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Klimaschädliche Kraftwerke : Wie der Kohleausstieg in China, Indien und den USA gelingen kann

Viele Länder setzen weiter auf Kohlekraft und befeuern die Klimakrise. An drei Beispielen zeigt sich, warum der Ausstieg schwer ist – und wie er sich bewältigen ließe.

Klimaschädliche Kraftwerke : Wie der Kohleausstieg in China, Indien und den USA gelingen kann

Für die indische Kohleindustrie arbeiten teilweise Menschen aus bettelarmen Verhältnissen.Foto: Reuters

Die Energiepreise steigen und steigen, ein Ende ist noch nicht in Sicht. Deutschland bangt um Gaslieferungen aus Russland, China kann gar nicht genug Kohle für seine Industrie bekommen und in Großbritannien prügeln sich Menschen buchstäblich um das knappe Benzin an den Tankstellen. 

Doch während Strom aus der Verbrennung von Gas sich immer weiter verteuert, erlebt die nun teils günstigere Kohle eine Renaissance wie in den USA oder in Großbritannien. Ausgerechnet der klimaschädlichste Energieträger auf der Welt.

Die zeitweise Wiederbelebung der Kohlekraft darf über eine Tatsache aber nicht hinwegtäuschen: Will die Weltgemeinschaft die 1,5-Grad-Grenze nicht reißen, muss die Menschheit laut Weltklimarat die Kohleverstromung bis spätestens 2050 beenden. 

Gelingt das nicht und die Emissionen steigen, zieht die weiter eskalierende Klimakrise voraussichtlich noch mehr Dürren, Überschwemmungen und Stürme nach sich – mit immer mehr Folgekosten für Wirtschaft und Gesellschaft. Viele Länder tun sich allerdings noch schwer damit, die Finger von der Kohle zu lassen. 

Auch Deutschland hat sich vor Jahren in einem politischen Kraftakt auf das Ende der Kohleverstromung bis spätestens 2038 geeinigt und zahlt den betroffenen Regionen wie zum Beispiel der Lausitz insgesamt 40 Milliarden Euro für den bevorstehenden Strukturwandel. Mittlerweile sind sich Experten weitgehend einig, dass der Kohleausstieg bis 2030 stattfinden muss, um die deutschen Klimaziele zu erreichen.

Klimaschädliche Kraftwerke : Wie der Kohleausstieg in China, Indien und den USA gelingen kann

Mehr als 1000 Kohlekraftwerke laufen derzeit in China.Foto: AFP

Zu den drei größten Kohleverbrennern und -förderern auf der Welt gehören jedoch China mit mehr als 1000 Kohlekraftwerken, Indien mit rund 280 und die USA mit 250 Kohlekraftwerken. Das zeigen Daten der US-amerikanischen Nichtregierungsorganisation „Global Energy Monitor“. 

Umso wichtiger wird es sein, dass diese Länder im Kampf gegen die Klimakrise zeitig das Ende für den klimaschädlichsten Energieträger einläuten. Dabei stehen sie vor teils unterschiedlichen, teils ähnlichen Herausforderungen.

China kann seinen unbändigen Energiehunger nicht stillen

Nis Grünberg, Analyst bei der Berliner Denkfabrik „Merics“, erklärt die Entwicklung in China so: „Der Kohleanteil am gesamten Energiemix sinkt um etwa einen Prozentpunkt pro Jahr, obwohl China weitere Kohlekraftwerke baut.“

Der Grund: Die Volksrepublik und ihre gigantische Industrie verbrauchen immer mehr Strom, und den steigenden Bedarf stillt das Land mit einem enormen Ausbau der Wind- und Sonnenenergie. Aber eben auch teilweise mit mehr Kohleenergie, sagt Grünberg. „Deshalb gibt es immer mehr neue Kohlekraftwerke, während Kohle im nationalen Energiemix an Bedeutung verliert.“

Klimaschädliche Kraftwerke : Wie der Kohleausstieg in China, Indien und den USA gelingen kann

Kühltürme wie hier bei einem Kohlekraftwerk in Shanghai sind typisch für die Anlagen.Foto: AFP

China will jedoch trotz seiner mehr als 1000 Kohlekraftwerke bis 2060 CO2-neutral werden, was das Land in eine Zwickmühle bringt. Der Experte glaubt: China werde deshalb zunächst schnell viele neue Kohlekraftwerke ans Netz bringen, sie dann aber relativ rasch wieder abbauen – also zum Beispiel nach 20 Jahren Lebensdauer statt 30 bis 40 Jahren.

