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Komische Oper Berlin : Ein Knish wird kommen

Magisch, melancholisch, aber auch manchmal monoton: Barrie Kosky verabschiedet sich mit einer „All-Singing, All-Dancing Yiddish Revue“ als Intendant der Komischen Oper Berlin.

Komische Oper Berlin : Ein Knish wird kommen

Finalszene von „Barrie Kosky’s All-Singing, All-Dancing Yiddish Revue“.Foto: Monika Rittershaus

Wenn Claudia Roth spricht, fühlt man sich schnell hinweggewaschen von der Empathie ihrer Sprache, ihrem weltumarmenden Mitgefühl. Für eine Politikerin kultiviert sie einen wirklich ungewöhnlichen, wenngleich natürlich seit Jahrzehnten bekannten Ton. Toll, dass die Kulturstaatsministerin zum Abschied von Intendant Barrie Kosky an der Komischen Oper eine Eröffnungsrede hält. Fünf Minuten lässt man sich sich davon gerne mittragen, danach überzuckert es. Ein kongenialer Nachfolger Walter Felsensteins sei Kosky gewesen, und: „Berlin ist durch ihn sexier geworden“ – augenzwinkerndes verbales Anstupsen an Klaus Wowereit.

Keine Oper als Finale, keine Operette – sondern eine Revue

Abschied? Nicht wirklich. Die Spielzeit läuft noch bis 10. Juli, und auch danach wird Kosky als Regisseur an der Komischen Oper präsent sein. Was am Freitagabend mit der „All-Singing, All-Dancing Yiddish Revue“ zu sehen war, ist allerdings seine letzte Inszenierung als Intendant. Ein Abend von ihm, nicht für ihn. Keine Oper, keine Operette – für eine Revue hat er sich entschieden. Was den Vorteil hat, dass sich in diesem bunten Potpourri leicht alle Mitstreiter und Mitstreiterinnen aus den vergangenen zehn Jahren auf der Bühne versammeln lassen.

Kennt jemand in Deutschland den Begriff „Catskill“? Es handelt sich dabei um einen Ausläufer der Appalachen, um die höchste Bergkette in der Umgebung von New York City. Hier, so lernen wir, entstand nach dem Zweiten Weltkrieg ein Zentrum jüdischen Entertainments, mit Hotels, Theatern, Nachtclubs. Mel Brooks, Bette Midler, Sammy Davies Jr., Barbra Streisand sollen hier ihre ersten erfolgreichen Schritte auf der Bühne unternommen haben. Aus diesem kreativen Kosmos schöpft Kosky jetzt für seine – in bewährter Zusammenarbeit mit Choreograf Otto Pichler und Dirigent Adam Benzwi entstandene – Revue. Und befeuert das Publikum mit Salven jiddischer Fantasiekünstlernamen: Mizzi Rubinstein and the Otto Pickler Dancers, Lola Levenshuss, Yoselle Rosenblatt and his Flat Floozy Boys, Ruben Zellman and the Choir of Temple Beth Emmanuel.

Alle singen auf Jiddisch

Dahinter stecken sehr reale Künstler und Künstlerinnen: die Geschwister Pfister, Katharine Mehrling, Dagmar Manzel oder, vom Ensemble, Philipp Meierhöfer, Alma Sadé, Peter Renz, der Chor der Komischen Oper. Sie alle singen auf Jiddisch, jene dem Deutschen so nahe und doch so ferne Sprache, die sich in Osteuropa herausgebildet hat, aber nach dem Holocaust heute nur noch von rund 1,5 Millionen Menschen im Alltag benutzt wird, viele davon orthodoxe Juden in Jerusalem – oder New York. Das hat fast automatisch etwas poetisches, sehr Fernes, und doch war es ja immer auch ein Projekt der Intendanz von Barrie Kosky, das Jiddische wieder stärker als „normale“ Sprache im Bewusstsein zu verankern.

