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Kolumne Spiegelstrich : Die Mutigen von Leipzig

Die Sprache der Macht lebt von Hülsen. Das stellt unser Kolumnist fest, als er Stationen der friedlichen Revolution besucht und empfiehlt sie auch Volker Bruch.

Kolumne Spiegelstrich : Die Mutigen von Leipzig

Wir sind das Volk. Montagsdemonstration am 23.10.1989 in Leipzig.Foto: DPA/DPAWEB

Kolumnist Klaus Brinkbäumer ist Programmdirektor des MDR in Leipzig. Sie erreichen ihn per Mail unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de oder auf Twitter unter @Brinkbaeumer.

Wer Texte verfasst, sollte vermutlich hin und wieder darüber nachdenken, wo und wann dies geschieht. Also: am 3. Oktober, also: in Leipzig. Und darum spaziere ich, ehe ich schreibe, zu Stationen der Friedlichen Revolution, beginne in der Nikoilaikirche, wandere zum Gewandhaus und zum einstigen Sender Leipzig, weiter zur Runden Ecke, Dittrichring, dem ehemaligen Bunker, damals „Bezirksverwaltung der Staatssicherheit Leipzig“, heute Museum.

Die Abhörgeräte sehen aus, als seien sie zwei Jahrhunderte alt; gleichfalls antik wirken die Brieföffner. Die Fotos geheimer Krematorien finde ich hier; die schmale Pritsche und den Tisch in einer trost- und hoffnungsfreien Gefängniszelle; leuchtend stolze Trikots der zu erziehenden Jugend; und Papiere über Papiere, endlose Sätze und Wörter, entkoppelt von der Gegenwart, zwar Deutsch, doch verbraucht.

Jedermann an jedem Ort, jede Woche mehrmals Sport

Hannah Arendt schrieb: „Das Bedürfnis zu denken entsteht immer dann, wenn wir das Empfinden haben, dass Worte in ihrer gewöhnlichen Bedeutung eher verdunkeln als erhellen.“

Die Sprache von damals klingt heute bisweilen heiter, da väterlich verrutscht: „Jedermann an jedem Ort, jede Woche mehrmals Sport“, sagte Walter Ulbricht.

Öfter allerdings klingt jene Sprache dreist, da maßlos in ihrem Machtrausch.

Kolumne Spiegelstrich : Die Mutigen von Leipzig

Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.Foto: Tobias Everke

Erich Mielke sagte im Februar 1982: „Wir sind nicht davor gefeit, dass wir einmal einen Schuft unter uns haben. Wenn ich das schon jetzt wüsste, würde er ab morgen nicht mehr leben. Kurzer Prozess. Weil ich ein Humanist bin. Deshalb habe ich solche Auffassung. Das ganze Geschwafel von wegen nicht Hinrichtung und nicht Todesurteil – alles Käse, Genossen. Hinrichten, wenn notwendig auch ohne Gerichtsurteil.“

Die Todesurteile der einstigen DDR wurden ab 1960 hier in Leipzig vollstreckt, zunächst per Fallbeil (Dienstanweisung: „Der Verurteilte ist mit dem Rücken zum verdeckten Hinrichtungsgerät aufzustellen“), dann per Genickschuss; es geschah in der Südvorstadt, in der hübschen Alfred-Kästner-Straße.

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Meistens klingt die Sprache der Macht bloß leer und plump, denn sie besteht aus Hülsen, aus Akronymen, „-ung“-Wörtern und sonstigen Substantivierungen, und diese mussten wohl zwanghaft auch noch gekoppelt werden. Solche Sätze wurden’s dann: Die „grundsätzliche politisch-operative Aufgabe“ aller Diensteinheiten ist „die vorrangige, zielgerichtete Aufklärung, Kontrolle und Bearbeitung von Personen und Erscheinungen, die potentielle Unsicherheitsfaktoren bzw. Gefahrenmomente darstellen und in OV, OPK u.a. operativ bedeutsamen Ausgangsmaterialien erfaßt sind sowie die rechtzeitige Einleitung erforderlicher Maßnahmen zur vorbeugenden Verhinderung von Schäden und Gefahrenzuständen sowie des öffentlichkeitswirksamen Auftretens feindlich-negativer Kräfte“.

Wahnsinnig tapfer, die Montagsdemonstrationen

Wie erschöpfend das gewesen sein muss, in dieser Gesellschaft durchzuhalten, gradlinig zu bleiben. Und wie wahnwitzig tapfer, in dieser Stadt die Montagsdemonstrationen zu starten und so lange weiterzumachen, bis das Land vereint war; dieses Land, unseres, das mich heute überrascht, wenn Bündnis 90/Die Grünen und die FDP ihre Vorsondierung (ein Wort, als käm‘s von Honecker) so diskret und vergnügt hinbekommen, dass ich glauben möchte, Vertrauen und Teamgeist seien möglich, wenn alle verstanden haben, wie Transformation klappen kann: nur so nämlich, ansonsten halt nicht.

Das Land überrascht mich zwar auch, wenn ich #allesaufdentisch anklicke, wo Volker Bruch eine Coronameinungsdiktatur beklagt, in der kritische Stimmen nicht gehört würden.

Ich verneige mich allerdings lieber vor wahrem Mut, schweige gleich andächtig und empfehle Herrn Bruch zuvor einen Ausflug nach Leipzig.

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