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Leak eines russischen Geheimagenten : „Niemand in Russland war auf so einen Krieg vorbereitet“

Ein FSB-Offizier erklärt den russischen Krieg gegen die Ukraine für gescheitert. Doch das bedeute längst nicht das Ende des Blutvergießens.

Leak eines russischen Geheimagenten : „Niemand in Russland war auf so einen Krieg vorbereitet“

Ein Soldat der ukrainischen Armee bewacht seine Stellung in Irpin, Ukraine. Die Waffenruhe, die für Sonntag in der ukrainischen…Foto: dpa/Diego Herrera

Teile des russischen Inlandsgeheimdienstes sehen offenbar so gut wie keine Erfolgschancen für Russland im Krieg gegen die Ukraine. Darauf lässt ein Leak eines Offiziers des Inlandsgeheimdienstes FSB von vergangener Woche schließen.

Bei dem Leak handelt es sich um Informationen, die ein FSB-Offizier öffentlich machen will. Der Offizier erklärt die russischen Invasionspläne für gescheitert und prognostiziert einen wirtschaftlichen Zusammenbruch Russlands. Außerdem hält der FSB-Offizier einen internationalen Konflikt für wahrscheinlich – inklusive des Einsatzes von „lokalen“ Atomwaffenschlägen.

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Das Schreiben wurde am vergangenen Freitag vom Gründer der NGO „Gulag.net“, Vladimir Osechkin, auf Facebook veröffentlicht. Die NGO setzt sich für die Aufklärung von Korruptionsfällen und Folterverbrechen durch den russischen Staat ein.

Osechkin, der im Exil in Frankreich lebt, bestätigte dem Tagesspiegel die Authentizität des Leaks und machte nachvollziehbar, dass er die Identität des FSB-Offiziers kennt und ihn als glaubwürdig einschätzt.

Auch der russische Investigativjournalist und Geheimdienstexperte Andrej Soldatov gab gegenüber dem Tagesspiegel die Einschätzung ab, dass der Leak authentisch ist.

Unabhängig von den Recherchen des Tagesspiegels wurde die Authentizität des Schreibens auch dem Investigativjournalisten Christo Grozev vom Recherchenetzwerk Bellingcat durch Kontakte im russischen Inlandsgeheimdienst bestätigt. Zwei seiner Quellen beim FSB hätten „keine Zweifel“, dass der Text von einem Kollegen verfasst worden sei.

„Niemand wusste, dass es einen solchen Krieg geben würde“

Der anonyme FSB-Offizier schreibt in dem Leak, dass „niemand [vom FSB, Anm. d. Red.] wusste, dass es einen solchen Krieg geben würde, sie haben es vor allen verheimlicht.“ Hätte der FSB vom Krieg gewusst, glaubt der Agent, hätte man den Kreml darauf hinweisen können, „dass der ursprüngliche Plan fragwürdig ist und es eine Menge zu prüfen gibt“.

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Der FSB-Offizier schreibt außerdem, dass „niemand“ auf westliche Sanktionen in diesem Ausmaß, wie sie nun in Kraft sind, vorbereitet war: „Niemand wusste, dass es einen solchen Krieg geben würde, also bereitete sich auch niemand auf solche Sanktionen vor.“

Die Sanktionen sieht er in der aktuellen Phase des Krieges als kritischen Punkt: Er halte es nicht für ausgeschlossen, dass Putin gegenüber der EU und der Nato eine Minderung der Sanktionen fordern wird – andernfalls könne er drohen, einen Krieg gegen die Nato zu beginnen. „Ich schließe nicht aus, dass wir dann in einen echten internationalen Konflikt geraten, wie es Hitler 1939 tat.“

Russland könne seine Ziele unmöglich noch erfüllen

Zur russischen Kriegsführung in der Ukraine hat der FSB-Offizier eine ganz klare Meinung: „Der Blitzkrieg“, wie der Agent den russischen Versuch eines schnellen Sieges über die Ukraine nennt, „ist gescheitert.“ Es sei unmöglich, die russischen Ziele jetzt noch zu erfüllen, schreibt er.

Der Plan, die Ukraine schnell zur Kapitulation zu zwingen, wäre nur aufgegangen, wenn das russische Militär den ukrainischen Präsidenten Wolodomyr Selenskyj und seine Regierungsbeamten innerhalb der ersten drei Kriegstage festgenommen hätte. Diese Einschätzung deckt sich auch mit Berichten von den US-Geheimdiensten, wonach Wladimir Putin unzufrieden über den Verlauf der russischen Invasion sei.

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Doch selbst wenn das russische Militär jetzt noch eine pro-russische Regierung in der Ukraine installieren würde, wie könnte das russische Militär dann seine Macht dort halten? Der FSB-Agent geht in einem solchen Fall von enormem Widerstand durch die ukrainische Bevölkerung aus.

