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Kolumne „Spiegelstrich“ : Die Fehler der Kandidaten

Warum tun sich westliche Gesellschaften so schwer damit, die Klimakrise anzugehen? Eine Antwort gibt eine TV-Reportage über den Wahlkampf in Deutschland.

Kolumne „Spiegelstrich“ : Die Fehler der Kandidaten

Gemeinsames Foto-Shooting: Robert Habeck und Annalena Baerbock im Bundestagswahlkampf.Foto: SWR/ ECO Media

Klaus Brinkbäumer ist Programmdirektor des MDRin Leipzig. Zuvor war er unter anderem Chefredakteur des „Spiegel“. Sie erreichen ihn unter Klaus.Brinkbaeumer@ extern.tagesspiegel.de oder aufTwitter unter @Brinkbaeumer.

Wenn die Klimakrise die eine relevante Krise unserer Zeit ist, warum schaffen westliche Gesellschaften es dann nicht, sie anzugehen? Auf zwei Antworten kommt Katharine Hayhoe, kanadische Klimaforscherin, in ihrem Buch „Saving Us“: Kommunikationswirrwarr und Angst.

Im Prinzip, schreibt Hayhoe, seien wir uns einig: Das Wetter verändert sich, der Klimawandel geschieht. In den USA zählen 92 Prozent der Menschen zu jenen fünf Gruppen, die Hayhoe für erreichbar hält: den Alarmierten, Besorgten, Vorsichtigen, Unengagierten, Zweifelnden. Nur acht Prozent seien Leugner und nicht weiter störend: Politische Wirkkraft braucht keine 100 Prozent. Destruktiv aber: Progressive wollten handeln, verlangten Gesetze. Konservative zögerten, fürchteten ökonomische Schwäche. Die Öl- und Kohleindustrie streue Lügen in die Debatte, finanziere die Konservativen. In polarisierten Gesellschaften werde eine eigentlich unstrittige Frage darum zu einer Frage der Werte, der Ideologie.

Die Furcht vor der Lösung komme hinzu, „solution aversion“. Weil die Lösung so anstrengend ist, werden Ausreden herbeigeholt, die dafür sorgen, dass wir noch nicht handeln, heute noch nicht, aber bestimmt ja dann morgen.

Kino und Konzertsaal in 25 Stunden: ein Kulturschock

Ein dritter Grund fiel mir auf, als ich innerhalb von 26 Stunden in einem Kino und einem Konzertsaal war, was nach den vergangenen 20 Monaten übrigens zu einem Kulturschock führte. Im „Babylon“ in Berlin sah ich den Film „Wege zur Macht“, den Stephan Lamby über den Wahlkampf gedreht hat (doppelte Anmerkung: für die ARD; und wir sind befreundete Kollegen). In diesem Film sind Fehler zu bestaunen, und sie schmerzen noch immer. Wir sehen, wie Söder und Laschet herumplustern und wenig wollen außer Macht. Wie Söder Laschet über den eigenen Rückzug nicht informiert, dann doch informiert, via Medien. Wie Laschet während der Flut lacht. Was wäre gewesen, wenn der Kandidat einen Meter weiter rechts und außerhalb des Blickfelds der Kameras gelacht hätte, fragte Lamby. Das Lachen in der Katastrophe ist mehr als ein Fehler, bleibt Symbol für die Abwesenheit von Ernsthaftigkeit.

[Welche Partei hat welche Ziele: Die Programme der Parteien für den Bundestagswahlkampf unter https://www.tagesspiegel.de/themen/wahlserie/]

Und erst die Grünen. Wir sehen, wie sie in Führung liegen und wissen, was möglich wäre, und doch die Falsche zu ihrer Kandidatin erklären; sie tun dies wegen der eigenen Befindlichkeit (wie Unternehmen, die Interna wichtiger finden als die Kundschaft und alle Energie nach innen richten). Wie Baerbock das überflüssigste Buch in der Geschichte des Buches zusammenkloppt und sich das Mitleid von Alice Weidel verdient. Wie die Grünen Ablenkung und Trivialität beklagen und dafür sorgen, dass über Triviales geredet wird. Filmstoff: Habecks Blicke. Und sein Schweigen, als Baerbock die Kampagne entgleisen lässt, sein Satz, dass er in jenen Tagen in den Ferien war, im Zelt.

Wenn Gewinner keine Sieger sind

Scholz tritt auch auf, sagt wenig, muss nicht kämpfen, denn in Lambys Erzählung muss Scholz bloß zusehen: Wenn Verlierer ihre vielen Fehler machen, braucht der Gewinner kein Sieger zu sein.

Dann, in der Laeisz-Halle in Hamburg, moderierte ich eine Lesung. Boris Herrmann, der Segler, berichtete von seinem Rennen um die Welt, 80 Tage lang allein auf See. „Man muss seinen Lebenstraum verfolgen“, sagte er, was denn sonst?

Herrmann erzählte von der Akribie in den Jahren der Vorbereitung, der Präzision bei allem: der Navigation, der Wetterkunde, dem Schlaf, der Ernährung, natürlich der Pflege des Schiffes, den Handgriffen an Bord. Man kann, selbst wenn man’s angeht wie er, in nebliger Nacht ein Fischerboot rammen; das ist dann Pech kurz vor dem Ziel, auch das ist das Leben.

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