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Martin Schulz im Podcast „Eine Runde Bundestag“ – Folge 1 : „Politik ist mitleidslos. Das erlebt jetzt Frau Baerbock, das erlebt Herr Laschet“

Martin Schulz kann die Wahlkampfqualen von Annalena Baerbock und Armin Laschet nachfühlen. Ein Spaziergang mit offenen Innensichten – und einer klaren Prognose.

Martin Schulz im Podcast „Eine Runde Bundestag“ - Folge 1 : „Politik ist mitleidslos. Das erlebt jetzt Frau Baerbock, das erlebt Herr Laschet“

Martin Schulz, im Hintergrund das Kanzleramt.Foto: Georg Ismar/Tagesspiegel

Martin Schulz blickt auf das Kanzleramt, da könnte nun Scholz statt Schulz einziehen. Wehmut? „Nein, Wehmut nicht. Auch deshalb nicht, weil ich glaube, dass Olaf Scholz eine gute Chance hat, Bundeskanzler zu werden.“ Hauptsache ein Sozialdemokrat, meint der Kanzlerkandidat von 2017, der einen Höhenflug und Absturz wie Annalena Baerbock erlebte. Und schwarz für Armin Laschet sieht.

Die Corona-Zeit hat auch das Verhältnis zwischen Medien und Politik in Berlin verändert. Früher war es üblich, sich mit Politikerinnen und Politikern in deren Büros auszutauschen.

So etablierte sich in der Pandemie der Spaziergang im Parlamentsviertel an der frischen Luft. Quasi eine Runde um den Bundestag.

Vor der Bundestagswahl am 26. September greifen wir dieses Phänomen auf und treffen verschiedenste Abgeordnete, um zu erfahren, wie sie auf die Parlamentsarbeit und gesellschaftliche Umbrüche blicken.

In der ersten Podcast-Folge (Produktion: Markus Lücker) spricht Martin Schulz, langjähriger Präsident des Europaparlaments und danach SPD-Chef, darüber, warum er kein Mitleid mit Armin Laschet und Annalena Baerbock hat. Über seinen größten Fehler im Wahlkampf, falsche Berater und welche Romane er als ehemaliger Buchhändler zur aktuellen Lage empfiehlt:

Martin Schulz geht um das Paul-Löbe-Haus Richtung Spree und sagt mit Blick auf die Kanzlerkandidaten von Union und Grünen:. „Gerade die Politik ist mitleidslos. Das habe ich selbst erlebt. Das erlebt jetzt Frau Baerbock, das erlebt Herr Laschet. Aber jeder Wahlkampf ist ein Unikat.“ Was aber immer eine Gefahr sei: „Es wird alles aus dem Kontext gerissen.“ Der Mann hadert manchmal mit dem politischen Berlin. Brüssel mit seiner Internationalität, der vielschichtigen inhaltlichen Arbeit, war ihm mehr politische Heimat. „Bei Laschet und Baerbock ist das, was die jetzt erleben, Quell ihres eigenen Verhaltens“, meint Schulz. „In dem Moment, wo die mediale Berliner Blase gerochen hat, ja, da kannst du was rausholen, da geht’s bergab.“

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Der Fluch mit den Beratern

Zwar seien bei Baerbock „diese angeblichen Plagiate Kinkerlitzchen“. Nur hole sie ein, dass die Grünen sich nicht als Moralapostel aufführen dürften und dann sich selbst ertappen ließen. „Die Grünen tragen ihre Moral wie eine Monstranz vor sich her. Und am Ende stellt sich raus: Es sind auch nur einfache Menschen.“

Schulz geht über die Bogenbrücke, die am Band des Bundes die Spree überspannt. Kommt man aus so einer Misere raus? Weniger auf Berater und Meinungsforscher hören, sagt Martin Schulz. Die hätten ihm den ganzen Tag etwas geraten, irgendwann sei er nicht mehr Martin Schulz gewesen. Weil er sich von seinem Kernthema Europa etwas abgewandt habe? „Ein bisschen ist untertrieben. Ich habe es ganz liegen lassen. Das war einer der größten Fehler.“

Martin Schulz im Podcast „Eine Runde Bundestag“ - Folge 1 : „Politik ist mitleidslos. Das erlebt jetzt Frau Baerbock, das erlebt Herr Laschet“

Martin Schulz und Olaf Scholz im Deutschen Bundestag.Foto: Geisler-Fotopress

Ein Meinungsforscher entschuldigt sich

Ein Meinungsforscher hätte nach der Bundestagswahl wenigstens den Mut aufgebracht, ihn anzurufen und zu sagen: „Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen, ich habe Sie falsch beraten. Sie hätten Ihr Europa-Thema vorantreiben müssen, das war das Thema, mit dem man Sie am meisten identifiziert hat.“

