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Léa Seydoux in der TV-Satire „France“ : Ein Leben für die Quote

Die totale Medienblase: Frankreichs Extrem-Regisseur Bruno Dumont erzählt von der gnadenlosen Heimsuchung eines Fernsehstars.

Léa Seydoux in der TV-Satire "France" : Ein Leben für die Quote

Kriegsreporterin mit eigenem Nighttalk: Léa Seydoux ist der TV-Star France de Meurs.Foto: dpa/MFA

Hast du das im Kasten, war ich gut? Wenn die TV-Reporterin France de Meurs aus Kriegsgebieten berichtet, fragt sie ständig nach dem Feedback des Kameramanns. Alles muss sitzen, die Frisur unter dem Schutzhelm, der Satz ins Mikro, die Action. Rauchende Ruinen, explodierende Granaten, je näher, desto lieber.

Journalismus ist Inszenierung: Die arabischen Milizen sollen ihre Waffen etwas höher recken, und das Flüchtlingsboot auf dem Mittelmeer mit France in Schwimmweste zwischen den Migranten soll bitte schön schaukeln. Und gleich den Take nochmal.

France de Meurs ist ein Medienstar, mit eigenem Night-Talk, „Der Blick auf die Welt“. Bei der Pressekonferenz im Élysée-Palast spricht Emmanuel Macron sie persönlich an. Mit einer Fangfrage führt sie ihn vor, ihre Producerin Lou (die Comedienne Blanche Gardin, großartig, mit E-Zigarette) feuert sie Backstage mit obszönen Gesten an. Kurzer Check der Quote und der Klickraten: France geht mal wieder viral. Genial, du bist genial, Lous Mantra wird häufig zu hören sein in diesem Film.

Frankreichs Top-TV-Star wird von Léa Seydoux verkörpert, Frankreichs aktuell 36-jährigem Top-Kinostar. Beim Filmfest in Cannes 2021 war Bruno Dumonts bitterböse Mediensatire nur eine von vier Produktionen mit der jetzt 36-jährigen Schauspielerin im Festivalprogramm.

Dumont schiebt die Images in seiner bitterbösen Medienfarce untrennbar übereinander, das des zweifachen „Bond- Girls“ und das der gehypten Journalistin, die ihre Auftritte in eleganten Outfits (Seydoux trägt in jeder Szene ein anderes) absolviert und von ihren Fans ständig um Autogramme und Selfies gebeten wird.

Doppeltes Star-Image, eine undurchdringliche Ikone: der TV-Star France und ihre Darstellerin Léa Seydoux

Die weniger karikatureske als ikonische Anmutung wird durch Seydoux‘ faszinierende Undurchdringlichkeit noch befördert. Immer wieder zoomt die Kamera auf ihr wächsernes, wie imprägniertes Gesicht, sehr langsam, auratisch: Im Lauf des Films wird es zunehmend blasser. Der lange Zoom: großes Kino, und zugleich TV-Routine. Seydoux hält dabei die Balance zwischen Person und Persona: Sind die Tränen, die France vergießt, als ihr Leben von Krisen gebeutelt wird und sie vor laufender Kamera aus der Fassung gerät, authentisch oder nur die perfekte Suggestion „echter“ Gefühle?

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Es gibt keine Wirklichkeit diesseits der Medienblase, schon gar keine Wahrheit. Dumonts Hyperrealismus bleibt umfassend, da ist der Antimoralist unter Frankreichs Autorenfilmern genauso radikal wie in seinen frühen Filmen, seinem Debüt „Das Leben Jesu“ (1997) und „L’humanité“ (1999), in denen er den Sozialrealismus ins Extrem trieb – mit religiösen Konnotationen. Jetzt also die Heimsuchung einer TV-Celebrity.