Komische Oper Berlin : Ein Knish wird kommen

Die Geschwister Pfister als „The Bagelman Sisters“Foto: Monika Rittershaus

Klassiker sind im Programm, „Bei mir bistu sheyn“ oder „Hava Nagila“, vor allem aber völlig unbekannte Songs, die allerdings alle – falls sich das Programmheft hier nicht einen großen Spaß erlaubt – realen Musicals und Operetten entnommen sind. Dabei dreht sich vieles ums Essen, zwei Damen, die als „Claire und Merna Epelbaum“ vorgestellt werden, loten alle Facetten von Latkes (frittierte Kartoffelpuffer) und Knish (mit Kartoffelbrei gefülltes Gebäck) aus – oder ums Muttersein, eine Künstlerin namens Sylvie Sonitzki wird als „Mezzo aus Minsk“ präsentiert und tastet sich an diesem Abend tatsächlich am dichtesten an die Fülle des Operngesangs heran, wenn sie „Ikh bin a mame“ singt – „Ich bin eine Mutter“. Doch sie hat gar kein Kind.

An dieser Stelle öffnet sich eine Schere. Die Show gibt sich das Gepräge einer Jazz- und Swing-Leichtigkeit, die aber von den häufig ernsten und melancholischen Texten nicht immer eingelöst wird. Die erzählen eher davon, dass es besser ist, nicht ans Morgen zu denken, wenn man heute einen Zipfel vom Glück erhaschen kann. Der Widerspruch von Text und Musik kann produktiv wirken, oft funktioniert er aber auch einfach nicht.

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Davon unberührt bietet sich dem Auge immer wieder ein visuelles Fest: Zum Donauwellenwalzer fließt ein heller Vorhang auf die Bühne, als sei’s eine Gletscherzunge, Tänzerinnen gleiten mit riesigen Büscheln aus wippenden Federn auf dem Kopf vorüber und strahlen dabei die Anmut von Quallen in blauen Ozeantiefen aus. Und dann ist da noch Max Hopp, der als „Max Hoppelsteiner“ das Schwerste überhaupt auf sich nimmt: Stand-up-Comedy, also völlig allein und ohne jede musikalische Untermalung den rund eintausend Menschen im Publikum, die im Dunkeln sitzen, Witze zu erzählen. Was, wenn es nicht zündet, Lavaströme von Fremdschämen ausschütten kann. Allein: Es funktioniert! Wenn Hopp die Geschichte von „Herschel, the Magnificent Jew“ erzählt, der nackt auftritt („Stellen Sie sich die größte männliche Ausstattung vor, die sie je gesehen haben – und multiplizieren Sie sie mit vier“) und mit seinem Instrument Walnüsse zertrümmert, liegt der Saal flach vor Lachen. Ein echter Höhepunkt.

[ „Barry Kosky’s All-Singing, All-Dancing Yiddish Revue“, 12., 15., 18., 21., 23., 26. (2x) und 29.6. sowie am 2. und 6.7. und zwei Mal zum Spielzeitabschluss am 10.7.]

Hopp war auch tragende Säule in Koskys Inszenierung von Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ – insofern fügt sich sein Auftritt sehr schön ins Gesamtkonzept des Abends ein. Der auch eine Summe von Koskys Intendanz ziehen will, indem er nochmal die jüdisch geprägte Musikkultur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts serviert, das Publikum mit Neuem, Unbekanntem konfrontiert und herausfordert – und indem er zeigt, dass es auch in Deutschland andere Wege gibt, sich mit jüdischer Kultur zu beschäftigen, als nur über Hitler und Auschwitz. Der gute Wille ist spürbar, aber trotz aller Schrillheit, allen Farben entgeht diese Revue nicht einer gewissen Monotonie, zu viel vom Gleichen, es dauert mit drei Stunden auch übermäßig lange. Zum Grand Finale kommen alle Mitwirkenden nochmal auf pyramidal gestaffelten Podesten zusammen, während die „Otto Pickle Dancers“ die Beine zum Can-Can in die Höhe werfen.

In einer längeren Rede beschwört Kosky die „rätselhafte, schamanische Kraft“ des Theaters, die kein Kino, kein Streaming, kein Facebook je wird ersetzen können. Er wird sich ihrer weiter bedienen, hier an der Komischen Oper.

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