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Medien und die Krise, Medien in der Krise : Selbstreflexion wäre ein Anfang

Schlichtweg überfordert: Warum Medien in der Pandemie so wenig Orientierung geben können. Eine Position

Medien und die Krise, Medien in der Krise : Selbstreflexion wäre ein Anfang

Wenn Impfzentren ungenutzt bleiben: Was sagt das aus über die Wahrscheinlichkeit einer vierten Welle? Noch stochern die Medien im…Foto: dpa

Die Krise überfordert nicht nur Politik und Gesellschaft, sondern auch die Medien. Das ist ein ernstes Problem für die Pandemiebekämpfung. Es ist auch ein Problem im Hinblick auf künftige globale Krisen wie den Klimawandel. Wenn die Medien keine Orientierung mehr geben können – wie können wir in einer immer komplexeren, unsicheren Welt dann überhaupt noch den Überblick behalten?

Die journalistischen Medien, so meine These, sind mit der Krise gleich doppelt überfordert. Denn es fehlt ihnen auch die Selbstreflexion, ihre eigene Überforderung zu erkennen. Man könnte sagen, die Medien sind mit sich selbst überfordert, mit ihrer eigenen Rolle in der Welt, über die sie berichten. Als Chefredakteur einer Philosophie-Zeitschrift füge ich hinzu, dass das selbstverständlich auch für mich und mein Medium gilt. Ich kann nur versuchen, diesen Mangel an Selbstreflexion selbst zu reflektieren.

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Medien gelten als „systemrelevant“, ja als „vierte Macht“ in der Demokratie. Schon deshalb müssen sie sich die Frage gefallen lassen, ob sie in der Pandemie einen guten Job machen. Es geht dabei um die fundamentale Frage, welche Aufgabe die Medien in Krisenzeiten überhaupt haben. Doch genau diese Debatte findet nicht oder kaum statt – jedenfalls nicht dort, wo sie eigentlich stattfinden müsste, nämlich in den Medien selbst.

Journalistische Medien verstehen sich meist als Bastionen der Aufklärung und Vernunft. Man erklärt anderen die Welt, geißelt das Unvermögen von Politikern oder kritisiert Missstände in Institutionen. Man könnte sagen, genau das sei die Aufgabe von Medien, von Journalismus: Es geht immer um die Beobachtung der anderen, selten um Selbstbeobachtung. In einer globalen Krise haben die Medien allerdings nicht nur eine Beobachterfunktion, sondern sind auch selbst Teil des gesellschaftlichen Krisenmanagements, wie sich gerade auch in der Berichterstattung zur Hochwasserkatastrophe zeigt. Es sind die Medien, die über die Verbreitung relevanter Informationen entscheiden, die bestimmten Meinungen Raum geben (oder eben nicht), die bestimmte Debatten führen – oder eben nicht.

Medien beeinflussen Menschen

Medien beeinflussen das Denken und Verhalten von Menschen. Und sie erzeugen womöglich auch Handlungsdruck auf die Politik. Man muss nicht so weit gehen wie der Medienforscher Stephan Russ-Mohl, der den Medien in einem „Cicero“-Interview sogar eine „Mitschuld“ an den Lockdowns zuschrieb. Es gibt gute Gründe, die Rolle der Medien in den einzelnen Phasen der Pandemie kritisch zu hinterfragen. Aber mich interessieren hier mehr die grundlegenden Mechanismen der medialen Berichterstattung, auch aus meiner eigenen Erfahrung als „Medienmensch“.