Wobei der vermeintliche Einbruch der Realität France zwar aus der Bahn wirft, aber nur, um ihre Popularität noch zu steigern. Im Pariser Verkehrschaos fährt sie einen marokkanischen Motorrad-Lieferanten an: Ihr privater Besuch bei dessen Familie wird von Paparazzi verfolgt. Sie leidet an Depressionen: In der Alpenklinik kommt sie einem angeblichen Lateinlehrer näher, der sich jedoch als Klatschreporter entpuppt. France de Meurs im Luxus-Spa, noch eine auflagenträchtige Story. Die kaltschnäuzig-obszönen Sprüche von Lou und France, die wegen eines versehentlich gedrückten Knopfs in der Sendezentrale on air gehen: Auf den Shit- storm folgt der nächste Hype.

„Das Schlimmste ist das Beste“, kommentiert Lou die Gesetze der öffentlichen Aufmerksamkeit.

Keine Katharsis: Wie ferne Echos hallen Motive aus Dumonts frühen Provinzdramen in „France“ wider

Auch visuell herrscht in „France“ die totale Künstlichkeit, vom kühlen Studiodesign über Autofahrten vor Hintergrund-Projektionen bis zur düster-barocken Ausstattung von Frances Appartement, das sie mit ihrem Schriftsteller- Vorzeigegatten (Benjamin Biolay) und ihrem verzogenen Sohn (Gaetan Amiel) mehr teilt, als dass die Familie tatsächlich zusammenlebt. Und die private Tragödie, die Dumont seiner Protagonistin im letzten Filmdrittel zumutet, wird in derart effektvoller Slowmotion ins Bild gesetzt, dass die Inszenierung einmal mehr den Plot überhöht. Auch das Familiendrama katapultiert France nicht aus ihrer Bubble hinaus.
Noch die existentiellste Verunsicherung bleibt Teil jenes kühlen Kalküls, mit dem Dumont sein Publikum irritiert. Beim Charity-Dinner reagiert France auf das Bonmot ihres Tischnachbarn „Geben macht reich“ – Kapitalismus bedeutet, sich den Mitmenschen zu schenken, so dessen Erläuterung – mit vorzeitigem Verlassen des Events. Gibt ihr der Satz tatsächlich zu denken oder sind die horrenden Summen, mit denen sie die Familie ihres Opfers bedenkt, nur Symptom ihrer Realitätsferne?

Am Schluss steht sie nach dem Interview mit der Ehefrau eines Kinderschänders („Ich habe mit einem Monster gelebt“) betroffen am Tatort. Diesmal gibt sie keine Autogramme – aus Empathie, oder weil es nicht zur „Betroffenheit“ passt?

[Ab Donnerstag läuft „France“ in den Berliner Kinos b-ware! Ladenkino, Cinema Paris, Delphi Lux, fsk, Hackesche Höfe, Wolf. Alle Omu]

Die Provinzdramen, mit denen Dumont, Jahrgang 1958, anfangs Furore machte, sind rüde Filme über Gewalt, Trostlosigkeit und eine Jugend ohne Zukunft, gedreht in seinem Heimatdorf Bailleul und der Region unweit von Lille. Motorradfahrer spielen darin öfter eine Rolle. In „L’humanité“ geht es um einen Sexualmord an einer Elfjährigen: Motive, die wie ferne Echos in „France“ widerhallen. Schon France‘ Kollision mit dem Marokkaner lässt sich auch als Zusammenstoß mit einem der früheren Dumont-Helden sehen, und auch das Interview mit der Ehefrau des „Monsters“ führt France in der Nähe von Lille.

Eine gottverlassene Gegend, in der sie ein eher abgehalftertes TV-Team im Schlepptau hat – es gab wohl doch einen Karriereknick. Aber ihre Wahrnehmung prekärer Existenzen bleibt so professionell („Jetzt die Gegenschnitte“), wie der finale Anblick eines aggressiven jungen Mannes zurück in Paris sie überfordert. Dumont bleibt dabei, er verweigert jede Katharsis. Keine Erlösung, damals wie heute.

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