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Mexiko : Von der Party in den Tod

Seit Jahresbeginn sind in Mexikos Bundesstaat Nuevo León mehr als 300 Frauen verschwunden. Nach dem Mord an einer 18-Jährigen verstärken sich nun die Proteste.

Mexiko : Von der Party in den Tod

„Gerechtigkeit für Debanhi“ ist auf dem Plakat zu lesen, das eine junge Frau bei einer Protestdemonstration gegen die schleppende…Foto: Daniel Becerril/Reuters

Am 8. April machte Debanhi Escobar, was Mädchen in ihrem Alter freitags so tun: Die 18-jährige Mexikanerin aus Monterrey ging mit zwei Freundinnen auf eine Party. Debanhi kehrte in dieser Nacht nicht nach Hause zurück – und auch nicht in den folgenden. Bei ihren Ermittlungen fand die Staatsanwaltschaft zunächst zwar nicht Debanhi – dafür aber sieben weitere vermisste Frauen und Mädchen. Denn schon seit Anfang des Jahres wird die nördliche Industrieregion Nuevo León von einer Serie von Entführungen und Frauenmorden erschüttert. Doch erst jetzt kommt die dortige Regierung unter Druck – und das ist dem letzten Foto von Debanhi zu verdanken, das in Mexiko eine Welle der Empörung auslöste.

Debanhi und ihre Freundinnen trennten sich auf der Party – ihre Freundinnen nahmen zusammen ein Taxi. Für Debanhi hätten sie einen befreundeten Fahrer gerufen, erklärten sie. Doch der Fahrer brachte das junge Mädchen nicht nach Hause. Debanhi habe früher aussteigen wollen, behauptete er gegenüber ihren Eltern und schickte zur Bestätigung ein unscharfes Foto von 4.24 Uhr. Man sieht darauf eine schlanke, große junge Frau mit weißem Top, schwarzem Mundschutz, langem braunen Rock und Tennisschuhen. Mitten in der Nacht, mutterseelenallein auf der Landstraße von Monterrey nach Nuevo Laredo, die im Volksmund „Todesstraße“ genannt wird, weil sie unter Kontrolle der Drogenkartelle steht.

Das Foto avancierte in den sozialen Netzwerken rasch zum Fanal der Feministinnen und zu einer Anklage gegen den  Machismo und versagende Behörden. „In dem Fall gibt es so viele Zweifel, Unregelmäßigkeiten und Fragen, die von den Behörden nicht beantwortet werden“, kritisierte Leticia Hidalgo, die Gründerin des privaten Suchtrupps für Verschwundene in Nuevo León.

Seit Jahresbeginn verschwanden laut offiziellen Angaben 327 Frauen in Nuevo León, einige von ihnen wurden inzwischen tot aufgefunden, anderen lebend, 33 werden noch vermisst. „Was ist hier bloß los?” fragte Anfang April die auf Feminismus spezialisierte Journalistin Mariana Limón Rugerio in einem Leitartikel. Von den Behörden kamen wenig zufriedenstellende Antworten. Eine auf Frauenentführungen spezialisierte Bande könne  man ausschließen, beeilte sich der lokale Staatsanwalt zu behaupten – ohne das zu begründen. Die Behörden riefen zwar eine Sondereinheit ins Leben. Aber die Ermittlungen kamen nur schleppend in Gang und waren von Pannen überschattet.

Die 27-jährige Buchhalterin Maria Fernanda Contreras beispielsweise verschwand  am 6. April. Ihre Familie konnte ihr Handy lokalisieren und alarmierte die Polizei – doch die traf nie an dem Ort ein. Von den sieben angeblich gefundenen Mädchen und Frauen im Rahmen der Suche nach Debanhi teilten die Behörden nicht einmal mit, ob sie tot oder lebendig aufgefunden wurden.

Im Falle Debanhis fand ihr Vater Mario die wichtigsten ersten Hinweise. Er kontaktierte die Freundinnen, lokalisierte den Fahrer und machte Druck, um die Sicherheitskameras der Unternehmen entlang der Straße zu checken. In ihnen fand er auch schnell eine Erklärung, weshalb seine Tochter aussteigen wollte: Auf den Bildern ist zu sehen, wie der Fahrer nach ihren Brüsten greift und Debanhi dann raschen Schrittes auf die gegenüberliegende Seite der Straße wechselt und auf ein – zu dem Zeitpunkt angeblich unbesetztes – Wächterhäuschen zusteuert.

Man sieht, wie sie sich über ihr Telefon beugt. Was danach passierte, ist bislang unklar. Auf den Sicherheitskameras fehlen laut Escobar die folgenden 10 Schlüssel-Minuten. Vorigen Freitag fanden die Ermittler schließlich die Leiche der 18-Jährigen unweit der Straße in einer alten Wasserzisterne, nachdem die Angestellten des benachbarten Motels auf den Verwesungsgeruch aufmerksam geworden waren. All diese Grundstücke waren in den Tagen davor von Hundertschaften durchkämmt worden. Debanhi starb dem offiziellen gerichtsmedizinischen Bericht zufolge durch einen Schlag auf den Kopf; ob sie Opfer sexueller Gewalt wurde, sei noch unklar.

„Die Gewalt gegen Frauen hat neue Gestalt angenommen“, warnt Limón Rugerio. „Die meisten Morde geschehen nicht mehr im häuslichen Umfeld, sondern auf offener Straße. Und sie nehmen an Brutalität zu.“ Das UN-Komitee gegen gewaltsames Verschwindenlassen verzeichnet seit Beginn der Pandemie einen alarmierenden Anstieg von verschwundenen Kindern, Jugendlichen und Frauen. Verantwortlich dafür sind dem Bericht zufolge die Sicherheitskräfte ebenso wie das Organisierte Verbrechen. Am vergangenen Wochenende gingen in ganz Mexiko tausende auf die Straßen, um Gerechtigkeit für die ermordeten und verschleppten Frauen zu fordern. „Der Staat versagt und verursacht vielen Familien unsägliches Leid. Das wollen wir nicht hinnehmen“, sagte eine der Teilnehmerinnen.

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