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Kinodrama über einen Syrer als lebendes Kunstwerk : Das Schengen-Visum als Tattoo

Flüchtlingsdrama trifft Kunstbetriebssatire: In „Der Mann, der seine Haut verkaufte“ erzählt Regisseurin Kaouther Ben Hania von einem teuflischen Pakt

Kinodrama über einen Syrer als lebendes Kunstwerk : Das Schengen-Visum als Tattoo

Pickel im Bild. Künstler Jeffrey Godefroi (Koen de Bouw) wird ungemütlich, wenn seinem Kunstwerk Sam Ali (Yahya Mahayni) Beulen…Foto: Eksysten Filmverleih

Der Kunstbetrieb ist an Zynismus nur noch von der Realität zu überbieten. So könnte die These lauten, die Kaouther Ben Hania in „Der Mann, der seine Haut verkaufte“ in Form einer beißenden Satire aufstellt. Allerdings herrscht in ihrer in ästhetische Bilder gewandeten Geschichte eine weniger eindeutige, sondern ambivalente Tonalität.

„Der Mann, der seine Haut verkaufte“ erzählt eine krasse Geschichte. Der Syrer Sam Ali gerät 2011, im Jahr des Kriegsausbruchs, aus nichtigem Anlass ins Visier der politischen Polizei und setzt sich in den Libanon ab. Er verliert seine Liebe Abeer (Dea Liane) an einen betuchten Konkurrenten, der ihr ein Leben in Belgien ermöglichen kann.

Der Künstler will die Haut

Und als der Großkünstler Jeffrey Godefroi (Koen de Bouw) auf Sam aufmerksam wird, der auf seiner Vernissage in Beirut Häppchen klaut, lässt er sich auf einen mephistophelischen Pakt ein. Nur, dass der dämonische Godefroi nicht seine Seele will, sondern seine Haut.

„Waren zirkulieren in dieser Welt leichter als Menschen“, bemerkt der Künstler und tätowiert Sam ein Schengen-Visum auf den Rücken. Als lebendes Kunstwerk genießt der junge Mann plötzlich die Reisefreiheit und den Luxus, von denen er als Geflüchteter nur träumen konnte.

„Du bist auf der richtigen Seite der Welt geboren“, benennt er seine Lage als Persona non grata gegenüber Godefroi. Der steht als Zeremonienmeister des dekadenten Kunstbetriebs geradezu in der Pflicht, mit drastischen Mitteln auf die Perversität einer Weltordnung hinzuweisen, in der die Papiere eines Menschen über sein Schicksal bestimmen. Sein Gratismut endet mit dem Höchstgebot von fünf Millionen bei einer Kunstauktion.

Die Szene, in der Sami Ali mit bebender Miene auf einem Podest hockend, auf einer Drehbühne vor das Auktionspublikum gefahren wird, gehört zu den stärksten Auftritten der „lebenden Leinwand“. Der Schauspieler Yayah Mahayni wurde für diese buchstäblich körperliche Rolle in Venedig ausgezeichnet.

Sein impulsiver Sam ist keineswegs nur Leidtragender, sondern auch ungeduldiger Nutznießer und trotziger Liebender. Sams muskulöser Oberkörper wird im hehren Halbdunkel des Museums dekorativ als erlesene Skulptur inszeniert.

Heuchlerische Ignoranz und Voyeurismus

Das mutet streckenweise an wie bei Peter Greenaway. Und auch die barocken Streicherklänge verwandeln sich immer wieder in dramatisch-minimalistische Michael-Nyman-Schleifen. Die voyeuristischen, den Körper abtastenden Blicke der Kamera (Christopher Aoun) sind genauso amoralisch wie die Blicke der Kunstcrowd, die Schlange steht, um Godefrois neueste Provokation zu bestaunen. Heuchlerische Ignoranz vereint die Bildungselite und das Kunstsammlerpaar, das Sams Rücken völlig legal verkauft, mit dem Kinopublikum vor der Leinwand.

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Gnädig eingängig wirken dagegen die ironischen Highlights. Etwa wenn der Museumdirektor nach einem von Sams Ausrastern sagt: „Ich bin es nicht gewohnt, dass Kunstwerke unberechenbar sind.“ Oder wenn der Künstler seine nicht minder arrogante Agentin Soraya (Monica Bellucci) anherrscht, weil ein Pickel sein Werk deformiert.

Während der Hautarzt Sam unter dem grotesken Vergrößerungsspiegel von der Eiterbeule befreit, nimmt ein Schild mit der Aufschrift „Restaurierung“ seinen Platz ein. Dass das Flüchtlingsdrama und die Liebesgeschichte die Kunstbetriebssatire, wie Ruben Östlund sie 2017 mit „The Square“ ähnlich scharf vorgelegt hat, dominieren, kostet Ben Hania erzählerischen Drive und im Hals steckenbleibende Lacher, ist dem Ernst des Themas aber angemessen.

[„Der Mann, der seine Haut verkaufte“ läuft in elf Berliner Kinos (auch OmU).]

Den Gruselfaktor der Geschichte verstärken nicht nur die Hiobsbotschaften aus Syrien, die Sam von seiner Familie hört, die er mit dem Verkauf der Haut ernährt; sondern auch die Tatsache, dass sein Rückenkunstwerk schließlich im heiligen Weiß einer Galerie hängt. Sollten Großkünstler und der Kunstmarkt gar über Leichen gehen? So wie es auch die EU-Einwanderungspolitik tut?

Das „lebende Kunstwerk“ existiert wirklich

Im Fall des Kunstwerks, von dem sich Kaouther Ben Hania zu ihrer Politsatire inspirieren ließ, ist zumindest die Häutung eines privilegierten Schweizers klar geregelt. 2008 hat der belgische Konzeptkünstler Wim Delvoye den Rücken des Zürcher Tattoo-Studio-Besitzers Tim Steiner mit einer Kreuzigungsszene verziert.

Das Werk kaufte ein Kunstsammler. Teil der Vereinbarung ist nicht nur, dass Steiner gegen Bezahlung seinen Rücken mehrere Wochen im Jahr in Galerien zeigt, sondern auch, dass die Haut posthum operativ entfernt und ausgestellt wird. Die eigene Haut zu Markte zu tragen, ist im Kapitalismus nie nur eine Redensart gewesen.

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