Russische Opferzahlen sollen unbekannt sein

Eine langfristige russische Besetzung der Ukraine hält er für logistisch unmöglich: „Woher sollen wir so viele Menschen nehmen? Kommandeure, Militärpolizei, Spionageabwehr – selbst bei minimalem Widerstand der Bevölkerung brauchen wir 500.000 Personen oder mehr.“

So viele Russen für eine Besetzung der Ukraine mobilisieren zu können, hält der FSB-Agent für sehr unwahrscheinlich. Eine flächendeckende Mobilisierung russischer Soldaten würde zu politischen und sozialen Umbrüchen in Russland führen. Zudem sei die russische Kriegslogistik schon heute überlastet.

Ein weiterer schockierender Aspekt des Leaks: Russland wisse nicht, wie hoch die bisherigen Verluste im Krieg seien. „In den ersten beiden Tagen gab es noch Kontrolle, jetzt weiß niemand mehr, was los ist.“ Selbst die russischen Befehlshaber vor Ort wüssten nicht, „wie viele von ihnen herumlaufen, wie viele gestorben sind, wie viele gefangen genommen wurden.“

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Er schätzt die Zahl der russischen Opfer auf bis zu Zehntausend. „Vielleicht 10.000, vielleicht 5.000, vielleicht auch nur 2.000“, schreibt der anonyme FSBler. Die Zahl der Opfer werde exponentiell ansteigen, prognostiziert er.

Das ukrainische Militär spricht inzwischen von mehr als 10.000 für die russische Armee verloren gegangenen Soldaten, sei es durch Tod, Verwundung oder Flucht. Russland selbst spricht von einigen hundert. Unabhängig überprüfen lassen sich diese Zahlen nicht.

Widerstand in der ukrainischen Bevölkerung sei zu groß

Selbst, so schreibt der Agent, wenn Russland Selenskyj töten würde, „wird das nichts ändern“. Der Hass auf Russland sei so groß wie in Tschetschenien. Russland führte in den Neunziger und Nuller Jahren zwei Kriege gegen Tschetschenien, die beide als äußert blutig gelten.

Auch in der Ukraine zeichnet sich eine brutale russische Kriegstaktik, wie auch schon im Syrienkrieg ab: Das Bombardement von Zivilisten und Evakuationskorridoren, um möglichst großen Schaden beim Gegner anzurichten und ihn zu demoralisieren. Das habe zur Folge, so der FSBler, dass „sogar diejnigen, die uns gegenüber loyal waren, jetzt gegen uns sind.“

Leak eines russischen Geheimagenten : „Niemand in Russland war auf so einen Krieg vorbereitet“

Der ukrainische Praesident Wolodymyr Selenskyj inszeniert sich als stark und durchhaltefähig.Foto: IMAGO/sepp spiegl

Der FSB-Agent gibt Russland eine Frist bis Juni. Dann werde der Krieg massive Probleme für Russland aufwerfen. Warum bis Juni? „Bis dahin haben wir keine Wirtschaft mehr, wir haben nichts mehr.“ Die Situation sei bereits so sehr aus den Fugen geraten, dass sich nichts mehr berechnen ließe. „Das ist Poker.“ Russland habe keinen Ausweg mehr. „Wenn wir verlieren, dann war’s das, dann sind wir am Ende.“

Wird Putin den roten Knopf drücken?

Den – lokalen – Einsatz von Atomwaffen schließt der FSB-Agent ebenfalls nicht aus. „Nicht zu militärischen Zwecken, sondern um einzuschüchtern.“ Er schreibt außerdem, dass Russland der Ukraine einen vermeintlichen, heimlichen Besitz von Atomwaffen nachweisen wolle.

Die Ukraine ist seit 1996 atomwaffenfrei und hatte bis dahin all ihre Atomwaffen, die noch aus Sowjetzeiten dort lagerten, an Russland zurückgegeben. Der FSB-Agent hält es allerdings für unwahrscheinlich, dass Russland auch nur annährend Beweise dafür finden würde, da der Bau von Atomwaffen vor der Weltgemeinschaft nicht unbemerkt bleiben könne.

Seinen Leak beendet der Agent mit einem Hinweis zu Putins Bereitschaft, „den roten Knopf zu drücken“, also einen weltweiten Atomkrieg anzuzetteln.

Dieses Szenario hält der FSBler aber für unwahrscheinlich, zumal Putin eine solche Entscheidung nicht allein treffen könne. „Es gibt nicht den einen einzigen roten Knopf“, schreibt er. Zudem äußert er Zweifel daran, dass Russlands Atomwaffen noch intakt seien. Den Leak beendet der Agent mit den Worten: „Alles geht den Bach herunter.“

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