Medien stellen nicht einfach nur Fakten dar, sie wollen nicht einfach nur „sagen, was ist“, wie es in Rudolf Augsteins markigem Leitspruch für den „Spiegel“ heißt. Das ist meiner Ansicht nach eine Selbsttäuschung der Medienleute, die sich gern als neutrale, unbeteiligte Beobachter stilisieren, als unabhängige, autonome Erkenntnissubjekte im Dienste von Wahrheit und Demokratie. Journalistische Medien suchen aber nicht nur nach der Wahrheit, sie fördern nicht nur den rationalen politischen Diskurs, wie Jürgen Habermas sich das vorstellte. Sie kämpfen vielmehr um Auflage und Aufmerksamkeit, sie wollen Macht ausüben, es geht um Unterhaltung und Emotion. Wer die Medienöffentlichkeit primär als Diskursraum sieht, der versteht nicht, wie journalistische Medien tatsächlich funktionieren. Medien bilden die Realität höchst selektiv ab. Das hat noch nichts mit absichtlicher Manipulation oder Vertuschung zu tun. Es liegt vielmehr in der Eigenlogik von Medien, dass sie Fakten auswählen, interpretieren und bewerten, dabei folgen sie bestimmten Interessen und Vorannahmen, die wiederum den Deutungsrahmen für die Fakten liefern. Bei weitem nicht jede wahre und relevante Nachricht ist auch schon eine „gute Geschichte“. In einer komplexen Krise wie der Pandemie ist diese Eigenlogik ein Problem, weil sie zwangsläufig zu „blinden Flecken“ führt und schlimmstenfalls die ganze Berichterstattung verzerrt, wovon man in eben dieser Berichterstattung nichts erfährt.

Wo bleiben Pluralität und Dissens?

Das Problem ist natürlich ebenso wenig neu wie ein gewisser Konformismus in den Medien, der Einförmigkeit erzeugt, wo eigentlich Pluralität und Dissens herrschen sollten. Medien müssen nicht alle Positionen repräsentieren, im besonderen nicht die offenkundig falschen oder gar gefährlichen. Aber sie müssten zumindest die Gründe explizit machen, warum sie das nicht tun.

Medien müssen sich in der Regel nicht für ihre Berichterstattung rechtfertigen. Es fehlt ihnen genau die Transparenz, die sie etwa von der Politik zu Recht fordern. Das ist ein Problem für eine Mediendemokratie, die auf die orientierende Kraft von Medien angewiesen ist.

Wirtschaftlicher Druck

Medien stehen unter wirtschaftlichem Druck, erst recht in der Pandemie, sie haben nur bestimmte und oft sehr begrenzte Ressourcen zur Verfügung. Diese Bedingungen bestimmen auch die Möglichkeiten und Grenzen der Berichterstattung.

Die Medien sind nicht zuletzt auch selbst Teil der sozialen Welt, die sie beschreiben. Das zeigt sich gerade in der Pandemie. Auch Journalisten und Journalistinnen haben Angst um ihre Gesundheit, auch sie sorgen sich vielleicht um ihren Job oder haben Kinder, die sie zuhause „beschulen“ müssen. Zugleich haben viele von ihnen eine vergleichsweise privilegierte Position, die auch ihren Blick auf die Pandemie bestimmt. Wer zuhause arbeiten kann, verliert schnell die Menschen in der Fleischfabrik aus den Augen, die sich nicht so leicht vor Ansteckung schützen können. Zu den noch unverstandenen Einflussfaktoren der Berichterstattung gehören heute auch die digitalen Plattformen, schon allein dadurch, dass Journalistinnen und Journalen auch in ihrer Facebook-Blase oder auf Twitter nach Anerkennung für ihre Beiträge suchen. Zugleich muss ich gestehen, dass ich über die vielen Impfselfies von Medienleuten irritiert bin, während erhebliche Teile der Bevölkerung noch auf ihren Termin warten.

Keine neutralen Beobachter

Die Medien sind nicht die neutralen Beobachter und souveränen Welterklärer, die sie gern wären. Ihre Überforderung entsteht auch daraus, dass sie selbst sich (und wir sie) dafür halten. Die Medien können nicht wissen, wie schlimm die „vierte Welle“ wird, und ob sie überhaupt kommt. Auch ich kann das nicht. Aber wir sollten wenigstens wissen, dass wir es nicht wissen. Aus dieser Einsicht kann vielleicht eine neue Freiheit der Medien wachsen, eine neue gesellschaftliche Verantwortung – und vielleicht auch eine neue Freude am Job.

Der Autor ist Chefredakteur der Philosophiezeitschrift „Hohe Luft“.

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