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Nach Unglück mit 14 Toten in Italien : Polizei nimmt Betreiber der Seilbahn fest

14 Menschen starben beim Seilbahn-Absturz am Lago Maggiore. Nun sitzen der Betreiber und zwei Angestellte in Haft, weil sie die Notbremsen bewusst abschalteten.

Nach Unglück mit 14 Toten in Italien : Polizei nimmt Betreiber der Seilbahn fest

„Tragödie mit 14 Toten“. So betitelt eine italienische Zeitung das Unglück am Lago Maggiore.Foto: dpa/ Antonio Calanni

Die Staatsanwältin von Verbania, Olimpia Bossi, hatte den Betreiber der Seilbahn und mehrere Angestellte während der ganzen Nacht verhört. Als sie am frühen Mittwochmorgen, kurz nach 4 Uhr, vor die Medien trat, zeigte sie sich „erschüttert“. Den Verantwortlichen der Seilbahn sei vollkommen bewusst gewesen, dass die Gondel ohne funktionierende Bremsen unterwegs gewesen sei.

Mehr noch: Sie hätten das Bremssystem absichtlich mit dem Anbringen einer Stahlklammer außer Funktion gesetzt. Die Klammer verhindert, dass die Bremsbacken in das Zugseil greifen und die Bahn blockieren, falls das Zugseil reißt oder eine andere Notsituation eintritt.

Die Gründe für diese tödliche Manipulation waren wirtschaftlicher Natur, wie Bossi betonte: Das Bremssystem der Unglücksgondel habe seit der Wiederinbetriebnahme der Bahn nach der Winter- und Covid-Pause am 26. April immer wieder Probleme verursacht und den Betrieb erschwert. Anfang Mai sei zwar ein Versuch unternommen worden, die Störung zu beheben, doch die Bremsen hätten weiterhin auch auf freier Fahrt immer wieder blockiert. Um die Probleme vollständig zu beheben, wäre laut Bossi eine sehr viel gründlichere Reparatur erforderlich gewesen. Eine solche hätte zur Folge gehabt, dass die Bahn für längere Zeit nicht hätte betrieben werden können.

Auf die Spur der Manipulation kamen die Ermittler am Unglücksort

Angesichts der beginnenden Hochsaison und der großen finanziellen Einbußen infolge der Pandemie hätten sich die Verantwortlichen gegen die zeitraubende Reparatur entschieden. „Sie waren davon überzeugt, dass das Zugseil sicher nicht reißen wird, und sind das Risiko eines Unglücks eingegangen. Beim Unfall handelte es sich nicht – oder nicht nur – um Schicksal“, sagte Bossi.

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Bei den drei Verhafteten handelt es sich Luigi Nerini, den Inhaber der Gesellschaft, der die Seilbahn betreibt, sowie zwei seiner Angestellten, einen Ingenieur und den Betriebsleiter. Sie sind geständig. Staatsanwältin Bossi wirft den drei Festgenommenen mehrfache fahrlässige Tötung vor. Sie erwägt außerdem eine Anklage wegen absichtlicher Entfernung von Einrichtungen zur Vermeidung von Arbeitsunfällen – ein Straftatbestand, der eine zehnjährige Haftstrafe nach sich ziehen kann.

Auf die Spur der Manipulation waren die Ermittler am Unglücksort gekommen: Im Fahrgestell der zerstörten Kabine entdeckten die Experten die eingesetzte rote Klammer, die die Bremsen am Zupacken hinderten. Zunächst war noch ein Versehen vermutet worden: Die Klammer wird gelegentlich bei Dienst- und Testfahrten montiert – allerdings bei leerer Kabine. Die erste Vermutung war, dass die Verantwortlichen vergessen haben könnten, die Klammer nach einer Testfahrt wieder zu entfernen. Dass sie die Blockiervorrichtung für die Bremsen absichtlich auch für Passagierfahrten einsetzten, hatten sich die Ermittler vor den Geständnissen nicht vorstellen können.

Ein Fünfjähriger überlebt als Einziger

Während das Bremsversagen nun geklärt ist, bleibt die Ursache des Tragseil-Risses, der primären Unfallursache, noch unklar. Zumindest auf dem Papier sind die Kontrollen und Revisionen sowohl des Trag- als auch des Zugseils regelmäßig und ordnungsgemäß durchgeführt worden, zuletzt Anfang Mai. Ob der Unterhalt der Bahn tatsächlich korrekt durchgeführt wurde und was letztlich zum Riss des Zugseils geführt hat, ist Gegenstand weiterer Ermittlungen. Eine Möglichkeit ist, dass das Zugseil aufgrund der von den defekten Bremsen verursachten Blockaden während des Betriebs hohen Belastungen ausgesetzt und beschädigt worden ist.

Beim Absturz der bergwärts fahrenden Gondel der Seilbahn, die von Stresa am Lago Maggiore auf den rund 1400 Meter hohen Monte Mottarone führt, waren am vergangenen Pfingstsonntag 14 der 15 Passagiere ums Leben gekommen. Aufzeichnungen von Überwachungskameras zeigen, dass die Gondel sich nur noch wenige Meter vor der Bergstation befand, als das Zugseil mit einem lauten Knall riss. In der Folge rollte die Kabine ungebremst talwärts und verschwand aus dem Blickfeld der Kamera. Laut Expertenberichten beschleunigte die Gondel auf 100 Kilometer pro Stunde, bis sie vom ersten Stützmasten aus den Tragseilen katapultiert wurde, rund 50 Meter durch die Luft flog, anschließend auf den Felsen zerschellte und sich noch mehrfach überschlug.

Die Tragödie am ersten Ausflugswochenende nach der Lockerung der Corona-Schutzmaßnahmen hat in Italien Entsetzen ausgelöst. Besondere Anteilnahme löste das Schicksal des Fünfjährigen aus, der den Unfall als Einziger überlebte: Er hat beim Absturz der Gondel seine beiden Eltern, seinen zweijährigen Bruder Tom und seine Urgroßeltern verloren. Er befindet sich weiterhin auf der Intensivstation einer Kinderklinik in Turin. Sein Zustand sei weiterhin kritisch, hieß es, aber die Ärzte hätten vorsichtig begonnen, ihn aus dem künstlichen Koma aufwachen zu lassen.

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