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„Damit der Kohleausstieg auch in China gelingen kann, braucht es neben dem massiven Ausbau der erneuerbaren Energien ein intelligentes Stromnetz. So kann die Energie zuverlässig in andere Teile des Landes gelangen.“ Wind- und Sonnenenergie schwanken nämlich, weil die Sonne nicht durchgängig scheint und der Wind nicht immer weht. Auf diese vielen Schwankungen sind die Stromnetze aber noch nicht ausgerichtet.

Chinesische Industrie spürt bereits den Druck

Grünberg sagt auch: „Wenn die energieintensive Industrie von der Kohle loskommen will, muss die Zentralregierung auch ihren technischen Umbau vorantreiben.“ Das bedeutet vor allem: Elektrifizieren, wo es nur geht, und ansonsten auf Wasserstoff umschwenken. 

Klimaschädliche Kraftwerke : Wie der Kohleausstieg in China, Indien und den USA gelingen kann

Den wachsenden Energiehunger will China auch mit neuen Kohlekraftwerken stillen.Foto: AFP

Statt zum Beispiel mit Kohle Stahl zu kochen, müssten die Hersteller dann das farblose Gas in sogenannten Direktreduktionsanlagen einsetzen und auf diese Weise den Baustoff produzieren. Laut Grünberg spürt die chinesische Industrie bereits den Druck, weniger Kohle zu verbrauchen, weil sie auf Wunsch der Regierung immer sauberer und effizienter werden muss. 

„Die nächsten fünf Jahre werden zeigen, ob China seine strengeren Klimaziele auch verwirklicht“, sagt Grünberg mit Blick auf die immer strengeren Vorgaben. Dass auch China die Energiewende trotz aller Abhängigkeiten international trägt, hat eine aufsehenerregende Nachricht Ende September gezeigt: Der Staatspräsident Xi Jinping kündigte vor der versammelten Weltgemeinschaft bei den Vereinten Nationen an: „China wird keine neuen Kohlekraftwerke mehr im Ausland bauen.“

Die indische Kohlelobby ist mächtig

Mit 280 Kohlekraftwerken belegt Indien Platz 2 bei den weltweit größten Kohleförderern und -verbrennern. Jan Steckel, Klimaökonom am Berliner Klimaforschungsinstitut MCC, hat zur Energiewende in Indien geforscht. Für ihn ist klar: Indien wird sich besonders schwer damit tun, von der Kohle loszukommen.

„Traditionell ist die Kohleenergie vor allem in den östlichen Provinzen Indiens ein wichtiger Arbeitgeber“, sagte er dem Tagesspiegel. „An der Industrie hängen Millionen von Arbeitsplätzen. Und zwar nicht nur in den Minen, sondern zum Beispiel auch bei der Indischen Eisenbahngesellschaft, die die Kohle durchs Land transportiert.“

Die Kohle werde vor allem durch öffentliche Energieunternehmen gefördert und verbrannt. „In der Vergangenheit haben diese Energiekonzerne in den Provinzen Häuser für indische Arbeiter gebaut, die meistens aus bettelarmen Verhältnissen stammen – und sie kümmern sich auch um ihre Krankenversicherung.“ 

Klimaschädliche Kraftwerke : Wie der Kohleausstieg in China, Indien und den USA gelingen kann

Gerade in den östlichen Provinzen Indiens hängen unzählige Jobs an der Kohleindustrie.Foto: Reuters

Aus diesem Grund hätten die Abgeordneten aus den Regionen ein großes Interesse daran, dieses funktionierende System zu unterstützen. Und in einem föderalen System wie in Indien kann die Zentralregierung nur schwer gegen die Interessen der kohleabhängigen Provinzen regieren, erklärt Steckel.

„Viele Kohlekraftwerke in Indien sind wegen alten Stromabnahmeverträgen außerdem hoch profitabel. Weil diese Verträge so lange Laufzeiten haben, lohnen sich die Kraftwerke auch wirtschaftlich für die Betreiber.“ Bei diesen Verträgen sicherte die öffentliche Hand den Kraftwerksbetreibern großzügige Preise für den produzierten Kohlestrom zu.

Für die Wind- und Sonnenenergie sei es deshalb umso schwieriger, auf dem Energiemarkt gegen den Platzhirschen Kohle zu bestehen. Doch Steckel sieht trotz aller Hürden eine Chance für einen Ausstieg. „Neue Verträge sichern der Kohle keine großen Vorteile mehr. Gleichzeitig sinken die Preise für Erneuerbare“.

Wer hilft den Kohlearbeitern?

