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Kapitalismuskritik von Jörg-Uwe Albig : Alle sind willige Geiseln der Marktlogik

In „Das Stockholm-Syndrom und der sadomasochistische Geist des Kapitalismus“ führt Jörg-Uwe Albig mit Witz und analytischer Schärfe die Perversität der Gegenwart vor.

Kapitalismuskritik von Jörg-Uwe Albig : Alle sind willige Geiseln der Marktlogik

Teilnehmender Beobachter. Der Autor Jörg-Uwe Albig, 61.Foto: Christina Zück/Verlag

Subversion, die in Identifikation umschlägt und dann wieder in Subversion kippt. Die feine Linie zwischen Widerstand und (Über-)Affirmation. Teilnehmende Beobachtung, die von beobachtender Teilnahme kaum zu unterscheiden ist. Diese Themen bearbeitet der Schriftsteller und Journalist Jörg-Uwe Albig seit nunmehr über 20 Jahren in seinen satirischen und zugleich psychologisch versierten Werken.

„Zornfried“ lotete zuletzt die Faszination eines Reporters für neurechte Rhetorik aus; in seinem neuen Roman „Das Stockholm-Syndrom und der sadomasochistische Geist des Kapitalismus“ kehrt Albig auf das vertraute Terrain seiner früheren Bücher zurück: die heillose Verstrickung der Menschen in die Widersprüche des Kapitalismus. Auch dieses Mal setzt er uns in ein brillant ausgeleuchtetes Zerrspiegelkabinett, das uns einen neuen Aspekt unserer vermeintlichen Normalität in seiner Perversität vorführt.

Nonchalant behauptet der Roman Entführungen als völlig legitimes Geschäftsmodell; ganz smooth übersetzt seine Hauptfigur Katrin Perger das titelgebende Stockholm-Syndrom mit dem Begriff „Kundenbindung“ aus ihrem Business-Coaching-Repertoire. Aus diesen subtilen Verstörungseffekten speist sich der Witz des Romans, der über weite Strecken trägt, den eher schwachen Plot allerdings nicht ganz zu kaschieren vermag.

Sein polemisch-akademischer Titel bezeichnet zugleich die abgelehnte Diplomarbeit der Ich-Erzählerin Katrin Perger, ehemals Familientherapeutin, nun Business-Coach für mittelständische Unternehmen. Zu ihrem Leidwesen sind Fragmente ihrer im jugendlichen Fanatismus verfassten Abschlussarbeit noch immer auf dem linken Blog eines ehemaligen Studienkollegen zu lesen – doch tatsächlich beschert ihr dieser Umstand ausnahmsweise einen lukrativen Auftrag: Das schwäbische Familienunternehmen „Human Solutions“ unter Leitung von Sabine Seggle heuert sie an, ihren „hochsensiblen Geschäftszweig“, der „Waren mit hohem Servicebedarf“ vertreibt, zu optimieren.

Was sich dahinter verbirgt, errät Katrin Perger spätestens, als sie den neuen Kunden der Firma kennenlernt, der aktuell in einer abgelegenen Berghütte residiert – oder besser gesagt: von zwei stämmigen „Kundenbetreuern“ festgehalten wird. Bei der Geisel handelt es sich um den Kunstsammler Frido von Sendmühl, „geschätzt seine zwanzig Millionen wert“, wie sich Sabine Seggle erhofft. Womit sie allerdings nicht gerechnet hätte: Dass sich weder seine Geschwister noch seine Frau sonderlich für die Rückkehr des arroganten Chauvinisten interessieren.

Theorie und Fiktion fließen ineinander

Angelegt ist das Ganze als Kammerspiel mit diversen Rückblenden; dazwischen gibt es Auszüge aus der titelgebenden Diplomarbeit zu lesen: Katrin Perger skizziert darin den legendären Überfall auf die Sverige Kreditbank in Stockholm 1973, bei dem die Geiseln überraschend mit ihren Geiselnehmern sympathisierten. Ausgehend von diesem Vorfall und unterfüttert mit Zitaten von Luc Boltanski, Ève Chiapello oder Natascha Kampusch, stellt sie die Theorie auf, dass wir alle Geiseln einer alles durchdringenden Marktlogik seien, mit der wir willig kooperieren.

Das mag zunächst gewagt klingen, liest sich aber schlüssig, eloquent und einnehmend. So einnehmend gar, dass man sich im Lauf der Lektüre fragt, ob es sich hier tatsächlich um eine pointierte Gesellschaftsanalyse handelt – oder ob wir uns von einer verblendeten Ideologie um den Finger wickeln lassen? Schließlich begreift die Hauptfigur ihre früheren Ergüsse inzwischen als jugendliche Radikalität, die längst einem realistischeren Weltbild gewichen ist.

Oder erlag sie vielmehr selbst den Zwängen des Marktes, also dem Stockholm-Syndrom, das sie dazu bewegte, ihre frühere Sichtweise als naiv und realitätsfern abzutun? In jedem Fall haben wir es mit einem klugen Schachteleffekt zu tun, der die These des Stockholm-Syndroms eher zu bestätigen als zu negieren scheint.

Dass Theorie und Fiktion organisch ineinander fließen würden, lässt sich über diesen Roman indes nicht behaupten. Als Bindeglied zwischen beiden Teilen dient vor allem Pergers euphemistischer Management-Sprech, durch den die Verhörszenen in der Berghütte mehr und mehr zu Therapiesitzungen geraten. „Vielleicht sehen Sie das aber mal als Chance, Herr von Sendmühl, sich zu fragen, wie wir beide zu mehr gegenseitigem Vertrauen beitragen können“, sagt sie etwa zu ihrer im Dunkeln gefangen gehaltenen Geisel.

Detailreichtum, analytische Schärfe und Witz

Das ist nicht nur komisch, sondern wirft die Frage auf, was in dieser Lebens- und Arbeitswelt eigentlich pathologisch und was eine gesunde Anpassung an die Verhältnisse ist. Und auch, wieso wir Industriezweige wie Massentierhaltung, Waffenhandel oder die Auto-Branche als normale Bestandteile der freien Marktwirtschaft begreifen, Entführungen und Geiselnahmen jedoch als offensichtlich kriminell.

Albigs Grundidee besticht durch ihren Detailreichtum, ihre analytische Schärfe und ihren Witz – was nicht darüber hinwegtäuscht, dass in seinem grotesken Tableau nicht allzu viel passiert. Ähnliches gilt für seine Figuren: Zwar stattet der Autor sie liebevoll mit allerlei Marotten und Eigenheiten aus, die er originell und pointiert vorzuführen weiß: So heißt es etwa über Sabine Seggle: „Sie wandte sich dem Apfel-Möhrensalat zu, pflügte ihn um, mischte die bereits gründlich gemischten Späne noch einmal, als traute sie der Mischung nicht.“ Doch bleiben sie letztendlich Karikaturen ihrer selbst.

Mindestens bei der Ich-Erzählerin hätte man sich mehr Einblicke in deren Innenleben gewünscht, die eine oder andere Ambivalenz, kurz: einen Facettenreichtum, der dem ihrer Diplomarbeit gerecht wird. So bleibt der Eindruck, dass ihre „arme Theorie, die zu schön gewesen war für diese Welt und vielleicht auch für die Wahrheit“, die Realität fast besser abzubilden versteht als die Fiktion, die Albig um sie herum baut.

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