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Malen statt Zahlen in Berlin : Lehrermangel gefährdet die Förderung von Schülern mit Behinderung

In Berliner Schulen nimmt der Anteil der Kinder mit geistigen Behinderungen zu. Doch der Lehrermangel führt zu Abstrichen bei der Inklusion.

Malen statt Zahlen in Berlin : Lehrermangel gefährdet die Förderung von Schülern mit Behinderung

Inklusion in Gefahr: Auch Schülerinnen und Schüler mit besonderem Förderbedarf leiden unter dem Mangelsystem Berliner Schule.Foto: dpa/Maurizio Gambarini

Der Lehrermangel in Berlin wird zu einem Risiko für den gesetzlichen Anspruch auf schulische Inklusion. Davor haben am Dienstag die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sowie der Beirat für Menschen mit Behinderung gewarnt.

Sie beanstanden, dass Schulen zunehmend gezwungen seien, den Mangel durch Abstriche bei der sonderpädagogischen Förderung zu kompensieren. Elternvertreter berichteten auf der Veranstaltung in der GEW-Zentrale, dass es Familien gebe, die sich um häusliche Beschulung bemühen, um ihre Kinder besser fördern zu können.

Dass der Lehrermangel auf Kosten der Qualität von Inklusion geht, wurde bereits im Mai deutlich, als die Senatsverwaltung für Bildung bekanntgab, dass die Aufgaben der Sonderpädagogen zum Großteil von weniger qualifizierten „Pädagogischen Unterrichtshelfern“ übernommen werden könnten, falls die Sonderpädagogen nicht reichten. Diese Ankündigung hatte dermaßen viel Protest ausgelöst, dass die Bildungsverwaltung die entsprechende Formulierung in der Vorschrift für die Personalzumessung kurz vor den Sommerferien änderte.

Nun heißt es wieder, dass theoretisch alle acht Förderstunden, die Autisten, Gehörlosen oder Kindern mit dem Förderbedarf geistige Entwicklung zustehen, von Sonderpädagogen gegeben werden könnten. Allerdings gibt es in der Vorschrift einen Zusatz, der besagt, dass dies nur gilt, wenn es genug Fachpersonal gibt. Andernfalls können alle acht Stunden von mehr oder weniger fortgebildeten Unterrichtshelfern erteilt werden.

Was das bedeutet, machte Anne Lautsch vom Berliner Bündnis für schulische Inklusion deutlich: „Dann werden im Nebenraum eben Mandalas gemalt oder Benjamin-Blümchen-Kassetten gehört“, anstatt dass eine gezielte Förderung stattfinde. Eltern könnten „das Wort Mandala schon nicht mehr hören“.

Der Anteil an Kindern mit geistiger Behinderung nimmt seit Jahren zu

Dadurch gehe den Kindern viel verloren. Denn es gebe beispielsweise gute Programme, mit denen Kinder trotz kognitiver Einschränkungen Rechnen lernen könnten. Die entsprechenden Fortbildungen würden aber nicht reichen.

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Tatsächlich hatte sich die Bildungsverwaltung wegen des Personalmangels gezwungen gesehen, die Fortbildungsangebote für Pädagogische Unterrichtshelfer (PUs) zu halbieren. Die GEW rechnete am Dienstag vor, dass es viele Jahre dauern werde, bis alle zurzeit tätigen „PUs“ fortgebildet seien.

Ganz zu schweigen von den Unterrichtshilfen, die in den kommenden Jahren neu hinzukommen müssten, um den Bedarf zu decken. Denn der Bedarf steigt enorm. Insbesondere der Anteil der Kinder mit geistiger Behinderung nimmt seit Jahren zu. Sie sind es, die die stärkste Unterstützung benötigen. Längst werden wieder neue Förderzentren für diese Kinder gebaut, weil sie nicht alle inkludiert werden können.

„Wir beobachten Rückschritte der schulischen Inklusion“

Diese Entwicklung wird vom Landesbeirat für Menschen mit Behinderung stark kritisiert. Er fordert mehr Anstrengungen – auch im Hinblick auf die Studienplätze für Sonderpädagogen. Dazu sagte ein Sprecher der Bildungsverwaltung, dass seine Behörde im Rahmen der Verhandlungen zu den aktuellen Hochschulrahmenverträgen entsprechende Ansprüche angemeldet habe.

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Besonders unzufrieden ist der Beirat aber über die dem Mangel geschuldete Verschiebung der Betreuung weg von den Sonderpädagogen hin zu den Unterrichtshelfern. Dies bedeute eine „Ungleichbehandlung, die einer einzelnen Gruppe massiv Chancengleichheit versagt“, kritisierte die Vizevorsitzende des Landesbeirats für Menschen mit Behinderungen, Gerlinde Bendzuck. Inklusive Bildung sei „keine Kür, sondern Pflicht sowie Anspruch und Recht“ gemäß der UN-Behindertenrechtskonvention. „Wir beobachten Rückschritte der schulischen Inklusion.“

Bendzuck kritisierte außerdem, dass die Interessenvertretung der Menschen mit Behinderungen nicht beteiligt wurde, obwohl eine Beteiligung im Landesgleichberechtigungsgesetz vorgeschrieben sei. Auch das Deutsche Institut für Menschenrechte sehe einen Verstoß gegen die Beteiligungspflicht und spreche sich dafür aus, eine Verbandsklage gegen die veränderte Vorschrift auf den Weg zu bringen.

Plätze an Förderzentren sind rar

Anne Lautsch vom Bündnis für schulische Inklusion berichtete, es gebe „viele verzweifelte Eltern, die sich gezwungen sehen, ihr Kind an einer Förderschule anzumelden oder dorthin zu wechseln, obwohl sie sich für ihr Kind eine wohnortnahe inklusive Schule wünschen und eigentlich auch den Anspruch darauf haben“. Angesichts der fehlenden Ressourcen und noch schlechterer Bedingungen an Regelschulen aufgrund der vorgesehenen Änderungen fürchtet sie gravierende Verschlechterungen, zum Beispiel dass noch mehr Kinder nur verkürzten oder gar keinen Förderunterricht mehr haben.

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Hinzu komme, dass auch die Plätze an Förderzentren rar seien. In einigen Berliner Bezirken müssten Kinder auf Förderzentren in Nachbarbezirken oder gar nach Brandenburg ausweichen.

Der von Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD) neu eingesetzte Vorsitzende des Fachbeirats Inklusion, Mario Dobe, kündigte gegenüber dem Tagesspiegel an, dass er bei der Sitzung des Beirates am 13. September das Thema aufgreifen und mit dem Bündnis für schulische Inklusion in Austausch treten wolle.

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