Allerdings fehlt für einen stärkeren Ausbau oft das Kapital. Ausländische Investoren bräuchten Sicherheit, wenn sie Windräder oder Solarkraftwerke in Indien errichten, zum Beispiel durch Exportgarantien. Dabei verbürgt sich die heimische Regierung des Investors dafür, bei einem möglichen Zahlungsausfall das verlorene Geld oder entstandene Kosten zu übernehmen.

Ein weiterer Punkt, den Steckel anspricht: „Viele Kohlekraftwerke in Indien sind extrem alt und gelten als wahre Dreckschleudern. Wenn die Behörden die geltenden Umweltstandards vor Ort durchsetzen würden, würden einige Kohlekraftwerke bereits vom Markt gehen.“

Klimaschädliche Kraftwerke : Wie der Kohleausstieg in China, Indien und den USA gelingen kann

Arbeiter bohren auf einem offenen Kohlefeld im östlichen Bundesstaat Jharkhand.Foto: Reuters

Wie in vielen anderen Ländern müssten auch das indische Stromnetz auf Vordermann und Energiespeicher aufgebaut werden, um die schwankenden erneuerbaren Energien auch zuverlässig verteilen zu können. „Für diesen Übergang zu einem nachhaltigen Energiesystem braucht auch ein Land wie Indien noch Hilfe. Das geht nur, wenn die westlichen Länder auf der kommenden Klimakonferenz in Glasgow ihre Zusagen für Klimafinanzierung einhalten und für Indien und andere Länder jedes Jahr 100 Milliarden Dollar auf den Tisch legen.“

Abgesehen von Hürden wie alten Verträgen, überholten Stromnetzen, Investitionsrisiken und finanziellem Hilfsbedarf sieht Steckel in dem indischen Kohleausstieg vor allem eine offene soziale Frage. „Die Politiker in den Kohleprovinzen müssen bei einem Ausstieg klären, wie sie die vielen Arbeiter und armen Menschen sozial absichern wollen – und wie sie in den Regionen neue Industrien ansiedeln und alternative Jobs schaffen werden.“ Solange das die Verantwortlichen nicht täten, „wird politisch nicht viel passieren“.

In den USA könnte der Markt die Kohlekraft erledigen

Wie der Kohleausstieg in den USA gelingen kann, weiß Andreas Goldthau, Energieforscher am Potsdamer Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS). „Die USA beziehen fast 20 Prozent ihres Stroms aus der Kohle, und sind zurzeit auch weiterhin auf sie angewiesen.“ 

Viele bestehende Kohlekraftwerke seien allerdings mehr als 40 Jahre alt und stünden damit bereits kurz vor ihrem Ende. „Jetzt ist die Frage: Wie soll die Zukunft aussehen? Will das Land die Kohlekraftwerke modernisieren, oder durch erneuerbare Energien ersetzen?“

Klimaschädliche Kraftwerke : Wie der Kohleausstieg in China, Indien und den USA gelingen kann

Die Kuppel des Kapitols in Washington D.C. (USA) ist hinter dem Qualm des Kapitol-Kraftwerks zu sehen, dem einzigen Kohlekraftwerk…Foto: dpa

Goldthau weist daraufhin, dass die US-amerikanischen Betreiber bereits in den vergangenen Jahren viele Kohlekraftwerke abgeschaltet haben – „ein riesiger Verlust der Kohle im Energiesystem “. Der Grund: „Das billige Erdgas aus dem Fracking hat die Kohle schlicht verdrängt.“

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Beim Fracking brechen Förderer zunächst die Böden über Erdgas- und Erdölvorkommen auf. Dabei bohren sie das Gestein mit schwerem Gerät auf, pumpen Flüssigkeit in gasführende Gesteinsschichten und reißen auf diese Weise den Untergrund auf. So lässt sich das Erdgas dann fördern. Mit dieser Technik avancierten die USA innerhalb von 20 Jahren zum größten Erdgasproduzenten der Welt und schrumpften gleichzeitig die heimische Kohleindustrie.

Goldthau zufolge werden die restlichen knapp 20 Prozent Kohlestrom nach und nach aus dem US-amerikanischen Energiemarkt verschwinden: „Den Kohleausstieg in den USA treibt zu einem großen Teil die Innovationskraft vieler Energieunternehmen voran. Denn viele dieser regional verwurzelten Firmen können ihren Wind- und Solarstrom zum Teil günstiger anbieten als den Kohlestrom, und auch ganz ohne Subventionen.“ 

Bis 2035 soll der Strom in den USA co2-frei sein

Befeuern würden diesen Trend auch ökobewusste US-Amerikaner in Küstenstaaten wie Kalifornien und New York, die immer mehr Grünstrom einfordern und Kohlestrom meiden wollen. Zudem drückten die Energieunternehmen den Preis für Ökostrom zunehmend mit sogenannten „Skaleneffekten“. „Vor der Küste der Urlaubsinsel Nantucket soll zum Beispiel ein gigantischer Offshore-Windpark entstehen und Strom zu wettbewerbsfähigen Preisen liefern“, erklärt Goldthau.

