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Nele Neuhaus, Julie Zeh, Ken Follett : Denis Scheck kommentiert die Bestsellerliste

Einmal monatlich bespricht der Literaturkritiker die „Spiegel“-Bestsellerliste – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“. Diesmal: die Rubrik Belletristik.

Nele Neuhaus, Julie Zeh, Ken Follett : Denis Scheck kommentiert die Bestsellerliste

Der Literaturkritiker Denis Scheck.Foto: picture alliance / Rolf Vennenbernd / dpa

Literaturkritiker Denis Scheck bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ (nächste Sendung: 23 Januar, 23 Uhr 35, Gäste Harald Schmidt, Aboud Saaed).

10.) Diana Gabaldon: Outlander: Das Schwärmen von tausend Bienen (Deutsch von Barbara Schnell, 1148 S., 28 €.)

Band 9 einer Zeitreisegeschichte um die Krankenschwester Claire aus dem 20. Jahrhundert, die in Schottland versehentlich in einen Steinkreis tritt und im Jahr 1746 den Highlander Jamie kennen und lieben lernt. „Outlander“ führt die beiden in den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg : dort erhalten sie Besuch aus der Zukunft. Erotisch aufgepimpter Historienkitsch, literarisch vollkommen banal, vor allem aber 1148 Seiten Langeweile!

9.) Kerstin Gier: Vergissmeinnicht: Was man bei Licht nicht sehen kann (Fischer, 480 S. 20 €.)

Aus einer magischen Zwischenwelt stammt der früh verstorbene Vater des 18jährigen Quinn, der ihm – logisch! – allerlei Zauberfähigkeiten vererbt hat, was dieser zu Beginn dieses Fantasyromans für junge Leser noch gar nicht weiß. Gut, dass Quinn Unterstützung durch Matilda erfährt, seine Nachbarin aus einer erzkatholischen Familie. Und da sie leider nicht gestorben sind, wird es auch Band zwei und drei dieser strunzblöden Fantasy-Trilogie geben.

8.) Ken Follett: Never. Die letzte Entscheidung (Deutsch von Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher, Lübbe, 877 S., 32 €.)

Wenn man als amerikanische Präsidentin am Vorband eines Atomkriegs mit China im Bunker des Weißen Hauses seiner 14-jährigen Tochter erklären muss: „Daddy hat sich in jemand anderen verliebt“, dann hat man wohl wirklich Probleme. Davon erzählt Ken Follett in seinem Thriller – und vielleicht deshalb ist es der erste Roman von Follett seit vielen Jahren, der mir gefallen hat.

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7.) Susanne Abel: Stay away from Gretchen (dtv, 528 S., 20 €.)

Susanne Abel lässt in ihrem bemerkenswerten Debüt einen Nachrichtenmoderator auf seine lange unbekannte Schwester stoßen – und auf die Liebesgeschichte zwischen seiner dementen Mutter und dem schwarzen Besatzungssoldaten Robert Cooper im Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Dieser Roman zeigt, wie krass der Rassismus in der amerikanischen Besatzungsarmee und der jungen Bundesrepublik war – und wie lange sein Erbe nachwirkt.

6.) Juli Zeh: Über Menschen (Luchterhand, 416 S., 22 €.)

Mit Rechten reden: Das lehnen viele ab. „Ihr seid der Abschaum, den ihr immer ausrotten wolltet“, urteilt etwa einer der Nachbarn der neu aus Berlin hergezogenen Dora über die Neonazis im Dorf. Einer der Schlüsselsätze in diesem Buch formuliert in meinen Augen gleichzeitig sein erzählerisches Verfahren: „Es geht nicht darum, Widersprüche aufzulösen, sondern sie auszuhalten.“ Genau deshalb gelingt es Juli Zeh in diesem Roman, mehr bundesrepublikanische Wirklichkeit einzufangen, als manche deutsche Neospießer ertragen.

5.) Edgar Selge: Hast Du uns endlich gefunden (Rowohlt, 302 S., 24 €.)

Edgar Selge, geboren 1948, ist der zweitjüngste von fünf Brüdern. In seinem autobiografischen Erinnerungsbuch hält er sich an die Devise, dass die besten Geschichten über den Körper erzählt werden, und schreibt etwa von den Prügeln, die sein Vater, ein Gefängnisdirektor, ihm reichlich verabreichte. Selges Buch geht unter die Haut, weil er das Seelenleben eines Kindes darzustellen weiß, das den Menschen, der ihm wehtut, trotzdem liebt.

4). Jussi Adler-Olsen: Natriumchlorid (Deutsch Hannes Thiess, dtv, 528 S., 25 €.)

Woran erkennt man einen Schrott-Krimi? Zum Beispiel daran, dass sich längst ausgeschriebene Protagonisten müde und matt über die Seiten quälen. Dass die Motive der Serienkiller immer absurder werden. Und dass sich Dialoge lesen wie Wikipedia-Einträge, zum Beispiel, wenn eine Killerin ihrem nächsten Opfer en passant erläutern muss: „Mein lieber Freund, es ist alles vorbereitet. Im gemieteten Flugzeug nach Polen und von dort im Mietwagen nach Brüssel. Von dort gibt es eine direkte Flugverbindung nach Nigeria. Ein absolut ruchloses und korruptes Land, das gerne Multimillionäre mit einem halbwegs echt wirkenden Pass in der Tasche aufnimmt.“ So redet man nur im Schrott-Krimi.

3.) Bernhard Schlink: Die Enkelin (Diogenes, 368 S., 25 €.)

Niemand wird der Prosa Bernhard Schlinks Eleganz bescheinigen wollen. Aber mit der Zugkraft eines Brauereigauls setzt Schlink in diesem Roman seinen Plan um, eine deutsch-deutsche Ehegeschichte zu erzählen. Nicht frei von Holzhammerdidaktik, eben sehr sehr deutsch.

2.) Sebastian Fitzek: Die Playlist (Droemer Knaur, 396 S., 22, 99 €.)

Schwer zu entscheiden, was an diesem Roman über eine entführte Berliner 15-Jährige größeren Widerwillen in mir auslöst: die vulgäre, sich an der geschilderten Gewalt aufgeilende Erzählhaltung oder die mediokre Musik, die 15 deutsche Popmusiker dazu produziert haben. Sagen wir so: Fitzeck hat mit „Playlist“ ein multimediales Grauen erzeugt.

1.) Nele Neuhaus: In ewiger Freundschaft (Ullstein, 524 S., 24,99 €.)

Die Besonderheit dieses handwerklich gut gemachten Serienkrimis liegt darin, dass er in der Verlagswelt spielt. Unter anderem kommt eine Lektorin und Literaturkritikerin im Fernsehen namens Heike Wersch vor. „Heike Wersch liefert pro Sendung Mordmotive en masse. (…)“, schreibt Nele Neuhaus, „Den Krimiautor Sven Klizeck hat sie zum Beispiel als ,dumm’ und ,talentfrei’ bezeichnet, andere Bücher als ,klischeeverhafteten unsäglichen Schrott’, ,dämlich’, ,erbärmlich’, ,widerlich’, ,eine Qual’, ,eine Beleidigung für jeden Leser’.“

So weit, so lebensnah. Nele Neuhaus arbeitet in diesem Buch ihre literarischen Minderwertigkeitskomplexe ab. Heraus kommt ein typisches Beispiel für das übergriffige Ressentiment einer Trivialkultur gegen alles, was sich nicht dem Diktat des Kommerzes und der Logik der Bestsellerlisten unterwirft – mit anderen Worten: gegen Literatur.

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