträchtlich.

Geringverdiener sterben im Schnitt fünf Jahre früher

Menschen mit hohem Einkommen leben im Schnitt fast fünf Jahre länger als Geringverdiener, Beamte vier Jahre länger als Arbeiter. Menschen mit einer hohen körperlichen oder psychosozialen Belastung im Job haben eine um drei Jahre kürzere Lebenserwartung als Beschäftigte mit wenig Stress im Arbeitsleben. Was die Daten des DIW auch zeigen: Bei Männern fallen die Unterschiede zwischen den Gruppen stärker ins Gewicht als bei Frauen, deren Lebenserwartung generell höher ist.

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Die Studie spreche eine ganz klare Sprache, sagte VdK-Präsidentin Verena Bentele am Montag bei Vorstellung der Ergebnisse: „Geringverdienende Menschen, die in körperlich und psychisch belastenden Berufen arbeiten, sind im Alter deutlich schlechter gestellt als Menschen mit höherem Einkommen in weniger belastenden Berufen“.

Neue DIW-Studie zu Lebenserwartung : Stress frisst Rentenjahre

Länger in Rente: Die Lebenserwartung steigt, die Rentenbezugsdauer auch.Foto: www.imago-images.de/Imagebroker

VdK: Länger arbeiten für alle, das geht nicht

Daher lehnt der VdK Forderungen nach einer pauschalen Verlängerung der Lebensarbeitszeit ab. Denn ein noch späterer Renteneintritt würde die Menschen, die schon jetzt das Nachsehen hätten, noch stärker benachteiligen – nicht zuletzt wegen der Abschläge, die all denen drohen, die das gesetzliche Rentenalter nicht erreichen. „Zum einen bekommen sie deutlich geringere Renten“, gibt Bentele zu bedenken. „Zum anderen beziehen sie diese aufgrund ihrer geringeren Lebenserwartung erheblich kürzer“.

Wer ein Leben lang körperlich oder in psychisch anstrengenden Berufen gearbeitet hat, sollte nach Meinung Benteles schon mit 63 Jahren in Rente gehen – und zwar nach 45 Versicherungsjahren ohne Abschläge. Eine solche Regelung hatte es vorübergehend für Versicherte mit entsprechend vielen Versicherungsjahren gegeben, in Anspruch konnten die „Rente mit 63“ alle vor 1953 Geborenen in Anspruch nehmen. Doch diese Regelung ist ausgelaufen, das abschlagsfreie Rentenalter ist auch für die besonders langjährig Versicherten angehoben worden.

Regierungsberater plädieren für die Rente mit 68

Generell gilt: Das gesetzliche Renteneintrittsalter wird von Jahr zu Jahr nach hinten verschoben. Bis zum 2029 wird die Schwelle für eine abschlagsfreie Altersrente auf 67 Jahre angehoben. Das reiche aber nicht aus, um die Finanzierungsprobleme der gesetzlichen Rentenversicherung zu lösen, mahnte kürzlich der Wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium.

Weil die Bundesbürger immer älter werden und daher immer länger Rente beziehen, fordern die Regierungsberater eine Koppelung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung. Ohne die Rente mit 68 und weiteren Reformen drohten ab dem Jahr 2025 „schockartig steigende Finanzierungsprobleme“, heißt es in einem Anfang Juni veröffentlichten Gutachten.

Die Bundesbürger beziehen immer länger Rente

Tatsächlich beziehen die Bundesbürger immer länger Rente – trotz des späteren Renteneintritts. Die durchschnittliche Rentenbezugsdauer verlängerte sich nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung innerhalb von zehn Jahren von 18,5 auf 20,2 Jahre, obwohl dass Durchschnittsalter für den Eintritt in die Rente von 2010 bis 2020 von 63,5 auf 64,2 Jahre gestiegen ist. Wie die neuen Zahlen des DIW zeigen, gibt es aber erhebliche Unterschiede zwischen den Ruheständlern. Nach Meinung des VdK muss die Politik darauf reagieren und zwar schon im Arbeitsleben. Um Mickerrenten zu vermeiden, müsse der Mindestlohn auf über 13 Euro in der Stunde steigen.

Kleine Renten sollen aufgebessert werden

Und auch von Überlegungen, das Rentenalter nach hinten zu verschieben, solle sich die Politik verabschieden. Die Rente mit 68, 69 oder 70 träfe Kranke und Arme besonders stark, kritisiert der Verband. Stattdessen müssten Geringverdiener, die Jahrzehnte lang Rentenbeiträge eingezahlt haben, besser gestellt werden. Die Grundrente könne nur ein erster Schritt sein. Der VdK mahnt zudem Verbesserungen bei der Erwerbsminderungsrente an. Wer 2020 erstmals eine solche Rente bezogen hat, komme im Schnitt auf 882 Euro im Monat, Hunderttausende Menschen müssten daher zusätzlich Grundsicherung beantragen.

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Um solche Reformen zu finanzieren, plädiert der VdK, auch Beamte, Selbstständige und Abgeordnete in die Rentenversicherung einzubeziehen. Für Bentele ist das auch eine Frage der Gerechtigkeit. Derzeit seien Menschen, die über die gesetzliche Rentenversicherung vorsorgen, schlechter gestellt als Beamtinnen und Beamte. Bei einem Jahresverdienst von 31.872 Euro müsse eine Angestellte 45 Jahre lang arbeiten, um dann mit 67 eine gesetzliche Rente von 1058 Euro zu bekommen. Eine Beamtin mit demselben Einkommen müsse dagegen nur 40 Jahre lang arbeiten und beziehe mit 67 sogar eine Pension von 1902 Euro im Monat.

Staat soll mehr zahlen

Neben der Einbeziehung der Beamten soll auch der Staat mehr Geld beisteuern, fordert der Verband. Derzeit zahle der Staat für die versicherungsfremden Leistungen, die die gesetzliche Rentenversicherung erbringt, einen Bundeszuschuss von 100 Milliarden Euro im Jahr, betont der Rentenexperte des VdK, Samuel Beuttler-Bohn. Nötig sei aber eine Aufstockung um weitere 34 Milliarden Euro.

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