Auch die US-Politik treibe den Kohleausstieg dem Forscher zufolge schrittweise voran. „US-Präsident Joe Biden hat ein Gesetzespaket zur Erneuerung der Infrastruktur durch den Senat gebracht. Dieser Plan bedeutet viel mehr Ladeinfrastruktur für E-Autos, Geld für den weiteren Aufbau der Batterieindustrie und Steuererleichterungen für erneuerbare Energien.“ 

Diese Anreize würden erneuerbare Energien gegenüber der Kohlekraft bevorteilen und damit indirekt den Kohleausstieg forcieren. „Das Gesetzespaket wird eine Billion US-Dollar über mehrere Jahre verteilt unter anderem in grünere Infrastruktur hineinpumpen. Der Bedeutungsverlust der Kohle ist zwar nicht die primäre Idee dabei, aber eine Art politisch erzeugter Nebeneffekt.“

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Gerade in den ländlichen Regionen sind viele US-Amerikaner traditionell auf Jobs in der Industrie angewiesen.Foto: imago

An anderer Stelle entziehe die US-Politik der Kohle ebenfalls die Grundlage. „Die Behörden machen den Energieunternehmen immer strengere Vorgaben und fordern mit jedem Jahr mehr nicht-fossil erzeugten Strom.“ So haben sich die USA das Ziel gesetzt, bis 2030 mindestens 80 Prozent ihres Stroms aus „sauberen“ Quellen zu beziehen und bis 2035 komplett CO2-frei zu gestalten.

Innovationskraft, billige Erneuerbare, politischer Rückhalt und strenger werdende Standards: Mit all diesen Dingen werde der Kohleausstieg in den USA gelingen, ist sich Goldthau sicher. Nur dürfe der Umbau der Wirtschaft im Landesinneren der USA kein weiteres Trauma nach sich ziehen und keine Industriebrachen entstehen lassen wie in den 70er Jahren. 

Damals wanderte die Schwerindustrie aus den USA ins billigere Asien ab. Die Regionen verarmten infolge und erlebten einen wirtschaftlichen Niedergang. „Nur wenn man die Menschen in den betroffenen Regionen mitdenkt, kann der Kohleausstieg funktionieren.“

Preisschocks belasten Übergang zu klimafreundlichen Energiesystemen

Die Lage in China, Indien und den USA zeigt, wie schwierig es sein kann, von der Kohleenergie loszukommen – ob wegen alten Stromnetzen, steigendem Energiehunger oder der Angst vor Jobverlusten. Doch die Fälle zeigen auch, dass die Erneuerbaren als günstige Energiequelle der Kohle immer mehr Marktanteile streitig machen können und den Boden für eine aufstrebende klimafreundliche Industrie bereiten – mit vielen neuen Arbeitsplätzen. 

Klimaschädliche Kraftwerke : Wie der Kohleausstieg in China, Indien und den USA gelingen kann

Die Kohlekraft hat in den USA immer mehr an Bedeutung verloren.Foto: imago

Voraussetzung dafür ist oftmals ein entschlossener Ausbau von günstiger Wind- und Sonnenenergie, modernere Stromnetze und ein gerechter Übergang für die Menschen in den Kohleregionen. Derzeit füttern angesichts stark steigender Energiepreise immer mehr Regierungen auf der ganzen Welt die klimaschädlichen Energieträger Kohle, Öl und Gas indirekt mit massiven Subventionen, um so den Druck von den Geldbeuteln ihrer Bevölkerung zu nehmen. 

Das geschieht bereits auf unterschiedliche Art und Weise in Frankreich, Griechenland oder Spanien, um ärmere Haushalte vor den aktuell hohen Energiepreisen zu schützen. Allerdings verzögern diese kurzfristigen Maßnahmen auch den Übergang zu einem sauberen Energiesystem und verlängern die Lebensdauer der Fossilindustrie künstlich.

Es wird sich deshalb noch zeigen müssen, ob die Weltgemeinschaft auf der Klimakonferenz Anfang November in Glasgow wie vorgenommen den globalen Kohleausstieg befördern wird, und damit einen entscheidenden Schritt im Kampf gegen die Klimakrise geht.

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