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Netflix-Serie „Anatomy of a Scandal“ : Sex im Aufzug

In der Netflix-Serie „Anatomy of a Scandal“ steht ein Politiker unter Vergewaltigungsverdacht. Das wirft wieder grundsätzliche Fragen zum Thema „Männer und Übergriffe“ auf.

Netflix-Serie „Anatomy of a Scandal“ : Sex im Aufzug

Sophie (Sienna Miller) beobachtet ihren Mann.Foto: Netflix

Harvey Weinstein, Dieter Wedel – im Zuge der Diskussionen um das Ausmaß sexueller Belästigung und sexueller Übergriffe der beiden Produzenten ist #MeToo seit Jahren in aller Munde. 2018 hat sich die britische Autorin Sarah Vaughan des Themas mit „Anatomy of a Scandal“ angenommen und daraus einen Bestseller gemacht. Ein fesselndes Gerichtsdrama um einen unter Vergewaltigungsverdacht stehenden aufstrebenden Politiker, das die richtigen Fragen aufstellt: Wie kann eine Person einen sexuellen Akt als einvernehmlich betrachten, während die andere ihn als Übergriff sieht? Und: Was hat diese Frage mit einer Anspruchshaltung von Männern zu tun, vorzugsweise aus dem unternehmerischen oder politischen Bereich, die offenbar dazu erzogen wurden, sich einzubilden, dass ihnen die Welt gehört?

Wer das Buch nicht gelesen hat, wird mit Antworten aus der Serienadaption von David E. Kelley („Big Little Lies“) und Melissa J. Gibson („House of Cards“) bestens bedient. Was auch mit den beiden Hauptdarstellern zu tun hat, Rupert Friend als Karrierepolitiker James Whitehouse und Sienna Miller als seine Frau Sophie, die allen Grauzonen zwischen Grundvertrauen, Missverständnissen und Zweifeln, die der Frage „Was ist sexueller Konsens?“ anhaften, über sechs Folgen meisterhaft Ausdruck verleihen.

Worum geht’s? Das Ehepaar James und Sophie Whitehouse lebt ein sorgloses Leben. James’ Ministerkarriere verläuft steil, auffällig protegiert vom Premierminister. Dann droht eine über die Grenzen schlagende Affäre des Politikers mit einer Büroassistentin ans Licht zu kommen. Diese zeigt Whitehouse an, weil er sie in einem Aufzug im Unterhaus vergewaltigt haben soll. Whitehouse streitet ab. Seine Frau glaubt ihm. Zunächst.

Die Art, wie sich Prozessanwältin Kate Woodcroft (Michelle Dockery) – im wahrsten Sinne des Wortes – in den Fall Whitehouse verwickelt, dieser fast zu dessen Gunsten gelöst scheint, dann aber Whitehouse’ Vorgeschichte nach und nach ans Licht und die Vorzeigeehe auf eine vollends schiefe Ebene gerät, Integrität destruiert wird, macht aus dem Serienstoff eine Achterbahnfahrt für den Zuschauer. Eindrücklich und suspenseartig inszeniert von S. J. Clarkson mit Vogelperspektiven und schrägen Kamerafahrten, als wär’s ein Stück von Hitchcock. Woran hier auch die Verbindung von Sex und Gewalt denken lässt.

Die richtige Serie zum Thema Weinstein und den Folgen. Wem gehört die Welt? Mit welcher Selbstverständlichkeit wird von Frauen Besitz ergriffen? Man möchte nicht wissen, in wie vielen Männerköpfen oben beschriebene Anspruchshaltung und Einbildung immer noch eine Rolle spielen. Markus Ehrenberg

„Anatomy of a Scandal“, Netflix

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