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Literatur aus der Ukraine : Verachtung mit Wörtern zeigen

Wie man den Krieg in Sprache fasst: In den Büchern des ukrainischen Schriftstellers Serhij Zhadan steht all das, was derzeit in der Ukraine passiert.

Literatur aus der Ukraine : Verachtung mit Wörtern zeigen

Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan. Er wurde 1974 in Luhansk in der Ost-Ukraine geboren.Foto: imago/Leemage

Vor ein paar Wochen, im Januar, als an der Grenze Russlands zur Ostukraine die russischen Truppen massiert aufmarschiert waren, hatte Serhij Zhadan in einem Beitrag für die „FAZ“ geschrieben, dass für ihn der Krieg „so oder so schon seit 2014“ andauere, „auch wenn manch einer dazu neigt, das nicht zu bemerken.“

Nun hat es mit dem gewaltsamen Eindringen der Russen in die Ukraine am 24. Februar die ganze Welt bemerkt, und Zhadan, der 1974 in Luhansk geboren wurde, harrt seitdem im ostukrainischen Charkiw aus, arbeitet, organisiert Hilfstransporte, versucht, sich und seine Familie zu schützen.

Wer wissen möchte, wie es in der Ukraine gerade zugeht, wie der Krieg dort in den Alltag eingedrungen ist und was er mit den Menschen macht, und das nicht erst seit zweieinhalb Wochen, wovon man sich bei den vielen medialen Kurzsequenzen kaum ein komplexes Bild machen kann, sollte Zhadans Bücher lesen, seine Gedichte und Romane, die man mitunter schon als Kriegsgedichte oder Kriegsromane bezeichnen kann.

Auf Schritt und Tritt Soldaten

So wie sein jüngster Roman „Internat“, der davon erzählt, wie Pascha, der von Beruf Lehrer ist, versucht, seinen 13 Jahre alten Neffen aus einem Internat zu holen, weil Krieg ist. Drei Tage bewegt sich der russischsprachige Ukrainisch-Lehrer durch eine vom Krieg beherrschte, namenlose Stadt, wo er in ständiger Lebensgefahr ist und ihm auf Schritt und Tritt Soldaten begegnen: „Hier aber gibt es unglaublich viele, und von ihnen geht ein so undefinierbarer Geruch aus – nach Schmutz und Eisen, Tabak und Pulver.“

Aber nicht nur Soldaten trifft Pascha, auch Frauen und Kinder, die fliehen wollen, Menschen, die in Kellern sitzen, Ärzte, die sich um Verwundete kümmern, Tote. Pascha ist Zivilist, er gehört keiner Kriegsseite an, glaubt, sich raushalten zu können und wird dann, als er endlich im Internat gelandet ist, von einer der Lehrerinnen dort gefragt: „Und wenn jemand auf ihren Neffen schießt – sind Sie dann auch auf niemandes Seite?“

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Schon vor diesem Roman hatte Serhij Zhadan – nach der 2015 erschienenen Liebeserklärung an Charkiw, „Mesopotamien“– einen Band mit „Gedichten und Prosa aus dem Krieg“ über seine Reisen in die umkämpfte Ostukraine geschrieben, „Warum ich nicht im Netz bin“. Diesem Band ließ er 2020 mit „Antenne“ einen weiteren folgen. Darin arbeitet er zum einen den Tod seines Vaters, zum anderen versucht er einmal mehr, den Krieg mit der Sprache zu fassen.

„Wir halten es für fahrlässig, über uns zu schweigen“

Eins von den Gedichten heißt „Seit drei Jahren reden wir über den Krieg“, und mit diesem Satz beginnt auch die zweite Strophe, in der es weiter heißt: „Wir haben gelernt, über unsere Vergangenheit zu sprechen / und über Krieg. / Wir haben gelernt, Pläne zu machen, ausgehend vom / Krieg. / Wir haben Wörter, um unsere Wut zu äußern. / Wir haben Wörter, um unser Mitleid zu äußern. / Wir haben Wörter, um unsere Verachtung zu zeigen. / Wir haben Wörter für Flüche, für Gebete, / wir haben alle unverzichtbaren Wörter, / um in den Zeiten des Krieges über uns zu sprechen. / Es ist uns sehr wichtig, in Zeiten des Krieges über uns zu / sprechen. / Wir können nicht anders, als in den Zeiten des Krieges über uns zu sprechen. / Wir halten es für fahrlässig, über uns zu schweigen.“

Serhij Zhadan schreibt über die Gefühle der Ohnmacht, der Bedrohung, über die Illusionen, die man sich in Kriegszeiten trotz allem macht, über die Worte, die man zu formulieren versucht, die Sprache, die man womöglich nicht mehr hat.

Es hat schon auch etwas Verzweifeltes, im höchsten Maß Desillusioniertes, nicht zuletzt in eigener Sache und der seiner großen, verstorbenen Kollegen, wenn er einmal konstatiert: „Wen haben ihre Worte interessiert? / Es ist hoffnungslos, sich hinter der großen / toten Literatur zu verstecken, / wenn man Menschen gegenübersteht, / die in den Tod gehen. / Hoffnungslos, /unfair.“ Und trotzdem hat man den Eindruck, dass Serhij Zhadans Bücher visionär sind, man ihnen all das formuliert findet, was dieser Tage in der Ukraine passiert.

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