Schulz’ Geschichte erzählt auch etwas über die neue Geschlossenheit der Sozialdemokraten, die ein Stück weit den aktuellen Höhenflug erklärt. Wo es früher ständige Zweifel am Kandidaten gab, erlebt das derzeit Armin Laschet bei der Union. Schulz vermisste bei Scholz in seiner Zeit als Kanzlerkandidat eine ehrliche Unterstützung, er warf seinen Strategen vor, gegen ihn zu arbeiten. In den Koalitionsverhandlungen 2018 mit der Union wirkte Schulz entmachtet, musste den Vorsitz schließlich abgeben. Es kam zum Pakt zwischen Scholz und Andrea Nahles.

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Schulz und Scholz haben sich versöhnt

Heute unterstützt er den SPD-Kanzlerkandidaten Scholz bedingungslos. Warum? „Ich bin in die SPD eingetreten, weil ich von der Idee der Partei überzeugt war, die Idee der Sozialdemokratie, die Idee der gleichberechtigten Menschen, die auf der Grundlage von gegenseitigem Respekt, von Würde und Toleranz eine Gesellschaft des gleichberechtigten Zugangs zu den öffentlichen Gütern schaffen will.“ Eine solidarische und demokratische Gesellschaft sei sein Ziel und dieses Ziel teile er mit Olaf Scholz.

„Es gibt unterschiedliche Temperamente, es gibt unterschiedliche Lebenserfahrungen und in der Politik sind auch Positionskämpfe ganz normal“, betont der aus dem Bundestag ausscheidende Vorsitzende der Friedrich-Ebert-Stiftung. „Aber am Ende geht es dann darum zu sagen: Wer von uns aus unserer Mitte kann am ehesten diese Idee umsetzen? Wer wird am ehesten das Vertrauen der Bevölkerung dafür gewinnen?“ Das sei heute „der Olaf“.

Es geht jetzt unten am Marie-Lüders-Haus vorbei, am Spreeufer entlang, es gibt ein Model-Fotoshooting, Bürger winken Schulz von einem Ausflugsschiff zu. Er hat schon im Mai bei einem Spaziergang, damals erschien ein Kanzler Scholz vielen als Witz, gesagt: Vergesst mir den Olaf nicht, der werde noch eine Rolle spielen.

Er mag auch von der Schwäche der Anderen profitieren – und Scholz inszeniert sich als männliche Fortsetzung von Angela Merkel.

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Für Laschet sieht er schwarz

Schulz sieht – nach seinen eigenen Erfahrungen – für Armin Laschet keine Chance mehr. Beide gleichen sich im Übrigen nicht nur in der leutseligen rheinländischen Art, sondern auch in der schnellen Angefasstheit. „Wenn die eigenen Leute anfangen, an dir zu zweifeln, dann wird es extrem schwierig.“ Die Union rede 30 Tage vor der Wahl über das Auswechseln des Kandidaten. „Wie willst du dann dem Volk sagen: Bitte wählt ihn – wenn Du ihn selbst auswechseln willst?“ Das wirke wie eine Bankrotterklärung.

Eine Buchempfehlung vom früheren Buchhändler

Schulz hat nun zwar 27 Parlamentsjahre hinter sich mit dem Höhepunkt Brüssel mit den unterschiedlichsten Kulturen, Traditionen, historischen Hintergründen, aber seine Zeit als Buchhändler zuvor prägt ihn bis heute.

Seine aktuellen Tipps? Der Roman Hard Land von Benedict Wells. Und zur Lage in Deutschland empfiehlt er von Juli Zeh „Über Menschen“, über eine Frau, die raus zieht aufs Land nach Brandenburg, um Abstand zu ihrem Freund zu gewinnen, der immer mehr zum Klimaaktivisten wird und sich in der Corona-Pandemie als Verfechter der staatlichen Maßnahmen weiter radikalisiert. Auf dem Land erfährt sie ganz andere Sichtweisen. Auch Schulz beschäftigten die zunehmenden Stadt-Land-Differenzen seit Jahren: „Was ich mir hier in Berlin habe anhören müssen darüber, dass ich aus Würselen komme. Von Leuten, die finden, ihr Kiez hier in Berlin ist der Nabel der Welt“, berichtet Schulz. „Und wie diese Leute darüber nicht merken, dass sie eigentlich auch provinziell sind. In der Provinz leben teilweise kosmopolitischere Leute als in diesem selbstgefälligen Milieu.“

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