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Musikfest Berlin 2022 : Schön scharf

Simon Rattle ist mit seinem London Symphony Orchestra zu Gast beim „Musikfest Berlin“ – und serviert gleich fünf außergewöhnliche Werke an einem Abend.

Musikfest Berlin 2022 : Schön scharf

Simon Rattle ist seit 2017 Chefdirigent des London Symphony Orchestra.Foto: Fabian Schellhorn

Der prasselnde, extrem herzliche Begrüßungsapplaus zeigt es an: Simon Rattle ist in Berlin auch vier Jahre nach dem Ende seiner Ära bei den Philharmonikern immer noch so beliebt, dass er sich alles erlauben kann. Und er sich hat für sein „Musikfest“-Gastspiel mit dem London Symphony Orchestra in der Tat etwas ausgedacht, das in seiner Heimat extravaganza genannt wird.

Er präsentiert am Freitag gleich fünf Gewürz-Stücke, also kurze bis mittellange Werke von starkem, charakteristischem Eigenaroma, die normalerweise nur einzeln serviert werden, um konventionelle Konzertprogramme aufzupfeffern. Dafür wird er von seinen Fans ebenso gefeiert wie von seinem neuen Orchester, als spicy Sir Simon.

Diese Musik erzählt von echten, gefühlsgeschüttelten Menschen

Los geht es mit der „Corsaire“-Ouvertüre von Berlioz. Deren fulminant auffahrendes Hauptthema gehört in die Kategorie „technisch unspielbar“. Doch Rattle strebt hier auch gar nicht nach Perfektion, er will vielmehr innere Erregung akustisch nachvollziehbar machen. Und die ist nun einmal verwirrend, ruppig, rauschhaft. Das passt zum künstlerischen Credo des Dirigenten: Seine Interpretationen sollen von echten, gefühlsgeschüttelten Menschen erzählen – und sind auch für solche gedacht.
Als deutsche Erstaufführung bringen die Londoner das „Sun Poem“ des 1986 geborenen Daniel Kidane mit, uraufgeführt vor zwei Wochen in Edinburgh. Die Sonne blitzt bei Kidane in den Trompeten, den hohen Oktaven des Klavier, der Harfe und großen wie kleinen Glocken. Strukturell ist das Stück nicht besonders sophisticated, es pulsiert so vor sich hin, crescendo, decrescendo. Aber es verströmt eine helle, heitere Grundstimmung, und das ist ja durchaus angenehm in diesen verschatteten Zeiten.

Rattle wagt eine krasse Kontrastdramaturgie

Fantastisch gelingt danach Ravels „La Valse“, geheimnisvoll bleibt die Szene zunächst im klanglichen Nebel, bevor eine vornehme Gesellschaft im Kristalllüsterglanz sichtbar wird. In vollendeter Eleganz drehen sich die Paare beim Tanz auf dem Vulkan – und stürzen am Ende doch über den Rand des Kraters.
Nach Innen richtet sich der Blick dann bei Sibelius 7. Sinfonie, wobei die Selbstbefragung so manche bittere Erkenntnis zutage fördert. Das hat große Dichte, Dringlichkeit und – it’s Rattle! – natürlich auch Drive. In krasser Kontrastdramaturgie folgt auf Ravels Noblesse Bartoks „Wunderbarer Mandarin“, urbane Krachmusik, mit der der Ungar vor 100 Jahren die „Widerlichkeit der zivilisierten Welt“ karikierte. Lustvoll zelebrieren die Londoner diese geniale Partitur, schneidend scharf, mit glutheißer Coolness.

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